Krypto-App der Börse Stuttgart: Glattes Parkett

Krypto-App der Börse StuttgartAuch die Börse Stuttgart will vom Boom der Krypto-Währungen profitieren. Foto: Pixaybay/geralt/CC0

Eine Krypto-App der Börse Stuttgart soll das große Interesse der Anleger bedienen. Die Verbraucherzentrale ist skeptisch.

Die Stuttgarter Börse steigt in das Geschäft mit digitalen Kunstwährungen wie Bitcoin, Ether und Ripple ein. Im Herbst soll eine Smartphone-App, genannt Bison, auf den Markt kommen und damit den Handel mit diesen Kunstwährungen ermöglichen, die im vergangenen Jahr einen ungewöhnlichen Aufschwung erlebt haben. So ist zum Beispiel der Bitcoin-Kurs im Verlauf des Jahres 2017 von unter 1000 Dollar bis auf 20 000 Dollar gestiegen – und anschließend wieder gesunken; in dieser Woche hat ein Bitcoin etwa 8400 Dollar gekostet.

Alexander Höptner, Geschäftsführer der Stuttgarter Börse, begründet das Engagement seines Hauses so: „Wir sehen, dass es ein Rieseninteresse von Privatanlegern an dieser neu entstehenden Anlageklasse gibt.“ Nach Schätzungen beträgt das globale Handelsvolumen aller Kryptowährungen auf Börsen und Portalen täglich mehr als 20 Milliarden Dollar.

Die Spezialisten von Sowa Labs feilen an den Details

Die Stuttgarter Börse verspricht Anlegern mit Bison einen unkomplizierten und sicheren Handel. Den Prototyp hat die Börse im April auf der Finanzmesse Invest in Stuttgart vorgestellt; seitdem feilen die Spezialisten der Ulmer Konzerngesellschaft Sowa Labs an den Details. Ulli Spankowski, Geschäftsführer des Fintechs, bezeichnet Bison als weltweit erste Krypto-App, „hinter der eine traditionelle Wertpapierbörse steht“. Die Stuttgarter Börse hat Sowa Labs im Oktober vergangenen Jahres über eine Tochter gekauft, die in neue Geschäftsmodelle und Start-ups investiert.

Höptner sieht keinen Gegensatz zwischen dem Anspruch der Stuttgarter, eine Börse im Dienst der Privatanleger zu sein, und dem Engagement auf einem hochspekulativen und intransparenten Markt mit teilweise dubiosen Investoren und „hohem Betrugspotenzial“ (Finanzaufsicht Bafin)..Immer wieder gibt es Berichte über Hackerangriffe, Sicherheitslücken und Manipulationen.

„Das Umfeld ist noch nicht stabil“, räumt Höptner ein, „es fehlt an Standardisierung und verlässlichen Prozessen für Kunden. Genau hier sehen wir als Börse Stuttgart mit unserer großen Erfahrung den geeigneten Ansatzpunkt.“

Die Krypto-App der Börse Stuttgart ist Symbol für Innovation

Die Krypto-App der Börse Stuttgart soll kostenlos abgegeben werden. Die Börse will auch für Transaktionen keine Gebühren verlangen; die Einnahmen werden nach den Plänen aus der Differenz zwischen den Kursen im Ankauf und im Verkauf erzielt, dem sogenannten Spread. Aber Höptner kündigt an: „Erweiterte Sicherheitsleistungen werden möglicherweise kostenpflichtig sein.“ Entscheidungen sind zwar noch nicht gefallen, aber Höptner hält differenzierte Sicherheitsangebote für denkbar. „Ein Kunde könnte sich zum Beispiel für eine Hochsicherheitslösung entscheiden, müsste dann aber in Kauf nehmen, dass er nicht mehr so schnell agieren kann“, sagt der Geschäftsführer. „Ein anderer Kunde wird vielleicht die Möglichkeit zum schnellen Handeln wichtiger finden.“

Höptner stellt sich darauf ein, dass der bisher weitgehend unregulierte Markt der Kryptowährungen, die keine gesetzlichen Zahlungsmittel sind und deshalb von der Bafin als Ersatzwährungen bezeichnet werden, künftig stärker kontrolliert wird. „Wir gehen bei der Ausgestaltung unserer App aktiv auf die Aufsichtsbehörden zu und setzen hier auf Transparenz“, sagt er. Auch Hans Peter Burghof, der an der Uni Hohenheim einen Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen hat, rechnet damit, dass sich der bisher freie Markt der Kryptowährungen verändern wird.

Dass die Börse mit dem Engagement auf dem riskanten Markt einen Imageschaden riskiert, weiß Burghof, der auch Mitglied des Börsenrats ist. So hat etwa der Flop des Markts für Mittelstandsanleihen das Ansehen der Stuttgarter nicht gerade gehoben. Aber er hält den Schritt trotzdem für richtig: „Wenn sich die Märkte ändern, dann muss sich auch die Börse ändern“, sagt er. „Ohne Innovation ist die Regionalbörse tot.“

Auch Wall Street und Nasdaq schielen nach  Kryptowährungen

Skeptischer über die Krypto-App der Börse Stuttgart äußert sich der Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Für ihn ist noch nicht ganz klar, ob die Stuttgarter einen regulierten Börsenhandel anbieten oder einen privaten Marktplatz für den Handel der weiterhin unregulierten Kryptowährungen. Letzteres stünde einem Börsenbetreiber aus Nauhausers Sicht nicht gut zu Gesicht, „da Börsen doch bemüht sein sollten, den regulierten Handel zu fördern“. Die Verbraucherzentrale warnt Anleger davor, Geld in Kryptowährungen anzulegen. „Die Wertentwicklung hängt ausschließlich davon ab, welchen Wert Menschen diesen Bits und Bytes in Zukunft noch beimessen. Und das ist heute einfach nicht vorherzusehen“, sagt Nauhauser.

Bitcoin & Co. ist mittlerweile überall in der Finanzwelt ein Thema. So hat jüngst der Medienkonzern Thomson Reuters eine Umfrage durchgeführt, nach der 20 Prozent der befragten Finanzunternehmen über einen Einstieg in den Handel mit Kryptowährungen noch in diesem Jahr nachdenken. Passend dazu hat vor wenigen Wochen die große US-Technologiebörse Nasdaq eine Vereinbarung mit der Kryptobörse Gemini abgeschlossen. Gemini kann jetzt die Überwachungssoftware der Nasdaq nutzen. Auch über die mögliche Einrichtung eines Handelsplatzes für Kryptowährungen bei der Nasdaq berichten Medien.

Der kanadische Börsenbetreiber TMX, so heißt es aus anderer Quelle, habe ähnliche Pläne wie die Börse Stuttgart. Angeblich will auch die Wall-Street-Mutter Intercontinental Exchange eine Kryptobörse gründen. Zudem werden der Investmentbank Goldman Sachs Pläne für den Einstieg in das Geschäft nachgesagt. So ahnt auch Höptner: „Ich glaube nicht, dass wir dauerhaft alleine bleiben werden. Dafür ist das Umfeld einfach zu interessant.“

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