Inspekto hat ein Auge für jeden Defekt

Inspekto; IsraelDas Inspektionsgerät in Aktion - über dem Fließband beim Autozulieferer Mahle. Foto: Inspekto

IdeenwerkBW-Schwerpunkt israelische Startups in Baden-Württemberg (1): Inspekto aus Tel Aviv hat ein Gerät entwickelt, das dank KI den Menschen bei der optischen Qualitätskontrolle übertrifft. Das Startup siedelt sich nun in Heilbronn an – als deutsche Firma. 

Das kleine schwarze Kästchen ist unscheinbar – und auf den ersten Blick keine Hochtechnologie. Gut 50 Euro kostet die Kameralinse für das Inspektionsgerät, das sich mit ein paar Handgriffen an jedem Fließband festschrauben lässt. „Der optische Mechanismus des menschlichen Auges bringt ja auch keine Hochleistung. Die eigentliche Sehleistung vollbringt das Gehirn“,  sagt Harel Boren, Mitgründer von Inspekto. Der Schlüssel für das in Israel entwickelte Gerät ist ebenfalls nicht die Optik, sondern die darin steckende Künstliche Intelligenz.

Die optische Inspektion von Bauteilen gehört in fast jeder Fabrik dazu. Sind die Teile, die aus der Maschine herauskommen, nun intakt oder defekt? Für diese Überprüfung sind heute oft noch Menschen zuständig. Das menschliche Gehirn ist für eine solche Mustererkennung perfekt. Schon nach kurzer Einlernzeit, weiß ein Mensch, was ein Kratzer ist, der die Funktionsfähigkeit beeinträchtigt, und welche Macke nur ein kosmetisches Problem ist. Doch das ist für einen Computer keine triviale Aufgabe.

Das Gerät von Inspekto ist autonom lernfähig

Harel Boren. Foto: Inspekto

Doch dem Gerät  von Inspekto muss man nur wenige Beispiele zeigen, dann kann es ohne weiteres menschliches Zutun den Ausschuss treffergenau aussortieren. Einstöpseln und loslegen, heißt die Devise. Es braucht keinen Internetanschluss und keinen Datenaustausch, sondern nur eine Steckdose.  Das System lernt völlig autonom – das ist die Revolution, die durch Künstliche Intelligenz möglich wird. Heute hingegen ist die Installation einer automatischen Qualitätskontrolle aufwendige, auf den Einzelfall zugeschnittene Projektarbeit.

„Im wesentlichen lernt es die zu inspizierenden Produkte so kennen, wie es auch ein Mensch tun würde“, sagt Boren. Dies erlaubt einen Einsatz bei den unterschiedlichsten Materialien und Produktionsprozessen –  ob beispielsweise Gießen, Drucken, Pressen, Stanzen, Laserschweißen oder Zerspanen.  Dass diese Entwicklung aus Israel kommt, ist kein Zufall:  Optische Identifikation ist eine Schlüsseltechnologie für das das israelische Militär – das praktisch jeder Gründer in Israel durchlaufen hat. Israel hat deshalb bei der dafür notwendigen Künstlichen Intelligenz ein großes Know-how.  Dafür stehen auch Startups wie Mobileye, ein weltweit führender Anbieter von Fahrerassistenzsystemen.

Israelische Startups zieht es an den Standort Baden-Württemberg

Mit seinem neuen Unternehmenssitz in Baden-Württemberg will Inspekto ins Herz eines der bedeutendsten Produktionsstandorte der Welt  vorstoßen. Damit ist das Unternehmen typisch für eine Reihe von israelischen Startups. Israel ist auch deshalb Anfang Februar das Partnerland des zweiten baden-württembergischen Startup-Gipfels. Inspekto hat sich sogar in Deutschland niedergelassen und bezeichnet sich jetzt als „deutsches Industrieunternehmen mit israelischer DNA.“  Der Grund? „Hier sprechen die Menschen die Sprache der Produktion“, sagt Boren.  Qualität sei für die deutsche Konkurrenzfähigkeit zentral – und ein Gerät für bessere Qualitätskontrolle habe hier einen Schlüsselmarkt.

Er glaubt an einen Durchbruch analog zum Smartphone: Zuerst kommt ein leicht zu bedienendes Gerät mit unmittelbarem Nutzen. Ist es erst verbreitet, kommen komplexere Anwendungen hinterher:  „Sie können die Inspektionsgeräte potenziell auch ans Internet oder ein WLAN anschließen und Analysen unterschiedlichster Art darüber laufen lassen.“  Da man die Geräte unkompliziert in die klassische Produktion einfügen könne, bauten sie so  elegant die Brücke zur vernetzten  Industrie 4.0: „Das sind zwei Cousins, die erst noch Freunde werden müssen.“ Am Ende sieht er einen Milliardenmarkt.

Heilbronn wird zur Basis für Fertigung, Betrieb und Betreuung

Auch bei der Hardware setzt Boren auf Deutschland. Die optische Ausrüstung kommt schon jetzt von dort. 2019 soll in Heilbronn ein Demonstrations- und Trainingszentrum eröffnet werden, das dann für Verkauf, Betreuung, Schulung und Montage zuständig sein wird. So werden Jobs für Ingenieure entstehen, aber auch für Facharbeiter, die beim Einlernen der Nutzer helfen.  Mehrere hundert Arbeitsplätze, so schätzt Boren, könnten langfristig in die Region kommen. Bisher hat das Unternehmen rund  30 fest angestellte Mitarbeiter. Außer der Forschung und Entwicklung, die in Israel bleiben wird, will Inspekto künftig alles in Deutschland erledigen.

Und wie waren die bürokratischen Hürden für die Unternehmensgründung in Deutschland? „Das ist sehr schwierig und teuer gewesen“, sagt Boren. Er musste sich erst an die Pflicht zur notariellen Beglaubigung  gewöhnen oder daran, dass ein Startup  25.000 Euro an Kapitaleinlage aufbringen muss, wenn es sich als GmbH gründen will.

„In Israel können sie binnen weniger Tage gründen,“ sagt er.  Für Inspekto in Deutschland dauerte es ein halbes Jahr: „Das ist für ein Startup lange. Es ist bewundernswert, wie junge europäische Gründer einen solchen Aufwand stemmen.“  Er habe den Vorteil gehabt, dass er aufgrund früherer Erfolge mit Startups ein Finanzpolster gehabt habe. Und ohne Kontakte wie zum Stuttgarter Alec Rauschenbusch von der Risikokapitalgesellschaft Grazia Equity, den Boren seit Jahren kennt,  hätte man den Sprung nach Deutschland wohl so nicht wagen können. Inzwischen hat man weitere Partner und Investoren wie beispielsweise den Autozulieferer Mahle oder den Zukunftsfonds Heilbronn gefunden.

Inspekto – Spezialist für Künstliche Intelligenz
Das Startup wurde im April 2017 in Israel gegründet. Zurzeit hat man 28 Angestellte und 10 auf freier Basis für die Firma tätige Mitarbeiter. Zurzeit wird das Unternehmen noch von Israel aus geführt, wo auch die Forschung und Entwicklung beheimatet bleiben sollen. Noch in diesem Jahr wird aber in Heilbronn ein deutscher Standort aufgebaut. Dort soll die Überwachungskamera vorgeführt werden. Die Kunden werden dort auch in deren Anwendung geschult. Dazu kommen dann noch Verkauf, Wartung und Endmontage.
Aufgrund der selbstlernenden Künstlichen Intelligenz sind laut dem Startup die Anwendungsmöglichkeiten für die angebotene Kontrollkamera unbegrenzt. Jedes Material, jede Form und jeder Produkttyp können kontrolliert werden. Lediglich zum Start hat man sich auf die in Baden-Württemberg dominierende Autoindustrie konzentriert. Doch die Qualitätskontrolle funktioniert in einer Vielzahl von Branchen ähnlich.

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