Gründerporträt: Frank Siebke – NexWafe

NexWafeDie Mannschaft von NexWafe: Frank Siebke, Karl Friedrich Haarburger, Stefan Reber, Roy Segev, Kai Schillinger (v.l.). Foto: NexWafe

Frank Siebke und sein Team sind angetreten, mit dem Start-up NexWafe die Welt der Wafer-Fertigung zu revolutionieren. Sie wollen die Entstehungskosten für Strom aus Fotovoltaikanlagen weltweit um 20 Prozent senken.

Bei Kilometer 36, wenn sich beim Marathonlauf der innere Schweinehund meldet, scheidet sich oft die Spreu vom Weizen. „Dann kommt’s darauf an, ob man genügend Hartnäckigkeit aufbringt, um zum Ziel zu kommen“, sagt Frank Siebke, der selbst schon Marathons gelaufen ist. Wenn man diese Ausdauer mit einer gehörigen Portion Geduld verbindet, sind dies Eigenschaften, die vorteilhaft für die Arbeit in einem Start-up sind, so Siebkes Erfahrung. „Erst recht, wenn es ein Start-up wie das unsere ist, das eine industrielle Produktion vorsieht“, sagt der 55-Jährige, der mit fünf Partnern nichts Geringeres vorhat, als die globale Wafer-Fertigung neu zu denken.

Die Philososphie von NexWafe: Lass es uns einfach machen

„Dann lass es uns einfach machen“, sagten sich er und Stefan Reber 2014, als sie ihre Idee durchrechnet hatten. Also hoben die beiden mit vier weiteren Gründern im Mai 2015 die NexWafe GmbH in Freiburg aus der Taufe – mit dem Ziel, die Entstehungskosten für Strom aus Fotovoltaikanlagen weltweit um satte 20 Prozent zu senken. Kern ihres Projekts ist eine neue technische Lösung für die Abscheidung von Silizium, die ressourcenschonender und damit billiger ist als die bisher übliche Methode. Dabei bringt das Management von NexWafe mehr als 100 Jahre Berufserfahrung auf die Waage. Zusammen mit Reber (49), Karl Friedrich Haarburger (56), Roy Segev (56), Kai Schillinger (37) und Frank Siebke (55) umfasst das sechsköpfige Gründungs- und Managementteam gestandene Spezialisten auf ihren jeweiligen Gebieten, die sich von den typischen jungen Teams vieler Start-ups unterscheiden. „Wir wollen es einfach nochmal wissen“, sagt Siebke.

Und so war das eigentlich schon immer bei dem Physiker aus dem rheinischen Eschweiler, der während der Promotion ein betriebswirtschaftliches Aufbaustudium absolvierte. Nach dem Studium an der RWTH Aachen befasste er sich mit der Abscheidung und Charakterisierung von amorphen Siliziumschichten, da diese in der Herstellung von Flachbildschirmen zum Einsatz kamen. Anfang der 1990er Jahre kam er dann am Forschungszentrum Jülich erstmals mit Fotovoltaik in Berührung, erkannte zwar deren langfristiges Potenzial, war aber im Blick auf einen mittelfristigen Durchbruch skeptisch. Und dennoch, je länger er sich mit dem Thema befasste, desto mehr war er davon überzeugt, dass der Siegeszug der Fotovoltaik noch in seinem Arbeitsleben beginnen würde. Also ging Siebke 1996 nach Japan, „um zu lernen, warum die dortigen Hersteller besser sind als die Europäer“. Spätestens von da an ließ Siebke das Thema Fotovoltaik nicht mehr los. Als schließlich Shell im Jahr 1999 in Gelsenkirchen die erste voll automatisierte Solarzellenfabrik in Europa aufbaute, war Siebke mit dabei. 2001 folgte dann ein Engagement bei Schott Glas in Mainz, wo er den Aufbau des Joint-Ventures RWE Schott Solar mit vorantrieb.

Routine hat für Frank Siebke keinen Reiz


Immer dann freilich, wenn Arbeiten zur Routine werden, verlieren sie für Siebke ihren Reiz. „Ich will vor allem gestalterisch wirken“, macht er klar, weshalb er stets seine Erfüllung im Aufbau von Projekten gefunden hat und findet – eine Eigenschaft, die ihm im Übrigen nun bei NexWafe zugute kommt. Nachdem 2005 dann auch seine Tätigkeit bei RWE Schott Solar zum Routinejob geworden war, folgte Siebke dem Ruf von Good Energies, einem Risikokapitalgeber in der Schweiz, der in erneuerbare Energien investierte. Dort arbeitete er als Investment Director und Chief Technology Officer, bis die Firma 2011 keine neuen Engagements mehr einging. Also machte sich Siebke selbstständig, um als Berater für Start-ups im Bereich der grünen Technologien zu wirken. Im Zuge dieser Arbeit traf er schließlich auf seinen jetzigen Partner Stefan Reber vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. „Er hat’s geschafft, mich für ein ganz eigenes Projekt zu begeistern“, erinnert sich Siebke an die Geburtsstunde von NexWafe. Für einen Macher wie ihn war die Idee ohnehin schon deshalb verlockend, weil er es spannender fand, wieder etwas aufzubauen anstatt als Berater weiter Gutachten zu schreiben.


Ausgangspunkt waren die Forschungen des Fraunhofer Instituts ISE, das insgesamt rund 20 Millionen Euro in die Entwicklung der sogenannten sägeverlustfreien Wafer-Produktion investiert hat. 2014 war anhand der Forschungsergebnisse absehbar, dass mit diesem bahnbrechenden Verfahren die Siliziumverluste in der Waferherstellung um 90 Prozent und der Energieverbrauch um mehr als die Hälfte reduziert werden kann. Außerdem benötigt dieser Prozess signifikant geringere Investitionen in Produktionsmaschinen. Logische Konsequenz: die Herstellungskosten für Wafer können um mehr als die Hälfte gesenkt werden. „Damit war eine revolutionäre Technologie gelungen“, sagt Siebke, der bei NexWafe die Rolle des Finanzchefs übernommen hat. Zusammen mit dem restlichen Managementteam des Start-ups ist er nun angetreten, die eigene Technologie zur sägeverlustfreien Herstellung von Siliziumwafern zu kommerzialisieren und einer der führenden Wafer-Hersteller weltweit zu werden.

Höhere Qualität und geringere Materialkosten

„Wir ermöglichen gleichzeitig eine höhere Qualität, geringere Materialkosten und höhere Wirkungsgrade“, sagt Siebke. Mit dem firmeneigenen Herstellungsprozess soll es gelingen, die Stromentstehungskosten von Fotovoltaik-Anlagen um mehr als ein Fünftel zu senken, was in den Augen von NexWafe eine gigantische Chance für den Standort Deutschland darstellen wird. „Denn durch die Kostenreduktion wird eine Produktion im Inland rentabel“, so Siebke. Nicht von ungefähr baut NexWafe, das bereits 26 Mitarbeiter zählt, derzeit eine Pilotfertigung im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld auf. Neuer Partner ist dort die Silicon Products Group, die vor Ort die chemische Infrastruktur zum Recyceln der Prozessgase zur Verfügung stellt. Im ersten Schritt soll der Output ab 2021 rund 50 Millionen Wafer pro Jahr betragen. Ein Jahr später sollen es schon 250 Millionen sein. Bis dahin will NexWafe mehrere Hundert Mitarbeiter in Deutschland beschäftigen.


Dass es bequemere Jobs als den seinen gibt, gesteht Siebke gerne zu. „Aber das Spannende an einem Start-up ist ja gerade, dass man immer flexibel reagieren muss“, sagt er und verweist noch einmal auf die Ausdauer des Marathonläufers. Sein Team jedenfalls brenne für die Idee und will ganz nebenbei zeigen, dass Ökologie und Ökonomie zusammengebracht werden können – ganz ohne Subventionen. „Und gleichzeitig leisten wir einen Beitrag zur Energiewende“, sagt Siebke, der sich selbst als ressourcensparender Mensch outet. So hat er sich seinen ersten privaten Flachbildschirm erst vor drei Jahren angeschafft, tat es bis dahin doch zu Hause ein alter Röhrenbildschirm. „Warum etwas wegwerfen, was noch funktioniert“, sagt er sich. Man müsse ja auch nicht jede elektronische Spielerei mitmachen.

Gründertipps von Frank Siebke

Was ist typisch für Ihren Arbeitsalltag?
Dass kein Tag so ist wie der andere. Die Arbeit bei NexWafe ist sehr abwechslungsreich. Ein breites Spektrum an Aufgaben muss erledigt werden. Im Management planen wir die Firmenentwicklung und setzen die Pläne dann um. Für einen „fire and forget“ Managementstil ist unsere Firma zu klein. Wir können nicht viel „wegdelegieren“, sondern müssen selber ran.

Welche Rolle spielte Glück bei Ihrer Karriere?
Etwas Glück braucht jeder, und sei es nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. So ist es mir mit der Fotovoltaik gegangen: ich hatte die Chance am Aufbau der ersten voll-automatisierten Solarzellenfabrik in Europa mitzuwirken. Glück allein reicht meistens aber nicht. Wenn sich einem eine Chance bietet, dann muss man sie auch ergreifen.

Haben Sie Vorbilder?
Die großen Entdecker wie Amundsen, der den Wettlauf zum Südpol gewann, aber auch Shackleton, der in der Antarktis grandios scheiterte, aber alle Expeditionsteilnehmer sicher nach Hause brachte. Sie beschritten Wege, die vor Ihnen keiner gegangen war.

Was würden Sie heute anders machen?
Ich würde mich früher trauen, den Schritt in die Selbstständigkeit bzw. zur Unternehmensgründung zu tun. Während meines Studiums wurde Unternehmergeist nicht gelehrt und ich habe lange gebraucht, den schritt aus dem scheinbar sicheren Angestelltenverhältnis in die Selbstständigkeit zu tun.

Von wem können Sie am ehesten Kritik einstecken?
Von Menschen, denen ich vertraue und die offen ihre Meinung äußern und mit mir diskutieren, um die Sache voranzubringen und nicht, um sich zu profilieren.

Wie kommt man so weit wie Sie?
Ich weiß nicht, ob ich weit gekommen bin. Ich bin dort wo ich bin, da ich mich nie mit dem Erreichten zufrieden gegeben habe. Wenn ich ein Ziel erreicht habe, dauert es nie lange, bis ich zu neuen Ufern aufbreche statt mich am Strand zu sonnen.

Was macht Sie leistungsfähig?
Ich kann beim Sport und bei der Arbeit die Leistung abrufen, wenn ich mich für das Ziel begeistere. Ohne diese Begeisterung, die den Willen zum Erfolg weckt, werde ich nicht alles geben und nur eine mittelmäßige Performance abliefern.

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