Gründer in Böblingen: Der Landkreis punktet

Gründer in BöblingenAndreas Lackmann wollte Zeitungsartikel vertonen - nun sucht er als selbstständiger Personalberater IT-Fachkräfte. Foto: factum/Weise

Gründer in Böblingen sind aktiv: Unter den Landkreisen in Baden-Württemberg hat man die  höchste Gründungsquote, obwohl die guten Jobchancen eigentlich dagegen sprechen.  Auch der Personalberater Andreas Lackmann ist Gründer geworden.

Die Karriere bei Hewlett-Packard war schon programmiert: Andreas Lackmann hätte nach seinem dualen Studium bei dem Konzern eine Laufbahn im Account Management beginnen können. Stattdessen hat der Betriebswirtschaftler ein Start-up in Böblingen gegründet. „Natürlich kann es schiefgehen“, sagt er, „aber auch in Unternehmen ist nichts mehr sicher.“  Bei dem Computer- und Druckerhersteller fühlte er sich als einer von weltweit rund 300 000 Mitarbeitern nicht gut aufgehoben. Die Stimmung unter den Selbstständigen entsprach  viel mehr seiner Einstellung: „Chancen nutzen, statt nur Probleme zu sehen, Lösungen finden, statt nur Zweifel zu äußern“, erklärt er. Seit zwei Jahren ist Andreas Lackmann als Personalberater tätig. Er hat sich auf die Vermittlung von IT-Fachkräften aus Osteuropa nach Deutschland konzentriert.

Gründer in Böblingen sind oft Angestellte

Gründer in Böblingen nehmen auf Kreisebene in Baden-Württemberg statistisch einen Spitzenplatz ein.  Das Statistische Landesamt  hat im vergangenen Jahr 712 neue Betriebe gezählt – kleine Gewerbe und freie Berufe nicht eingerechnet.  Das entspricht 19 Firmengründungen mit wirtschaftlicher Substanz pro 10 000 Einwohner, womit Böblingen die höchste Zahl unter allen Landkreisen  für sich beanspruchen kann. Nur in den Stadtkreisen gibt es mehr Startups:  Baden-Baden steht mit 34 je 10 000 Einwohner auf Platz eins gefolgt von Mannheim, Ulm, Heilbronn und Heidelberg. Stuttgart kommt mit 19 neuen Betrieben gemeinsam mit Böblingen auf den sechsten Platz.
Dieser Rang   ist im Prinzip phänomenal,   denn: „Wir sind ein Hochlohnlandkreis mit niedriger Arbeitslosenquote“, zählt Tilo Ambacher zwei Gründe auf, die am Standort Böblingen eigentlich gegen den Schritt in die Selbstständigkeit sprechen.
In der Vergangenheit sei  der Kreis deshalb bei  der Zahl der Neugründungen  hinterhergehinkt, ergänzt der stellvertretende Geschäftsführer der Bezirkskammer Böblingen der Industrie- und Handelskammer. „Wir sind in der Region einer der wenigen Landkreise, in denen es auch mehr Firmenanmeldungen als -abmeldungen gab“, hat  er noch eine weitere erfreuliche Zahl zu bieten. Typisch seien Neugründungen im Dienstleistungsbereich aus einem Angestelltenverhältnis heraus  –  wie bei Andreas Lackmann.     „Pfiffige Ideen“ seien der gemeinsame Nenner einer ansonsten großen Bandbreite von Branchen.

Auch Konzerne bauen am Startup-Ökosystem

„Articleaudios“ hieß das erste Startup von Andreas Lackmann. Aber die Vertonung von Zeitungsartikeln erwies sich als kein gewinnbringender Einfall.  Nach dem Master-Abschluss arbeitete er ein Jahr lang     in Teilzeit für die Personalabteilung von Hewlett-Packard. „Dabei habe ich meine Passion gefunden“, sagt der 29-Jährige. Seit September 2014 firmiert er nun unter seinem Namen als Personalvermittler, und langsam wird das Geschäft profitabel. Weil sein anfängliches Bauchladenkonzept nicht aufging, konzentrierte sich Lackmann auf eine  Zielgruppe: Softwareentwickler aus Osteuropa  für langfristig unbesetzte Stellen. „Die Nachfrage wird noch lange das Angebot enorm übersteigen“, sagt er. In der Ukraine hat er jetzt einen  Fachmann für die Programmiersprache Python für die  Stuttgarter Internetwerbeagentur Regiohelden gefunden.  Im September fliegt der 29-Jährige für zwei Wochen nach Sankt Petersburg, um Vorstellungsgespräche zu führen.
„Es tut sich einiges“, sagt  Hans-Ulrich Schmid über die Gründerszene. Drei Gründe hat der Leiter des Softwarezentrums dafür ausgemacht: eine Generation, die das Thema Selbstständigkeit lebt, Konzerne wie Daimler oder Bosch, die ein Startup-Ökosystem aufbauen, um innovativ zu bleiben, und Institutionen, die die Jungunternehmer  fördern.      „Nach Berlin geht man, wenn man Risikokapital sucht“, sagt er.  Die  Region Stuttgart sei für Dienstleister aus dem Bereich Forschung und Entwicklung attraktiv, die die Nähe zur Industrie suchten.   Dafür hätten die hier gegründeten  Firmen  äußerst gute Chancen, in zehn Jahren auf 60 bis 70 Mitarbeiter anzuwachsen, erklärt Hans-Ulrich Schmid.
„Wir leben gerade in den besten Zeiten“, findet Andreas Lackmann. Aufgrund der technologischen Entwicklungen ließen sich mit geringen Investitionen Firmen  aufbauen. Für sein Geschäft sieht er großes Wachstumspotenzial: Neben der Personalvermittlung über Grenzen hinweg will er zusätzlich  passende Bildungsprogramme  bieten – für die neuen und die alteingesessenen Kollegen. „Die Unternehmenskultur muss sich ebenfalls  verändern“, sagt er.

Startups und Innovationen in Böblingen

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Das Spektrum der Gründerthemen ist breit
Die  712 Firmengründungen im Kreis Böblingen im vergangenen Jahr beschränken sich nicht nur auf die Technologiebranche. Wie breit das Themenspektrum für Gründer in Böblingen ist, macht die Kreissparkasse Böblingen deutlich: Die Schwerpunkte bei den Finanzierungsanfragen für Firmengründungen waren  die Bereiche Gastronomie und Lebensmittel mit rund 30 Antragstellern. Das Handwerk steht mit 25 Vorhaben  auf Platz zwei, Autohändler und Werkstattbetreiber folgen mit 15  Anfragen. Von einer Cocktail-Bar über eine Hundeschule bis hin zum Segway-Verleih  reichten die Geschäftsideen. Im ersten Halbjahr 2016 hat die Kreissparkasse  167 Anfragen für Gründungsfinanzierungen erhalten, im ganzen Jahr 2015 waren es 312.
Die Freestyle Academy nennt Tilo Ambacher von der Bezirkskammer als  Beispiel für eine im vergangenen Jahr  gegründete Firma. Der Leonberger Bauunternehmer Cliff Rohrbach und ein Investor steckten drei Millionen Euro in die Halle für Skateboarder. Für das Softwarezentrum hat  Hans-Ulrich Schmid die Beispiele  Proofnet und Inspiricon.  Proofnet schafft mit Software  die IT-Sicherheit  von Steuergeräten im Automobilbereich.  Bei Inspiricon handelt es sich um ein Beratungsunternehmen für SAP-Systeme. Die Wirtschaftsinitiative Bwcon präsentiert die Firma Superiod als typisches Startup: Laut Eigenbeschreibung bietet es  „ganzheitliche Lösungen für komplexe und  ungelöste Fragestellungen“ an.

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