Hilfsorganisationen und Hightech: Technik gegen Hunger

Hilfsorganisationen und Hightech"Share the Meal" ist eine App für die Versorgung der Ärmsten. Foto: Share the Meal

Unzählige Katastrophen auf der Welt stellen immer größere Herausforderungen. In einem neuen Zentrum in München kommen Hilfsorganisationen und Hightech zusammen: Dort werden Ideen entwickelt, um humanitäre Krisen effizienter zu bekämpfen.

Die Sammelbüchse hat ausgedient. Die Hilfsorganisationen setzen im 21. Jahrhundert auf die digitale Technik. Aus diesem Grund hat das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen nun in München ein neues Zentrum ins Leben gerufen: der Innovation Accelerator. Dort sollen künftig neue und kreative Möglichkeiten identifiziert, erarbeitet und gefördert werden, um im Fall von humanitären Krisen effizienter und schneller helfen zu können. „Jeden Tag arbeiten WFP und seine Partner dafür, dass die ärmsten und doch stärksten Menschen, die an den gefährdetsten Orten dieser Welt leben, lebensrettende Ernährungshilfe erhalten. Doch das ist nicht genug, um unser gemeinsames Ziel einer Welt ohne Hunger bis 2030 zu erreichen“, sagte die WFP-Direktorin Ertharin Cousin bei der Eröffnung in München.

Die Idee hinter dem Zentrum für Hilfsorganisationen und Hightech ist die Vernetzung bereits vorhandenen Wissens. Nach dem Vorbild von Startups werden in dem neuen Zentrum WFP-Mitarbeiter mit Experten und Unternehmern aus der ganzen Welt zusammengebracht, um Lösungsansätze zu verfeinern, Prototypen zu testen und die Verbreitung von erfolgreichen Ideen zu beschleunigen. Die Teams arbeiten für einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten an Projekten, welche die Helfer selbst oder externe Ideengeber eingereicht haben.

Hilfsorganisationen und Hightech: Das ist für Firmen interessant

„Wir müssen so eng wie noch nie zusammenarbeiten und uns die Vorteile neuer Technologien und die Revolution in der Analyse großer Datenmengen zu Nutze machen. So können wir die Art und Geschwindigkeit unserer Hilfe verändern – und die anhaltenden Herausforderungen überwinden, die Generationen in Hunger und Armut gefangen gehalten haben“, ist die WFP-Geschäftsführerin Ertharin Cousin überzeugt. „Es geht auch darum, schnell rauszufinden, was nicht funktioniert.“ Das spare Geld und Ressourcen für andere Projekte.

Der Leiter des Innovationszentrums  der Hilfsorganisationen, Bernhard Kowatsch unterstreicht, dass bisher viele gute Ideen häufig einfach verpufft seien, weil sie nicht konsequent weiterentwickelt wurden. Es hätten etwa 70 Prozent der Menschen in Afrika ein Handy, in Asien seien es 90 Prozent. Das sei ein Riesenpotenzial, um schnell und einfach Informationen über Wetter und lokale Marktpreise oder andere wichtige Tipps zu verbreiten. Wie das am einfachsten und effektivsten organisiert werden kann, könne in München entwickelt und getestet werden.

Die neue Denkfabrik für Hilfsorganisationen und Hightech sei auch für etablierte Firmen sehr interessant, unterstreicht Pascale Ehrenfreund, Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie glaubt, dass das DLR mit der Bereitstellung und Weiterentwicklung seiner Technologien einen Beitrag zur humanitären Hilfe leisten kann und hält das Innovationszentrum in München für ein gelungenes Verbindungsglied. Das DLR habe immer wieder im Katastrophenfall geholfen, wie durch das schnelle Erstellen von Überblickskarten für die Einsatzkräfte: „Für die Planung von Versorgungsflügen können Satellitendaten Aufschluss darüber geben, ob Nahrungsmittelrationen an den richtigen Stellen abgeworfen werden.“ Doch nicht nur große Firmen sind in dem Zentrum präsent, sondern auch einige Startups. Studenten im kolumbianischen Bogotá haben etwa die App „Nutri-Fami“ programmiert, die helfen soll, Ernährungsgewohnheiten zu verbessern und so Mangelernährung vorzubeugen.

Warum die Wahl auf den Standort München fiel

Um die Ziele zu erreichen, muss sich die Arbeitsweise verändern Die Gründung des Innovationszentrums in München hat einen sehr konkreten Grund. In den vergangenen Jahren wurden zwar wesentliche Fortschritte im Kampf gegen die Armut gemacht. Seit Anfang der 90er Jahre ist die Zahl der Hungernden weltweit um rund 200 Millionen gesunken. Doch noch immer haben 795 Millionen Menschen nicht genug zu essen, um ein gesundes und aktives Leben zu führen. Das ehrgeizige Ziel heißt, den Hunger bis zum Jahr 2030 völlig zu beenden. „Würden wir in der herkömmlichen Form weiterarbeiten, würden wir dieses Ziel verfehlen“, erklärte WFP-Chefin Cousin bei der Eröffnung.

Dass WFP und UN sich dafür München als Standort ausgesucht haben, hat mehrere Gründe, sagt Zentrumsleiter Kowatsch. „Mehr als zehn Orte weltweit standen am Ende zur Wahl.“ Den Ausschlag für München habe die starke Forschungs- und Unternehmens-Infrastruktur gegeben und die Anbindung an den Flughafen. Der Innovation Accelerator in der bayrischen Landeshauptstadt wird bis 2021 mit 25 Millionen Euro vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, dem Auswärtigen Amt und dem Bayrischen Landesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten unterstützt. Der Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erklärt das Engagement der Bundesregierung bei dem Projekt: „Deutschland unterstützt WFP allein in Syrien und der Region im Jahr 2016 mit der Rekordsumme von 570 Millionen Euro. Aber Nothilfe allein reicht nicht aus.“

Das sieht natürlich auch die WFP-Chefin Ertharin Cousin so. „Niemand bleibt in einem Land, in der er keine Zukunft für seine Kinder sieht“, sagt sie. Den Hunger zu bekämpfen, bedeute deshalb, mehr Stabilität in die Welt zu bringen und Fluchtursachen zu mindern.


„Share The Meal“ – Eine App zur Versorgung der Ärmsten

Mit dem Smartphone kann man sich orientieren, Bankgeschäfte abwickeln, sich verabreden – und spenden. Ein kurzer Klick, und schon hat ein syrisches Flüchtlingskind für einen Tag etwas zu essen. Nur 40 Cent sind zur Versorgung der Ärmsten der Armen notwendig – die Spenden-App „Share The Meal“ hilft dabei. Seit einem Jahr kann sich jeder Nutzer die Anwendung auf sein Handy laden. Rund 600 000-mal ist das seither geschehen, insgesamt wurden über sieben Millionen Mahlzeiten geteilt. Hinter dem Projekt steht das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen. Die Hilfsorganisation organisiert zum Beispiel tägliche Schulmahlzeiten für bedürfte Kinder oder spezielle Ernährungsprogramme für Mütter mit Kindern.

Die „Share The Meal“-App läutet ein neues Zeitalter im Kampf gegen den globalen Hunger ein. Sie macht eindrücklich deutlich: Hilfsorganisationen und Hightech – das bietet Chancen für die sogenannte Dritte Welt, die noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wären. Weltweit gebe es über zwei Milliarden Smartphone-Nutzer und 100 Millionen hungernde Kinder, rechnet Bernhard Kowatsch, einer der Entwickler der App vor. Die Kleinspenden tun den meisten Smartphone-Besitzern nicht weh, können aber vor Ort einiges bewirken.

Entwickelt wurde die App von einem Berliner Startup

Während der ersten Monate der Pilotphase der Anwendung wurden Mittel für das Schulmahlzeitenprogramm im südafrikanischen Lesotho gesammelt. Nutzer unterstützten bedürftige Schulkinder binnen weniger Monate mit mehr als 1,8 Millionen Tagesrationen. Im Anschluss an die erfolgreiche Pilotphase wurde die Anwendung „Share The Meal“ im November 2015 weltweit verfügbar gemacht. In der aktuellen Spendenkampagne unterstützten Nutzer die notleidende Bevölkerung in Syrien und den Nachbarländern. Der Syrien-Konflikt ist bereits im sechsten Jahr, mehr als 11 Millionen Menschen sind derzeit auf der Flucht. Derzeit sammelt „Share The Meal“ Geld für 1500 hilfsbedürftige syrische Flüchtlingskinder in der libanesischen Bekaa-Ebene. Ihre Eltern erhalten vom WFP Gutscheine, um Lebensmittel in örtlichen Geschäften einzukaufen. Im Juni 2016 wurde die arabischsprachige Version der App veröffentlicht, so dass Nutzern im Nahen Osten während des Fastenmonats Ramadan Mahlzeiten mit syrischen Flüchtlingen teilen können. Inzwischen gibt es die App in 27 Sprachen.

„Unser Start liegt nun ein Jahr zurück – die Resonanz der Öffentlichkeit und insbesondere der Deutschen hat uns überwältigt“, sagt Sebastian Stricker, Leiter der „Share The Meal“-Initiative. Die deutschen Nutzer haben im internationalen Vergleich weiterhin den größten Anteil am Erfolg der „Share The Meal“-Spendenkampagnen – sie machen rund 30 Prozent der gesamten Nutzer aus. Die App setzt stark auf die Möglichkeiten der vernetzten Welt: Jeden Tag wird angezeigt, wie nahe die Nutzer ihrem Ziel bereits gekommen sind, die Schulkinder im Bekaa-Tal den ganzen Tag lang zu ernähren. Nach jeder Spende werden die Kinder dem Nutzer außerdem mit Fotos und wenigen Infos vorgestellt. Die Spender lernen so die Ziele und Träume der syrischen Flüchtlingskinder kennen. Per Smartphone-Kartendienst kann man sogar sehen, wo genau die Kinder leben.

Entwickelt wurde die App von einem Berliner Startup mit zehn Angestellten, die alle als Angestellte oder Freiwillige bei den Vereinten Nationen arbeiten. Das Startup selbst ist als Innovationsprojekt der UN organisiert und finanziert sich vor allem über das Geld von Gründerpersönlichkeiten und Business Angels aus Berlin, die wirtschaftlich nachhaltige Unternehmensgründungen fördert. Bernhard Kowatsch, einer der App-Entwickler, ist inzwischen Leiter des Innovation Accelerators für Hilfsorganisationen und Hightech in München.

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