IBM Watson wird in München heimisch

IBM; WatsonSo stellt IBM seine Pläne in München grafisch dar. Grafik: IBM

Der IT-Konzern IBM eröffnet in München sein Welt-Entwicklungszentrum Watson für den Ausbau der künstlichen Intelligenz und die Industrie 4.0. Auch Bosch wird im Bereich Internet der Dinge künftig  intensiver kooperieren.

Zweihundert Millionen Euro hat IBM investiert, mitten in Europa wollte der US-Konzern seine neue Weltzentrale ansiedeln, „im Herzen von Industrie, Forschung und Wissen“. Dort, in München, sollte es auch noch „das tollste Gebäude der Stadt“ werden, und ja, drunter machen sie es nicht: „Wir wollen für alle Menschen ein besseres Leben schaffen.“
In diesem Geist also hat IBM diesen Donnerstag Watson eröffnet, sein Hauptquartier für den Ausbau der künstlichen Intelligenz, für das Internet der Dinge, die Industrie 4.0. und für die digitale Komplettvernetzung von allem und jedem. Und das 32-stöckige Glashochhaus, meinen sie bei IBM  überschwänglich, könnte schon bald zu klein sein; so viele Partnerfirmen wollten auf die neue Plattform aufspringen. Watson, der Superrechner, ist lernfähig; „er hört mir zu, er versteht, was wir sagen, und übersetzt das auch gleich. Er wird immer intelligenter“, jubelte die Vertreterin einer der Partnerfirmen, die mit einem neu-englischen Ausdruck als „collaboratories“ bezeichnet werden, das heißt als Partner, die nicht nur vom neuen Computer profitieren, sondern diesem auch Daten-„Labore“ bereitstellen, damit er selber sich weiterentwickeln kann.

Watson soll Kundenerfahrungen greifbar machen

Angeschlossen an Watson hat sich beispielsweise ein Aufzug- und Rolltreppenkonzern, der täglich eine Milliarde Menschen befördert. Er will aus dieser Leistung nun täglich eine Milliarde „Kundenerfahrungen“ gewinnen, die per künstlicher Intelligenz strukturiert werden und „noch bessere Dienstleistungen“ erbringen sollen. Und Sensoren in jedem Gerät sollen bei Gefahr im Verzug den Monteur bereits rufen, bevor der Lift steckenbleibt.

Nicht nur das: In Jogging-Schuhen könnte demnächst ein Sensor stecken, der den Ablaufgrad der Sohle misst, zu gegebenem Zeitpunkt warnt und gleich ein neues Modell bestellt. Jeder Gebrauchsgegenstand – so kündigt das Kreditkartenunternehmen Visa bei der Watson-Präsentation an – solle zu einem „Point of sale“ werden, zu einem Bezahlterminal. Welches Geschäftspotenzial in der Idee steckt, wird schon daraus deutlich, dass nach den einschlägigen Studien die Zahl der  „connected devices“, also der mit dem Internet verbundenen Gegenstände, sich bereits in drei Jahren auf 20, 30 oder noch mehr Milliarden steigern soll. Derzeit liegt sie zwischen fünf und zehn Milliarden.
Peter Gutzmer, der Chef des Automobilzulieferers Schaeffler, der von Anfang an sehr stark mit IBM und Watson zusammenarbeitet, sagt, die neue Welle der digitalen Revolution werde derart schnell rollen, „dass Schaeffler in fünf Jahren ein ganz neues Unternehmen sein wird.“ Wie die „viel intelligentere Fertigung“ für „viel stärker kundenorientierte Lösungen“ genau aussehen soll, dazu sagte Gutzmer wenig; immerhin versicherte er: „Mitarbeiter werden nicht ausgestellt, sondern geschult.“

IBM wirbt beim Umgang mit Daten um Vertrauen

Wenn Watson aus den Unmengen an Daten, die bei ihm einlaufen, etwas lernen und sie in neu strukturierter Form den Kunden wieder bereitstellen soll, müssen diese Daten in gewisser Weise auch offen sein. Dass darin auch Watsons größte Probleme liegen, gibt man bei IBM offen zu. Vizeforschungschef John E. Kelly sagte in München sinngemäß, in der Internet  Cloud wisse man nie, wo die Daten seien und wer darauf Zugriff habe. Auf die Frage, warum das bei IBM anders sein solle – „wir wissen genau, wo die Daten sind, und der Kunde weiß das auch“- antwortete Watson-Chefin Harriet Green, IBM sei seit fünfzig Jahren als vertrauenswürdig im Geschäft: „Beurteilen Sie uns nach unserer Vorgeschichte.“
Ganz so einfach ist das offenbar nicht. Bosch zum Beispiel will über Watson ein Update-Service laufen lassen, der alle vernetzten Geräte – im Haushalt, bei Autos wie in der Industrie – automatisch mit der jeweils neuesten Software versorgt. Man brauche also, so sagte der Chef der Software-Entwicklung bei Bosch, Rainer Kallenbach, am Donnerstag in München, eine nach allen Seiten verbindungsoffene Plattform, „sonst können die Objekte, die Hersteller, die Lieferanten nicht miteinander kommunzieren.“ Es gebe heute „keine rote und keine blaue Welt mehr“; Kommunkation müsse solche Schranken überwinden. Gleichzeitig kündigte Kallenbach aber an, die von Bosch selbst entwickelte Plattform für das „Internet der Dinge“ bleibe bestehen: „Daten sind der Rohstoff der Zukunft; die will man schon selber kontrollieren können.“ IBM verkündete gleichzeitig auch eine engere Kooperation mit Bosch beim Thema Internet der Dinge. Bosch will beispielsweise hier seine Dienste auf den entsprechenden IBM Plattformen anbieten, zu denen auch Watson IoT gehört.

Noch fehlt der digitale Binnenmarkt in der EU

Kallenbach sagte weiter, es werde „viele Clouds geben“ – wobei dann schon wieder die Frage auftaucht, ob Watson so universell sein wird, wie IBM und die Partnerfirmen selbst sich das vorstellen. Dass dafür noch ein weiteres Hindernis besteht, darauf wies in München der neu für Digitalisierung zuständige EU-Kommissar hin. Andrus Ansip sagte, der „digitale Binnenmarkt“ existiere noch nicht; „jeder EU-Staat macht sein eigenes kleines Ding“. Da es für die digitale Datenübertragung in Europa noch 600 verschiedene Standards gebe, so Ansip, „kostet ein Chip, mit dem Waschmaschine und Staubsauger miteinander kommunizieren sollen, heute fünfzig Euro; bei einheitlichen Standards wäre es ein Euro.“ Und: „Wenn es bei der Fragmentierung nationaler Standards bleibt, können wir selbstfahrende Autos vergessen.“
Watson kann längst auch andere Sachen. Sie sollen rasant ausgebaut werden. Und deshalb an dieser Stelle ein Hinweis: Wenigstens dieser Text hier ist von einem Menschen geschrieben, nicht von Watson. Noch nicht.

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