Das Thema Innovation muss mehr in die Köpfe

InnovationDer große amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison in lässiger Pose - ganz so geht Innovation nicht mehr. Foto: Wikipedia

Die Wirtschaft in Deutschland und Baden-Württemberg wandelt sich angesichts der Digitalisierung radikal. Doch was Innovation wirklich bedeutet, das muss erst noch besser in die Köpfe: Sie ist  mehr als Technik. 

Der Besuch des Silicon Valley  im vergangenen Jahr hat beim baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auf dem Karlsruher Code_n New.New Festival erwähnte er die Vokabel  „Risikofreude“  jedenfalls öfter als vieles andere. Kretschmann trat auf der  noch unerprobten Dialogplattform auf, weil ihn das Thema Innovationsfähigkeit sichtlich umtreibt. Ihm scheint klar zu sein, wie radikal der bisher  erfolgreiche Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg sich  anpassen muss. Das  Gespräch  darüber wie in Karlsruhe ist deshalb wichtiger denn je.
Die seltsamen Vokabeln von der Digitalisierung und der vernetzten Industrie 4.0 werden dem Publikum inzwischen regelmäßig präsentiert. Ob es sie im Detail immer versteht, ist eine andere Frage. Konzernchefs lockern die Krawatte, reden über Startups und „Disruption“, wie im Innovatoren-Slang der grundstürzende Wandel heißt.

Innovation ist radikal

Dennoch ist die im Land so übermächtige Autoindustrie ein Paradebeispiel dafür, wie schwer es ist, die Dinge radikal zu Ende zu denken. Viel ist von Elektromobilität die Rede oder von vernetzten und autonomen Fahrzeugen. Aber was ist, wenn ein Kunde sich einfach nur Mobilität einkaufen will, egal in welcher Form: per Auto, aber auch per Rad, Bahn oder mit Beförderungsmitteln, die wir heute noch gar nicht kennen? Was ist, wenn er es absurd findet, eine Blechkiste auf dem Parkplatz stehen zu haben, die sich zu mehr als 95 Prozent ihrer Lebensdauer ungenutzt die Reifen platt steht? Ob das Auto nun elektrisch betrieben wird oder nicht, ist da  Nebensache.
Mobilität als Service – das steht für die neue Welt, in der man auch in der Industrie nicht mehr mit Produkten Geld verdient, sondern mit der umfassenden Antwort auf Kundenbedürfnisse. Aber es ist schwer, sein bestehendes Geschäft zu kannibalisieren. Es sind eher Start-ups, die ohne den Ballast der Vergangenheit, ohne Fabrikhallen und traditionelle Strukturen so radikal nach vorne denken können. Der Umbruch wird revolutionärer sein, als viele wahrhaben wollen. Und diese Zukunft wird schneller kommen als gedacht. Die Möglichkeiten der modernen, allumfassenden Datenverarbeitung und Vernetzung entwickeln sich rasant – und sie stellen radikal infrage, wie wir gerade in Baden-Württemberg arbeiten und produzieren.

Die Gefahr der Überforderung

Diese Veränderungen betreffen viel mehr als nur das Thema, wie wir die Wirtschaft organisieren oder die Gründer fördern. Ein Beispiel: Ein in Karlsruhe vertretenes Startup hat ein System entwickelt, das allein aus den Sensordaten eines handelsüblichen Fitnessarmbands anhand der Armbewegung ablesen kann, ob man gerade eine Zigarette raucht, etwas isst oder seine Tabletten einnimmt. In Karlsruhe traten sogenannte Biohacker auf, für die es  selbstverständlich ist, mit in den Körper eingepflanzten Chips die „Performance“ zu optimieren. Der technokratische Begriff ist  verräterisch. Wo bleibt der Mensch? Wo bleibe ich als Mitarbeiter, der inzwischen ständig erreichbar, kontrollierbar und optimierbar ist? Der  Angriff auf Yahoo hat an weitere Gefährdungen erinnert.
Überall reden die Technologiegurus von Tempo und Wandel. Das sehen viele nicht als Versprechen, sondern als Bedrohung. Was wir gerade weltweit an Globalisierungsskepsis, Fremdenhass und nationalen Abschottungsträumen erleben, hat auch mit einem Gefühl der Überforderung zu tun. Innovation sei keine Frage der Technologie, sondern des Denkens, sagte Kretschmann zu Recht. Er sprach von einem grundlegenden Mentalitätswandel im Land, der schon an den Schulen beginnen müsse. Auch die Innovations-Avantgarde, ob bei Startups oder in Konzernen,  muss  über den Tellerrand hinausblicken, wenn sie mit  ihrer Botschaft von den Zukunftschancen überzeugen will.

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