Industrie 4.0 – ein zwiespältiges Schlagwort

Industrie 4.0

Industrie 4.0 – das ist ein echter Erfolgsbegriff. Wer hätte gedacht, dass dieses erstmals zur Hannovermesse 2011 in die Öffentlichkeit getragene  Schlagwort sich in der  Welt der Modevokabeln der IT-Industrie etablieren würde?

Allein schon die Tatsache, dass Politiker aller Couleur in Deutschland begriffen haben, wie sehr sich dahinter eine der zentralen Zukunftsfragen für die deutsche Wirtschaft verbirgt, kann man als positiv verbuchen. Doch  wenn man einem Ausländer versucht, das Wort zu übersetzen, erkennt man, dass “Industry 4.0” als Begriff bisher keine Chance hat, sich gegen das viel weiter gefasste Konzept des “Internet of Things” oder den Begriff „industrial internet“ international zu  behaupten. Dass angelsächsische Historiker die Abfolge der ökonomischen Umbrüche anders einteilen und meist gar nicht auf die Zahl von vier industriellen Revolutionen  kommen,  ist da noch ein intellektuelles Randproblem. Amerikaner, Chinesen oder andere begreifen das hinter dem Begriff Industrie 4.0 stehende Konzept durchaus. Sie forschen und arbeiten an ganz ähnlichen Problemstellungen.
Aber Industrie 4.0  klingt nach Produktion, nach Fabrik, nach Maschinen. Da fühlen sich international die Visionäre nicht unbedingt angesprochen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass beispielsweise auf der Kreativmesse South By Southwest in Austin, die sich um die Themen Musik, Film und Interactive dreht, die dort vertretenen deutschen Bundesländer im kommenden Jahr tatsächlich versuchen wollen, den Amerikanern Begriff und Konzept der Industrie 4.0 nahe zu bringen. Aber es ist wohl nicht die beste Idee, einen in Deutschland unter ganz spezifischen Voraussetzungen geborenen Begriff krampfhaft exportieren zu wollen.

Die digitalen Herausforderungen gehen über die Industrie  4.0 hinaus

Aber ist das Schlagwort wenigstens für die interne Debatte in einem Land mit einer  breiten industriellen Basis wie Deutschland sinnvoll? In der deutschen Diskussion wissen  die Experten natürlich, dass die intelligente Steuerung der Industrieproduktion nur einen Teil des Konzepts ausmacht. Man muss sich deshalb keine Sorgen machen, dass der Begriff in den betroffenen Firmen selbst die Sicht verengt. Doch eigentlich soll das Schlagwort ja der breiten Öffentlichkeit Orientierung bieten.  Doch Umfragen belegen, dass  viele Normalbürger mit dem Begriff Industrie 4.0 im Detail nicht viel anfangen können. So bleibt es bei Mutmaßungen und Assoziationen. Und da stellt sich die schon die Frage, ob das Wort „Industrie“ in Industrie 4.0  wirklich das Verständnis dafür weckt, wie umfassend die Herausforderungen der Digitalisierung für die deutsche Wirtschaft sind. Es geht um fundamental neue Geschäftsmodelle, bei denen die Produktion in der Wertschöpfung immer unwichtiger und die daran gekoppelte Dienstleistung immer dominierender wird.
Ein Paradebeispiel ist etwa die Frage, ob in Zukunft vielleicht weniger Autos verkauft werden als umfassende Mobilitätspakete. Wir reden in Deutschland intensiv über das fahrerlose Auto, aber wir fragen uns zu wenig, ob vielleicht solche selbstfahrenden Automobile den Autobesitz als solchen infrage stellen –  wenn sie etwa im Rahmen eines dank der autonomen Steuerung perfektionierten Carsharing operieren. Am Ende kassiert dann derjenige die Gewinne, der eine Mobilitätsdienstleistung mit einem Wisch über eine App vermittelt, nicht der Fahrzeugproduzent. Uber führt das in der Taxibranche heute schon vor.
Oft wird die Industrie 4.0 nur ein kleiner Baustein eines innovativen Gesamtkonzepts sein. Digitalisierung bedeutet nicht nur Technik, sondern auch ein innovatives Verständnis der Kundenbedürfnisse.  Und so bleibt angesichts des deutschen Erfolgsbegriffs Industrie 4.0 ein zwiespältiges Fazit. Die Industrie in Deutschland ist wichtig und sie hat auch im Zeitalter der Digitalisierung entgegen vieler Unkenrufe gerade aus dem angelsächsischen Raum eine hohe Überlebens- und Innovationskraft bewiesen. Das Schlagwort Industrie 4.0 baut  auf dieser historischen Erfahrung auf. Der Begriff wird sicher nicht verschwinden und die deutsche Debatte noch über Jahre prägen. Doch man würde sich wünschen,  die Erfinder des Schlagworts hätten etwas weiter gedacht.
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Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der bis zum 25. September laufenden Blogparade der Blogs Futability und Ingenieurversteher zum Thema „Industrie 4.0: Chancen, Risiken, Ideen und Umsetzungen – was hat Deutschland zu bieten?“

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