Kreative in Stuttgart (1): Die Stadt soll sexy werden

Kreative in StuttgartDie Diskussionsteilnehmer und das Team von Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten traf sich im Startup-Zentrum Code_n Spaces des IT-Dienstleisters GFT Technologies in Stuttgart; Foto: Lichtgut/Zweygarth

Jammern gehört für Kreative in Stuttgart nicht zum Handwerk: Weniger Bürokratie, eine Prise mehr Offenheit und Gelassenheit in der  Stadt  standen bei einem Roundtable-Gespräch von IdeenwerkBW.de  oben auf dem Wunschzettel.

Wenn man ein buntes Team an Akteuren aus der Stuttgarter Kreativbranche   zusammenwürfelt und an einem Runden Tisch zusammenbringt, dann ist manches anders. Das liegt nicht nur daran, dass Krawatten und Businessanzüge Fehlanzeige sind. Es wird auch klar, dass dies eine Branche ist mit relativ kleinen Unternehmen, mit Leuten, die es gewohnt sind, ihr eigenes Ding zu machen, nach ihren eigenen Regeln. Man duzt sich und man kennt sich in der trotz ihres Wachstums in den vergangenen Jahren noch überschaubaren Szene. Die einen oder anderen kennen sich schon aus Praktikantenzeiten.
Als die Moderatorin Anne Guhlich, Ressortleiterin Wirtschaft für Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten,  danach fragte, was Kreative in Stuttgart von der neuen Landesregierung erwarten, biss niemand so recht bei diesem oft doch so willkommenen Köder für Lobbyismus in eigener Sache an.  „Diese Standortdiskussion finde ich gar nicht so wichtig. Die Politik kann da doch nichts machen“, sagte Achim Jäger von der Werbeagentur Jung von Matt.

„Aufstehen morgens, fleißig sein, einen guten Job machen – dann kommt es von selber.“ Die Kreativen in Stuttgart sind  allerdings ziemlich selbstbewusst, was das Potenzial der Szene angeht. Man möge Kreative in Stuttgart doch bitte schön einfach machen lassen, hieß es.

Selbst Subventionsgelder bezeichnete Florian Rederer von der Schokolade Filmproduktion als „kleine Nettigkeiten“: „Das Jammern, dass hier die Bedingungen angeblich so schlecht sind, ist Quatsch.“ Es gebe eben viele Leute, die sich beschwerten, dass sie nichts geschenkt bekommen. Selbst die viel gelobte, staatlich geförderte Filmakademie, sagte Jäger, sei ohne das hartnäckige Engagement von Einzelnen nicht entstanden. „Ich glaube auch, dass der Unternehmergeist die treibende Kraft ist“, sagte Robin Hofmann von der Akustik-Agentur HearDis, die sich darauf spezialisiert hat, Unternehmensidentität und Werbebotschaften mithilfe von  Klängen und Musik zu verkörpern. „Ich erwarte von der Politik, dass sie mir keine großen Steine in den Weg legt.“

Kreative in Stuttgart lassen sich schwer unter einen Nenner bringen

Die am Tisch präsenten Branchenvertreter zeigten aber auch, wie heterogen der Begriff Kreativwirtschaft ist. Gegenüber von Robin Hofmann  saßen Vertreter klassischer Werbeagenturen wie Achim Jäger Jung von Matt und Matthias Straub von FischerAppelt. Ulrich Wegenast vom Film- und Medienfestival ist in einem Bereich tätig, in dem es weniger ums Geschäft als um die Kultur geht.

Ester Petri von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) und Jens Gutfleisch von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) standen für Organisationen, die im öffentlichen Auftrag die Kreativbranche voranbringen wollen. Weitere Teilnehmer waren Christoph Malessa von der auf visuelle Effekte spezialisierten Firma Pixomondo,  Florian Rederer von der Schokolade Filmproduktion sowie Janusch Munkwitz, der nicht nur Inhaber der Szene-Bar Paul & George, sondern auch noch  Architekt ist.

Es sind  für die meist kleineren Unternehmen die kleinen Probleme, die das Leben schwer machen.  Die Kreativbranche in Stuttgart wünscht sich eine Politik und eine Bürokratie, die lieber weniger tut als mehr. Ob eine Stadt für Kreative attraktiv sei, entscheide sich oft an der Atmosphäre in der Stadt, hieß es unisono. Robin Hofmann nannte das Beispiel einer Rikscha mit Kaffeeverkauf, die sich in der Stadt gerade im Genehmigungsdschungel verheddere. „Kann man im Umgang mit der Subkultur nicht lockerer werden?“  Die Offenheit einer Stadt zeige sich auch an der Flexibilität, den Straßenraum auch einmal für Aktivitäten zu nutzen – und dafür ein paar Parkplätze zu opfern. Wenn die Kneipen nachts um eins zumachen und beliebte Treffpunkte wie das Zollamt in Bad Cannstatt nach Anwohnerbeschwerden schließen müssten, treffe dies das für die Branche wichtige Image der Stadt, hieß es.

Man müsse der Stadt  „das Schwerbürgerliche“ austreiben, meinte Jäger. Neben den beiden Faktoren Technologie und Talent gebe es für kreative Standorte ein drittes, entscheidendes T, sagte Matthias Straub: „Das ist die Toleranz.“ Stuttgart habe bei den beiden ersten Faktoren viel zu bieten. An Nummer drei müsse man noch arbeiten: „Die Leute gehen am liebsten dorthin, wo sie eine tolerante und freie Umgebung vorfinden.“
Wer Kreative in Stuttgart haben wolle, müsse ihnen auch die Gelegenheit geben, sich auszuprobieren, sagte Janusch Munkwitz von Paul & George: „Wie viele Lebensformen sind denkbar und möglich?“ Um begabte junge Leute zu den Unternehmen nach Stuttgart zu locken, genüge  die Qualität des Arbeitsplatzes nicht. „Der Partner, der nachziehen soll, findet die Stadt vielleicht nicht so toll, auch wenn das Arbeitsklima stimmt“, sagte Christoph Malessa von Pixomondo.

Ulrich Wegenast vom Film- und Medienfestival warnte allerdings, davor die Rolle öffentlich gesetzter Rahmen­bedingungen einfach so wegzuwischen: „Ich möchte doch auch einmal eine Lanze für die Bedeutung von Politik brechen. So einfach ist die Welt doch nicht gestrickt.“ Weltweit greife die Politik etwa durch ihre Steuerpolitik in den Wettbewerb der Branche ein. „Ohne Filmakademie gäbe es unser Unternehmen nicht“, so pflichtete ihm Florian Rederer bei.

Die Branche sieht sich in Stuttgart im Aufschwung

Bei einem waren sich die Beteiligten trotz aller Gegensätze einig: Die Kreativbranche in Stuttgart hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren enorm entwickelt. Man mag vielleicht in der breiten Öffentlichkeit nicht ganz die Strahlkraft haben wie Hamburg, München oder Berlin, doch insbesondere die potenten Unternehmen in der Region, die sich inzwischen viel kreative Expertise von außen einkaufen, sorgen für einen lukrativen Markt. „Der Grund, warum wir hier sind? Hier sitzt das Geld“, sagte Robin Hofmann. „Und Nähe ist wichtig. Man hätte zwar gern die Agentur aus London oder Paris – aber dann will man doch, dass die Verantwortlichen jeden Tag bei einem antanzen.“  Und wenn man dann die Leute erst mal einfliegen müsse, werde es teuer.

Die Überschaubarkeit sei nicht unbedingt immer ein Nachteil, sagte Janusch Munkwitz von Paul & George: „Es passiert immer wieder, dass man sich bei einer Tasse Espresso über den Weg läuft. Hier kannst du in Echtzeit netzwerken.“ Vielleicht solle Stuttgart ein wenig am schwäbischen Minderwertigkeitskomplex arbeiten, sagte Ulrich Wegenast vom Film- und Medienfestival: „Wir sind überall die Zweitbesten. Und wir haben dabei eine gewisse Selbstzufriedenheit. Das ist gemütlich und angenehm. Wir machen aber bessere Butterbrezeln – das kann man doch auch einmal sagen!“

Im Vergleich zu den großen Konzernen etwa aus der Automobilindustrie sei es schwierig, die Branche in ihrer Kleinteiligkeit nach außen wahrnehmbar zu machen, sagte Ester Petri von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG). „Das ist viel schwieriger, wenn ich so eine kleinteilige Branche habe, als wenn ich ein paar große Firmen wie Daimler, Porsche und Bosch habe.“

Die Teilnehmer am Runden Tisch  waren sich am Ende einig, dass sich Kreative in Stuttgart   nicht nur an den im Vergleich zu anderen Firmen kleinen Umsatz- und Beschäftigtenzahlen messen lassen, sondern auch an der belebenden Funktion für das Klima in der Stadt. „Die klassische Wirtschaftspolitik kann sich da nur müh­selig andocken“, sagte Ulrich Wegenast. „Mercedes wird der rote Teppich ausgerollt – aber nicht den anderen.“

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