ICT Facilities – Rechenzentren mal anders

ICT FacilitiesSo will ICT Faclities Rechenzentren auch einmal in die Höhe wachsen lassen; Modell: ICT Facilities

Erst wenige Monate alt, aber bereits preisgekrönt ist das Stuttgarter Startup ICT Facilities. Sein von ausgewiesenen Praktikern ersonnenes Konzept für den modularen Bau von Rechenzentren ist so einfach wie genial. 

Wer an Rechenzentren denkt, der hat normalerweise sehr virtuelle Dinge im Kopf: Die Internet-Cloud, hochkomplexe Software, schwierige Algorithmen. Stephan Lang und Holger Zultner, die Gründer des Stuttgarter Startups ICT Facilities,  blicken von einem ganz anderen Blickwinkel auf die Sache. Sie bringen die Gesetze der Schwerkraft ins Spiel: den Beton, die Belüftung, die Hardware-Komponenten, die ja auch platziert und nicht zuletzt gekühlt werden müssen.
„Die IT-Branche stellt sich nach außen immer als sehr innovativ dar. Doch was den Bau und die Infrastruktur von Rechenzentren angeht, ist sie ziemlich konservativ“, sagt Lang. „Oft ist es so, dass sich die Bauabteilungen und die IT-Abteilungen nicht richtig miteinander unterhalten. Und wenn sie das dann später zusammenbringen bedeutet das Verzögerungen und Kosten“, sagt Zultner: „Klassische Baufirmen erkennen die Komplexität eines Rechenzentrums gar nicht. Sie rühren den Beton und Mörtel zusammen und bauen irgendwann die Türen ein. Die sehen das wie ein Bürogebäude.“

ICT Facilities pflegt das zentrale Startup-Prinzip: Neu denken

Die Gründer bringen Branchenerfahrung mit: Lang kam vom Anlagenbauer M+W und Zultner war lange Jahre bei IBM beschäftigt. Dank ihrem frischen Blick ist das erst im vergangenen Sommer in Stuttgart gegründete Unternehmen  erfolgreich – und belegt, warum es oft ein Startup braucht, um auf der Hand liegende Ideen auch in die Realität umzusetzen.
Gleich in zwei Kategorien hat das erst wenige Monate alte  Unternehmen den Deutschen Rechenzentrumspreis 2016 eingeheimst – unter anderem für die „Power Tower“ genannte, simpel wirkende Idee,  ein Rechenzentrum nicht in die Fläche, sondern in die Höhe wachsen zu lassen. „Unsere Gedanken sind eigentlich trivial, aber die Branche denkt immer noch in den Dimensionen eines klassischen 19-Zoll-Rechnerblocks“, sagt Zultner.
ICT Facilities nimmt sich nun das klassische  Hochregalsystem zum Vorbild und geht mit dem Stahl  30 Meter in die Höhe. „Auf diese Idee scheint tatsächlich noch niemand gekommen zu sein“, sagt er. Das flächensparende Konzept reagiert auf den Trend, dass  immer mehr Betreiber von Rechenzentren nahe an die in Ballungsräumen wie Frankfurt, Düsseldorf, Amsterdam oder Paris liegenden Internet-Knoten drängen. Dort werden aber die Flächen knapp.
Das Turmkonzept löst nebenbei noch ein anderes, drängendes Problem – die Kühlung  der wegen der immer höheren Leistungsdichte auch wärmer werdenden Rechner: „Sie können so natürliche Thermik und den Kamineffekt nutzen“, sagt Lang. Ein europäischer Anbieter wie ICT-Facilites könnte perspektivisch  auch von der Tatsache profitieren, dass US-Cloudanbieter aus Datenschutzgründen verstärkt Kapazitäten in Europa aufbauen: „Amazon ist amerikanisch geprägt, da kennt man die deutschen Bauvorschriften nicht.“ Dass ICT Facilities dank der Rückendeckung durch einen mittelständischen Investor aus der Baubranche gleich zum Start einen Großauftrag gewonnen haben, spricht dafür, dass auch dieser Markt in Reichweite ist: Auf 4200 Quadratmeter ziehen sie bereits in Offenbach ein großes Rechenzentrum hoch.

Nicht nur die IT zählt – sondern der ganze Bauprozess

Die Gründer von  ICT Facilities verlassen vor allen Dingen eingefahrene Wege bei der Planung. Ein Rechenzentrum bauen sie nach der Methodik eines modernen industriellen Produktionsprozesses.  „Wenn sie ein Auto kaufen, dann gehen sie ja auch nicht zur Werkstatt und sagen: Kauf dir mal die Einzelteile zusammen. Sie gehen zu einem Online-Konfigurator, stellen es zusammen – und gehen anschließend zum Autohaus“, sagt Zultner:  „ Wir bauen wie bei einem Fertighaus: Wir bauen die Hülle, der Kunde bringt die Server, also die Möbel mit.“
Entscheidend ist die Tatsache,  dass bei einem Rechenzentrum nur ein Fünftel der Infrastruktur kundenspezifisch ist – der Rest ist identisch. Das ermöglicht schlüsselfertige  Rechenzentren quasi von der Stange. Zwei Modelle genügen: Eines für Kunden, deren Rechenbedarf langfristig absehbar ist und ein anderes, das sich an Firmen richtet, die ständig wachsende Kapazitäten brauchen.
ICT Facilities belegt auch die alte Startup-Weisheit, dass radikal neue Ansätze oft in einer Krise entstehen.  Die beiden Gründer  waren jahrelang in der Region für renommierte Unternehmen tätig und beschäftigten sich dort mit Themen rund um Rechenzentren. Sie  sollten dort intern Innovationen entwickeln wie diejenige, die jetzt in der eigenen Firma Realität wird. Doch statt des Durchbruchs kamen Umstrukturierungen bei ihren bisherigen Arbeitgebern. Und so trafen sich auf einmal in Stuttgart zwei Fachleute, die sich aus der Branche schon kannten,  auf ein Bier und dachten   über einen beruflichen Neuanfang nach.  „Wir haben unsere Ideen der letzten drei Jahre zusammengeworfen – und das passte perfekt“, sagt Zultner.

Die 15 Mitarbeiter bringen viele Jahre Erfahrung mit

ICT Facilities ist dabei insofern typisch für Gründungen in Baden-Württemberg, weil hier erfahrende Branchenkenner zu Werke gehen. Fast alle der 15 Mitarbeiter waren wie ihre  heutigen Chefs vom Konkurs beziehungsweise Schließungen bei ihren bisherigen Arbeitgebern betroffen. „Unsere Mitarbeiter kommen zusammen auf mehr als 200 Jahre Berufserfahrung im Bereich Rechenzentren“, sagt Zultner. Das schnell wachsende Unternehmen sucht aber weitere Mitarbeiter.
Ein Glücksfall war es auch, dass die Gründer bei dem bremischen, mittelständischen Bauunternehmen Zech Group auch einen Kapitalgeber fanden, den die Idee überzeugte. Der Investor mischt sich in das tägliche Geschäft nicht ein, stellt aber auch Infrastruktur etwa für Verwaltungsaufgaben zur Verfügung.
Nur mit dieser Rückendeckung  war es möglich, schon als wenige Monate altes Unternehmen schon einen Großauftrag hereinzuholen. Nur an einem Kundenkreis beißt sich ICT Facilities bisher die Zähne aus:  „Wir tun uns nur schwer in öffentlichen Ausschreibungen, weil dort bestimmte  Verfahren  vorgeschrieben sind,“, sagt Zultner: „Ein Startup-Unterrnehmen, das es weniger als ein Jahr gibt, kann nicht die notwendigen Referenzen vorweisen – auch wenn die Mitarbeiter viele Jahre Erfahrung haben. Wir sind da an Prozesse gebunden, wie sie schon seit anno dazumal praktiziert werden.“

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