KI bei Bewerbungen – wo liegen Grenzen?

KI bei BewerbungenBeim Festival new.New 2018 in Stuttgart ließ sich der KI-Roboter Sophia interviewen. Führt er einmal Bewebungsgespräche? Foto: Code_n

Personalabteilungen testen KI bei Bewerbungen, um Mitarbeiter zu finden – auch immer mehr Unternehmen in Baden-Württemberg setzen Künstliche Intelligenz so ein.

Mehr als 20 000 Mitarbeiter zählt die HDI-Gruppe, eine der großen deutschen Versicherungen. Die Führungskräfte unter ihnen machen in jüngster Zeit Bekanntschaft mit einer Computerstimme, die in entspannter Form ihre Fähigkeiten analysiert. Die Fragen nach den Sonntagsgewohnheiten oder schönen Erlebnissen scheint unverfänglich, die Analysesoftware dahinter ist verbindlich. Aus den Antworten bestimmt sie, welcher Bewerber oder Mitarbeiter die Führungsstärken beweist, die der Konzern einfordert: Veränderungsbereitschaft, Neugierde, Einflussnahme, mentale Stärke.

„Precire“ heißt die künstliche intelligente Software, die die Aachener Firma Precire Technologies seit 2012 stetig weiterentwickelt. Dafür zerlegt sie die rund 15-minütige Sprachprobe in 600 000 Einzelteile und fügt sie mit Hilfe von Algorithmen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten wieder zusammen. Von einem „psychologisch kompletten Inventar“ der deutschen Sprache  spricht Geschäftsführer Dirk Gratzel, mit dem man den Bewerberprozess steuern könne. Thomas Belker, der für die HDI-Gruppe die Personalentwicklung verantwortet, bezeichnet die Hilfe via Künstlicher Intelligenz – kurz KI – als revolutionären Schritt in der Personalbeschaffung. „Ich bin von Precire absolut überzeugt. Die Ergebnisse sind außergewöhnlich.“

Roboterprogramme, die beim Recruiting helfen – für die HDI-Gruppe ergibt das Sinn. Sie sind schneller, zeitlich flexibler und günstiger als der Test im Assessment-Center und weltweit einsetzbar – Adieu Luxushotel und Flüge in der Businessclass. „Mindestens 70 Prozent weniger Kosten“, betont Belker. Er ist überzeugt, dass die Sprachsoftware bei der Suche und Weiterentwicklung des Führungspersonals erst der Anfang ist. „Da kommt eine andere Welt auf uns zu.“ Man müsse nur lernen, die Roboterprogramme nicht zu vermenschlichen und die Grenzen der Anwendungen selbst definieren. „Am Ende entscheidet der Mensch.“

Führungskräfte im Visier Künstlicher Intelligenz

Seinem Beispiel folgen immer mehr Personalabteilungen – auch bei der Mitarbeiter-Entwicklung. Laut Gratzel setzen unter anderem der Personaldienstleister Randstad, die Unternehmensberatung Roland Berger und der Flughafenbetreiber Fraport AG Precire ein. Der Ludwigsburger Filterhersteller Mann + Hummel nutzt die Software unterstützend in Führungskräftetrainings, wie eine Sprecherin bestätigt – zu dem Thema „Sprache als Führungsinstrument“: „Mit Hilfe der Software und ihrer Analysen können unsere Führungskräfte ihre Sprachkompetenz verbessern.“

Das neue Geschäftsfeld lockt auch die Stuttgarter Oddity-Gruppe. Die Digitalagentur baut um die Sprach-KI neue Angebote auf: Im Fokus stehen Firmen, die ihre Führungskräfte fit machen wollen für den digitalen Umbau. Die Software analysiert dabei vermeintlich nützliche Persönlichkeitsmerkmale wie Veränderungsbereitschaft, Neugierde und Empathie. In einem zweiten Schritt darf die künftige Digital-Elite auf ihren Smartphones Seminar-Bausteine bearbeiten, um ihre Defizite zu minimieren. Noch seien die Module in der Pilotphase, sagt Oddity-Geschäftsführer Simon Umbreit, Firmennamen seien deshalb tabu. Allerdings zählten einige der größten Dax-Konzerne zu den Kunden. „Sie alle wollen die Personalentwicklung verändern. Zurzeit gibt es in der Wirtschaft eine große Bereitschaft, sich auf die neue Welt der Digitalisierung einzustellen.“

SAP testet KI bei Bewerbungen weltweit – Daimler nicht

Auch deshalb drängen Startups auf den Markt. Sie scannen Berufs- und Freundesnetzwerke wie Linkedin, Facebook und Instagram nach möglichen Kandidaten. Vor allem die großen Konzerne und auch Personaldienstleister experimentieren bereits damit, um möglichst schnell und effizient den Bewerbermarkt nach dem richtigen Kandidaten zu durchleuchten, heißt es beim Bundesverband der Personalmanager (BPM). Das russische Stafory setzt gar Roboterprogramme ein, um Bewerber vor allem für einfachere Stellen weitgehend automatisiert auszuwählen. Ikea und der US-Getränkekonzern PepsiCo zählen laut Webseite zu den Kunden. Hirevue wiederum analysiert mit automatisierten Videointerviews – Video-Recruiting genannt – die Bewerber und erstellt ein Ranking. Das US-Unternehmen hat wie auch Stafory in Deutschland wohl schon aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Chance. Die Hirevue-Webseite nennt Mercedes-Benz dennoch als Referenz. Man wisse nicht, weshalb man dort stehe, beteuern die Stuttgarter. Beim Thema KI bei Bewerbungen sei man abstinent.

SAP dagegen testet die neue Job-Welt global – intern und mit Kunden: So helfe eine Software bei der Erstellung von Stellenanzeigen, indem sie versteckte Vorurteile reduziere und auf möglichst inklusive Formulierungen achte, sagt ein Sprecher. Eine andere gleiche Lebensläufe von Bewerbern mit offenen Stellen ab, ebenfalls möglichst vorurteilsfrei. „Die Kolleginnen und Kollegen gewinnen dadurch mehr Zeit für die persönliche Interaktion mit den Kandidatinnen und Kandidaten. Die Maschine ist lediglich Ratgeber.“

Bosch setzt auf Video-Interviews

Martin Becker, Geschäftsführer von Viasto, einem der führenden Anbieter von Video-Recruiting-Software in Europa, begrüßt diese Einstellung zur KI bei Bewerbungen. „Andere Personaler fragen sich nicht, was sie eigentlich im Zuge der Digitalisierung im Unternehmen erreichen wollen – Hauptsache, es ist etwas mit KI.“ Becker schätzt, dass fünf bis zehn Prozent der Firmen in Deutschland Video-Recruiting professionell nutzten, die Künzelsauer Würth-Gruppe und die Haufe-Gruppe aus Freiburg zählten zu den eigenen Kunden, was man allerdings nur bei Haufe bestätigen will. Das Prinzip: Mit Viastos „Interview Suite“ laden Arbeitgeber zum Beispiel Kandidaten zu zeitversetzten Video-Interviews ein. Beginnt der Bewerber das Interview, muss er die eingeblendeten Fragen in einer definierten Zeit der Computerkamera beantworten. Die Aufzeichnungen nutzen die Personalverantwortlichen als Entscheidungshilfe.

Dabei werde KI bei Bewerbungen nicht eingesetzt, um die Kandidaten in irgendeiner Form einzustufen – im Gegenteil zu anderen Anbietern, betont Becker. Die hauseigene KI analysiere die Anforderungsprofile aus Stellenausschreibungen und entwickele daraufhin Fragen für Job-Interviews, die für die Besetzung einer Stelle und den Gesprächsverlauf hilfreich sein könnten. „Die KI kann eben auch den Hinweis geben, dass eine bestimmte Frage einen Bewerber vergraulen könnte.“ Auch Bosch nutzt die Viasto-Plattform – für das Trainee-Programm für Nachwuchsführungskräfte. 1000 Interviews im Jahr führe man pro Jahr – allerdings noch ohne künstlich intelligente Hilfe, sagt ein Sprecher. Fragen formuliere man lieber selbst. Die Möglichkeit, mit der Software zeitversetzt Interviews aufzuzeichnen, sei dennoch vielversprechend. Zumal diese von den Mitarbeitern aus dem Personalbereich jederzeit und auch alleine ausgewertet werden könnten. „Dadurch steigern wir die Objektivität und Zuverlässigkeit in der Vorauswahl.“

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER