Innovationskultur in Deutschland: Locker werden!

Innovationskultur in DeutschlandEinfach sagen. wo es lang geht - das funktioniert nicht mehr. Foto: Pixabay/CC0

Die Wirtschaft redet viel von einer neuen Innovationskultur in Deutschland. Doch auf diesem Weg muss sie noch einiges lernen. Ein Kommentar.

Zehntausende Menschen strömen mitten im Dezember in einer der unwirtlichsten Ecken Europas in eine dunkle Messehalle, um nichts anderes zu tun, als miteinander zu reden. So geschehen diese Woche in Helsinki auf einem der wichtigsten Startup-Events der Welt, dessen englischer Namen „Slush“ schlicht „Schneematsch“ heißt. Fast gleichzeitig schließt eine der traditionsreichsten IT-Messen, die Cebit in Hannover für immer die Pforten. Obwohl dort die Hallen komfortabler sind und sogar das norddeutsche Wetter besser ist.

Hier gibt es einen Zusammenhang. Wie kommen neue Technologien in Unternehmen? Das ist in Zeiten des digitalen Umbruchs eine dramatische Zukunftsfrage insbesondere in der deutschen Wirtschaft. Sie wird sich angesichts hoher Produktionskosten nur behaupten können, wenn sie an der Speerspitze des Fortschritts bleibt. Deutsche Manager haben diese Problematik durchaus erkannt. Auch in den Unternehmen sprießen Innovationszentren und Seminare zum Startup-Denken aus dem Boden. Chefs lockern die Krawatten.

Innovation berüht den Kern der Unternehmenskultur

Doch wenn man das populäre Event in Finnland gegen die dahingesiechte Cebit stellt, wird klar, dass all diese Bemühungen den Kern des Problems erst angekratzt haben. Denn bunte Innovationsprojekte berühren noch nicht den Kern der Unternehmenskultur. Das bemerken die motivierten Mitarbeiter, die von solchen Experimenten befeuert wurden, spätestens dann, wenn sie von diesen Spielwiesen in den rauen Unternehmensalltag zurückkehren. Es ist das eine, ein nettes, kleines Innovationsbudget aufzustellen. Es ist etwas anderes, für die neuen Ideen dauerhaft die nötigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen – und im Unternehmen dann auch die Frage zu stellen, wer künftig das Sagen hat.

Deutsche Unternehmen sind exzellent in dem, was man „vertikale Vernetzung“ nennt. Die moderne Autoproduktion ist so ein Meisterwerk der Verknüpfung – vom Produktionsband hinunter bis zum kleinsten Zulieferer. Man arbeitet eng und effizient zusammen, aber es gibt eine klare Hierarchie. Jeder muss sich dem Ganzen unterordnen, mit hoher Spezialisierung und enger Taktung. Doch im digitalen Bereich entwickelt sich Neues ganz anders. Es entsteht – manchmal fast zufällig – aus dem Verschmelzen von Ideen aus den unterschiedlichsten Bereichen.

Es geht dort nicht mehr darum, etwa ein Auto zu bauen, sondern Menschen ein nutzerfreundliches Angebot zu machen, wie sie von A nach B kommen. In einem solchen Prozess gibt es keine Befehlskette. Schnelle Reaktion auf Kundenbedürfnisse und ständige Verbesserungen sind der Schlüssel. Bei dieser „horizontalen Vernetzung“ helfen keine Hierarchien. Sie blockieren die nötige Offenheit.

Innovationskultur in Deutschland braucht mehr Lockerheit

Diese Offenheit funktioniert nur auf absoluter Augenhöhe. Chefs müssen genauso auf die Ideen ihrer Mitarbeiter hören wie umgekehrt. Kreativität lässt sich nicht befehlen. Das nötige Entwicklungstempo entsteht nur mit individuellem Engagement und Autonomie. Menschen zum Austausch motivieren, sie womöglich sogar Spaß bei der Zusammenarbeit haben zu lassen, ist der Schlüssel, warum das eingangs genannte, eigentlich verrückte Event in Helsinki funktioniert – wie auch ähnliche Veranstaltungen anderswo.

Es ist bezeichnend, dass man sich in Deutschland mit solcher Lockerheit noch schwer tun. An manchen kulturellen Klischees ist eben etwas dran. Aber eine Kultur zu verändern, ist deutlich schwieriger als technologische Entwicklungsprozesse zu optimieren. Keine Macht für Niemand – das klingt hier zu Lande beängstigend. Aber zumindest im Bereich der technologischen Kreativität führt an eine solchen Innovationskultur in Deutschland daran im digitalen Zeitalter kein Weg vorbei.

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