Jossi Vardi – der Mensch macht die Innovationen

Jossi VardiYossi Vardi wie er leibt und lebt. Foto: Loic Le Meur, CC-BY-2.0

IdeenwerkBW-Schwerpunkt Baden-Württemberg und Israel (3 und Schluss): Jossi Vardi, der Gründervater des israelischen Technologie-Booms ist inzwischen in Startup-Kreisen weltweit eine Legende.  Er ist ein besonders origineller Kopf in der globalen Investoren-Elite.

Der ältere Herr, der sich zum  Frühstücksgespräch im Hotel nahe des Badestrands von Jaffa in Tel Aviv an den Tisch setzt, wirkt eher wie ein israelischer Rentner im Urlaubs-Outfit als ein ausgebuffter Investor. Auch die manchmal Kapuzenpulli tragenden Technologie-Gurus von der US-Westküste wollen sich locker geben. Aber so wenig Arroganz und so viel Selbstironie wie bei Jossi Vardi ist dann doch echt israelisch. Nein, cool wirken will der 75-Jährige ganz gewiss nicht.

Und doch hat er wie kaum ein anderer dazu beigetragen, dass binnen zwei Jahrzehnten das kleine Land Israel zu einem der bedeutendsten Startup-Zentren weltweit aufgestiegen ist: „Ich habe sehr naiv angefangen und nicht gleich daran gedacht, Kasse zu machen. Ich habs getan, weil es Spaß gemacht hat.“

1996, als  kaum jemand das Potenzial des Internet einschätzen konnte, hat er auf ein kleines israelisches Gründerteam gesetzt, das mit dem Startup Mirabilis (übersetzt: „erstaunlich“) den ersten Messenger-Dienst fürs Netz entwickelt hat. „Ich habe drei Typen getroffen – und die haben meine Leidenschaft entfacht“, sagt er. Einer davon war sein Sohn Arik.

Der Messengerdienst ICQ ist im Zeitalter von Whatsapp von einst 100 Millionen Nutzer auf nur noch ein Zehntel geschrumpft. Doch die 400 Millionen Dollar, die der Verkauf einbrachte, waren der Beginn von Vardis Karriere als Vater des israelischen Innovationsbooms. „Über Nacht wurde ich groß, blond, dünn und sexy“, sagt der beleibte und untersetzte Herr mit schütterem, schwarzen Haar.  Inzwischen habe er in fast 90 Internetfirmen investiert, sagt er.

Gründer-Persönlichkeiten sind wichtiger als Ideen

Vardis Persönlichkeit steht für ein Erfolgsgeheimnis, das im technologieverliebten Deutschland gerne vergessen wird: „Ich habe eines gelernt: Ich schaue mir nicht mehr die Technologie an, sondern nur noch die Menschen, die dahinter stecken“, sagt Vardi. Er suche Talent, Talent, Talent – und dann noch die richtige Einstellung.  „Ideen sind total überschätzt“, sagt er: „Ich würde sogar sagen, sie sind für den Erfolg einer Firma total irrelevant“. Manche Startups wüssten doch selbst nicht genau, woran sie genau seien. Das müsse man oft erst nach dem Start herausfinden.

Ein gutes Team könne noch eine mäßige Idee erfolgreich machen. Und eine schlechte Gründertruppe schaffe es, selbst das brillianteste Konzept zu versenken.  Und wenn es sein muss, investiert er notfalls auch mal übers Telefon, ohne die Gründer zu treffen, um ja eine große Chance nicht zu verpassen.

Und mit einem kleinen Seitenhieb auf Deutschland, mit dem er als einer der Köpfe hinter dem alljährlichen Münchner Digitalspektakel DLD eng verbunden ist, wirbt er um mehr Emotion bei der Innovation: „Man muss verstehen, dass es um Spaß geht: Die Antriebskraft eines Startups ist nicht das Geld. Da geht es um Anerkennung, Leidenschaft. Es geht um die gemeinsame Anstrengung in der Gruppe.“ Wer so arbeite, spüre eine Verpflichtung gegenüber seinen Freunden – und nicht gegenüber einer anonymen Firma.

Zusammenhalten – das lernt man in einem Land wie Israel

Jenseits einer bestimmten Größe sei es aber damit vorbei – was erklärt, dass viele Startup-Unternehmer gerade in Israel  lieber neu gründen, als eine bestehende Firma noch größer zu machen. Teams schmieden, kleine Gruppen führen, dass lernen Israeli auch in ihren drei Jahren bei der Armee. „Wir holen uns die besten jungen Entwickler. Wir folgen ihnen schon in der Schule – und dann werden sie etwa in die legendäre Cybersicherheits-Einheit  8200  rekrutiert“, sagt Vardi. „Aber wenn ich ihnen zu viel davon erzähle, muss ich sie leider anschließend umbringen“, fügt er hinzu – und lacht.

Der Yom-Kippur-Krieg 1973 habe Israel mit heruntergelassenen Hosten getroffen – seither habe man begriffen, was Technologie für das eigene Überleben bedeute. „Wenn du mal gemeinsam im Krieg warst, dann hältst du zusammen“, sagt Jossi Vardi: „Wir sind ein kleines Land, eher ein Stamm.“

Jossi Vardi ist die Arroganz der Tech-Größen fremd

Menschen- statt Technikkenntnis – und die Bereitschaft zur Improvisation sowie eine schnelle Anpassung an veränderte Verhältnisse, sind der israelische Beitrag zur modernen Innovationskultur. Während die Innovatoren von der US-Westküste von der schieren Größe des Silicon Valley und der Macht der dortigen Technikgiganten profitieren können, kann sich einer wie Jossi Vardi Arroganz oder Missionsgeist nicht leisten.  Auch Gründer, die ihm eine Show vormachen wollen, mahnt er unmissverständlich: „Ein Orgasmus lässt sich nicht unendlich oft vortäuschen.“

Er glaubt nicht an den Mythos von der innovativen Elite der Risikokapitalisten, die wie der legendäre Apple-Chef Steve Jobs ein fast übernatürliches Gespür für zukünftige Trends hätten: „Ich bin inzwischen schlauer geworden beim Fehlermachen. Ich war immer sehr kreativ, neue Wege zu finden mein Geld zu verlieren“, sagt er. Er sei gleichzeitig der beste und der schlechteste Risikokapitalinvestor in Israel.

Aber immer seien Menschen das wichtigste:   „Ich verliere mein Geld lieber mit netten Leuten, das ist besser als wenn du es mit Arschlöchern versenkst“.    Von den 86 Firmen, in der investierte, mussten 32 wieder schließen. Doch der Rest reichte für einen guten Schnitt. Wenn man in einem solch frühen Stadium investiere wie er, dann brauche man einfach auch Glück: „Sie müssen den richtigen Zeitpunkt treffen“, sagt er: „Wenn mein erstes Startup 1995 auf den Markt gekommen wäre, dann hätte man nicht genug Nutzer gehabt. Im Jahr 1997 gab es schon acht Konkurrenten – wir waren eben 1996 am Start.“

Menschlich bleiben, nicht größenwahnsinnig werden

Entscheidend sei die Vielfalt der Engagements und die Risikostreuung. Nicht größenwahnsinnig werden, sei das Rezept: „Ein Startup darf nicht zu früh zu viel Geld ausgeben.“ Er mische sich im Gegensatz zu seiner Anfangszeit auch nicht mehr zu sehr ein. „Ich habe die Gründer manchmal zum Wahnsinn getrieben, dabei verstehen die ihre Sache viel besser als ich“, sagt er: „Es braucht eine gewisse Lebensweisheit, um zu akzeptieren, dass man selber unnütz ist.“ Je mehr er auf die Leute vertraue und loslasse, umso erfolgreicher seien sie. Doch diese Kontrolle aufzugeben, falle den Firmen, die sich auch in Deutschland inzwischen verstärkt für die Startup-Kultur interessieren, am schwersten: „Das treibt das mittlere Management zum Wahnsinn.“

Mit Leidenschaft blickt er auf Politik und Gesellschaft in seinem Land. Seine Frau sei eine heldenhafte Friedensaktivistin, sagt er. „Uns hilft nur die totale Inklusion“, sagt er über die Tatsache, dass der Technologieboom in seinem Land zu viele Menschen am Rand lasse: Araber, Palästinenser – auch Frauen, die bisher zu wenig in der Startup-Branche Fuß gefasst hätten.

Und für die hyperehrgeizigen typisch amerikanischen Antreiber von Schlage des Tesla-Gründers Elon Musk oder des Amazon-Chefs Jeff Bezos hat er einen mahnenden Satz parat: „Man darf die Dinge nicht immer nur von einem Hightech-Standpunkt aus betrachten“, sagt er:  „Der Kapitalismus muss menschlich sein.“

Die bisherigen Beiträge des Themenschwerpunktes erschienen am 8.12. und am 11.12.

Der Werdegang von Jossi Vardi
Joseph („Jossi“) Vardi wurde 1942 in Tel Aviv geboren. Er studierte in Haifa Management. Seine Unternehmerkarriere begann er 1969 als er eines der israelischen Softwarehäuser mitgründete.  Anschließend arbeitete er für das israelische Entwicklungsministerium und ging auch als israelischer Wirtschaftsrepräsent in die USA, wo er auch die UN-Mission des Landes beriet.
Nach einer Reihe anderer Investments stieg er 1996 beim israelischen Startup Mirabilis ein. Dessen Messenger-Anwendung ICQ wurde 1998 für 400 Millionen Dollar an den US-Internetanbieter AOL verkauft. Seit der Zeit agiert Vardi als Serien-Investor. Er steigt in der Frühphase von Gründungen ein. Zu seinen Investments gehörten etwa die Ratgeberseite Answers.com, der Internet-Spieleanbieter Come2Play oder der Internet-Adressenverwalter Tucows.

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