KI in Baden-Württemberg – im Duo mit Frankreich?

KI in Baden-WürttembergDer Mathematiker und Präsidentenberater Cédric Villani und die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut plädieren für eine deutsch-französische KI-Allianz. Foto: Lichtgut/Willikonsky

Die eine will  KI in Baden-Württemberg zum Leuchturm machen. Der andere hält eine deutsch-französische Allianz  bei der Künstlichen Intelligenz für unschlagbar: Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) und Frankreichs Präsidentenberater Cédric Villani im Doppelinterview.

Herr Villani, was sollte man als Bürger über Künstliche Intelligenz wissen?
Das sind anspruchsvolle Algorithmen, die Aufgaben bewältigen können, die Intelligenz erfordern. Versuchen Sie nicht, den Begriff genauer zu fassen. Ein berühmter KI-Forscher hat einmal gesagt: „Wenn es zu funktionieren beginnt, hörst du auf, es Künstliche Intelligenz zu nennen.“ Diese Technologie betrifft alle Aspekte unseres Lebens. Bei KI geht es sehr stark um Vertrauen, weil viele ihrer Möglichkeiten noch offen sind. Man darf sie nicht den Experten überlassen.

Worüber sollte sich unsere Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut am stärksten Sorgen machen, wenn es um die KI in Baden-Württemberg geht?
Ich glaube, dass sie sich der Herausforderungen, Chancen und Risiken bewusst ist. Es gibt in Baden-Württemberg und Frankreich so viele fähige Experten und technische Expertise. Wir müssen nur zusammenarbeiten und es zusammen anpacken!

Frau Hoffmeister-Kraut, arbeiten wir tatsächlich eng genug zusammen?
Der Bund muss die Pläne für ein deutsch-französisches Zen­trum für die KI-Forschung möglichst schnell umsetzen. In Baden-Württemberg werde ich die Kommerzialisierung von KI vorantreiben. Im Maschinenbau, der Gesundheitswirtschaft und im Automobilbau halten immer mehr KI-Anwendungen Einzug. Dafür müssen wir die Voraussetzungen schaffen, dass die Unternehmen – auch die kleinen – das umsetzen können.

Prescht Baden-Württemberg im Vergleich mit dem Bund vor?
Hoffmeister-Kraut Bei der Grundlagenforschung ist Europa weltweit mit führend. Aber andere Länder wie die USA und China hängen auch den Südwesten bei den marktfähigen Produkten weit ab. Darauf müssen wir uns konzentrieren: in der Zusammenarbeit mit Frankreich und mit der EU.

Herr Villani, wie schneidet das Tübinger Cyber Valley – ein neues Forschungsprojekt, das die KI in Baden-Württemberg voranbringen soll –  im weltweiten Vergleich ab?
Ein Urteil steht mir nicht zu. Ich sage nur, dass es großartig ist und noch besser werden wird.

Welche Rolle spielt bei der Künstlichen Intelligenz die ethische Dimension?
Villani Deutschland und Frankreich berücksichtigen die Ethik stark – zu Recht. Die große Herausforderung ist jetzt, zu forschen und neue Anwendungen zu entwickeln. Das Risiko ist, dass man nur über die Ethik und Risiken von KI spricht, aber nichts tut. Aber das ändert sich jetzt.

KI in Baden-Württemberg hat noch kein Ethikgremium

Frau Hoffmeister-Kraut, im Cyber Valley wurde aber kein Ethikgremium institutionalisiert?
Hoffmeister-Kraut Noch nicht, aber in Kürze wird auch dort eine Ethikkommission eingesetzt, die die Forschung aktiv begleitet. Es ist klar, dass wir die Menschen für die Zukunftstechnologie gewinnen müssen. Wir müssen KI für die Bürger transparent machen und ihnen auch mitteilen, wenn sie mit einer KI kommunizieren. Wir müssen diese ethische Dimension immer mitdenken, wenn wir neue Anwendungen entwickeln.

Aber warum hat man das in Tübingen mit seiner großen geisteswissenschaftlichen Tradition nicht von vorneherein mitgedacht?
Hoffmeister-Kraut  In Tübingen hat man jetzt erst einmal die Forschungsstrukturen aufgebaut und die Beteiligten aus Wirtschaft und Hochschulen zusammengebracht. Aber es stimmt, wir brauchen Akzeptanz. Wir brauchen in Europa eine werteorientierte KI, die dann aber auch mit China und den USA wettbewerbsfähig ist.
Villani Da möchte ich etwas einflechten. Zunächst hat das Projekt Cyber Valley doch die Aufgabe, in Deutschland etwas in Bewegung zu bringen. Ich erinnere mich bei einer Diskussion an ein aufrüttelndes Papier aus dem Max-Planck-Institut, das dringend appelliert hat, nicht selbstzufrieden zu sein, sondern aufzuwachen. Das wurde sogar in Frankreich übersetzt. Da wurde endlich einmal richtig auf den Tisch gehauen. Baden-Württemberg macht es richtig: Wenn es mit der Bundesregierung schwierig ist, einfach mal etwas machen, auch mit Frankreich. Es ist nicht Aufgabe der Ministerin, im Detail vorzugeben, wie diese Dinge organisiert werden.

Aber der Kern des Geschäftsmodells bei Künstlicher Intelligenz ist doch Vertrauen: Wie kann man die Funktionsweise der KI transparent machen, ohne Geschäftsgeheimnisse zu verletzen? 
Villani Also im akademischen Bereich ist es insbesondere in Europa eine ganz übliche Praxis, transparent mit Daten umzugehen, ohne solche Geheimnisse zu verletzen. Wichtig ist es, eine dritte, neutrale Plattform zu haben, die darüber wacht. In Frankreich arbeiten wir im Gesundheitsbereich gerade daran.

Frau Hoffmeister-Kraut, wo sehen Sie jetzt schon konkreten Regulierungsbedarf? Muss etwa die Diskriminierung der Geschlechter durch KI verhindert werden?
Wir haben in Deutschland ein Antidiskriminierungsgesetz, das die nötigen Regeln aufstellt. Das muss dann auch auf die entsprechenden Technologien angewandt werden. Wenn man etwa die Personalauswahl betrachtet, dann kann es in der Tat zur Diskriminierung kommen. Aber das kann es heute schon. Es muss im ureigenen Interesse der europäischen Anbieter sein, vertrauenswürdige KI zu einem Markenzeichen europäischer KI zu machen und Transparenz und Fairness als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Aber man darf eines nicht vergessen: Bei Amazon, Facebook und Google nutzen die Menschen heute schon Künstliche Intelligenz jeden Tag.
Villani Je weniger technologische Details in den Gesetzen stehen, umso besser. Wir müssen zu flexiblen Entscheidungen in der Lage sein. Wir brauchen eine Algorithmen-Polizei, welche Künstliche Intelligenz testet – etwa darauf hin, ob eine Diskriminierung bestimmter Gruppen stattfindet.

Frau Hoffmeister-Kraut, sollten Sie nicht im Sinne einer europäischen Debatte Herrn Villani gleich mal anheuern?
Der Technologiebeauftragte des Landes, Professor Wilhelm Bauer vom Fraunhofer-Institut für Ar­beitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, baut gerade eine Innovationsplattform KI auf, auf der wir auch den europäischen Austausch suchen. Ich wünsche mir vor allen Dingen, dass das geplante deutsch-französische Zentrum für Künstliche Intelligenz möglichst schnell entsteht. Der direkte Draht zu Herrn Villani ist da ausgesprochen wertvoll!
Villani Meine Überzeugung ist: Wenn Deutsche und Franzosen auf diesem Gebiet vertrauensvoll zusammenarbeiten, dann sind sie unschlagbar.

Herr Villani, wird man Sie also öfter in Stuttgart sehen?
Hoffmeister-Kraut Wir kommen auch gerne nach Paris . . .
Villani Ich bewerbe mich übrigens gerade für den Bürgermeisterposten in der Stadt. Das ist ein ganz anderes Abenteuer. Ich glaube ganz fest, dass wir international denken müssen. Israel ist beispielsweise ein Modell dafür, wie man das Thema Künstliche Intelligenz interdisziplinär angehen und auch als kleines Land mithalten kann. Man muss nichts kopieren, aber man kann sich inspirieren lassen.
Hoffmeister-Kraut Uns muss allen bewusst sein, dass es hier um einen gewaltigen Markt geht. Bis 2030 soll KI rund 13 Billionen Dollar zur weltweiten Wertschöpfung beitragen. Es gibt kaum eine Technologie mit einem solch gewaltigen Wachstumspotenzial für praktisch alle Märkte. Das müssen wir nutzen. Wir haben sehr stark den Anwendungsbezug im Blick. Bisher haben wir noch die Schwäche, dass nicht genügend Produkte daraus entstehen. Wenn wir bei der KI in Baden-Württemberg nicht mitmachen und nicht mitgestalten, werden wir massiv zurückfallen.

Die Ministerin und der Mathematiker
Nicole Hoffmeister-Kraut Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin, Jahrgang 1973, studierte Betriebswirtschaft in Tübingen und promovierte an der Universität Würzburg. Ökonomische Erfahrung sammelte sie als Gesellschafterin und Aufsichtsrätin des Balinger Waagenherstellers Bizerba. Außerdem war sie unter anderem Analystin in London und Frankfurt. Seit 2009 ist sie Mitglied der CDU. Ihr heutiges Amt hat sie seit 2016 inne.
Cédric Villani Der 45-Jährige ist ein Superstar der Mathematik, hat die Fields-Medaille, die als Nobelpreis für Mathematik gilt, gewonnen und für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Strategie für Künstliche Intelligenz (KI) entworfen. Villani ist für La République en Marche Abgeordneter der französischen Nationalversammlung und kandidiert für das Bürgermeisteramt von Paris. 

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