GFT-Chefin Marika Lulay macht Tempo

GFT-Chefin Marika Lulay„Wir sind bei GFT ein gereiftes Startup,“ sagt GFT-Chefin Lulay. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Am 1. Juni startet GFT-Chefin Marika Lulay beim Stuttgarter IT-Dienstleister. Mit IdeenwerkBW spricht sie über die Rolle der IT in der Gesellschaft – und warum Frauen das Programmierer-Image häufig noch abschreckt.

Die Frage ist unvermeidlich. Marika Lulay hat sie im Laufe ihrer Karriere schon oft beantworten müssen: Warum ist das Zukunftsfeld IT kein Frauenthema? Die künftige GFT-Chefin holt in ihrem Vorzimmer am Firmensitz in Stuttgart ein bisschen Luft, bevor sie antwortet. „Ich glaube, Frauen schreckt das Image ab, mit dem IT immer noch verbunden ist“, sagt sie: „Der Computerfreak ist im Fernsehen derjenige, der keine Freundin bekommt. Es ist der ,Nerd‘, der nie duscht und immer nur Pizza isst.“ Dabei seien auch Frauen leidenschaftliche Computerexpertinnen, die aber konkret nach dem Sinn ihrer Arbeit fragten: „Wir bauen in der IT keine Häuser, retten keine Leben. Aber wir müssen klar machen, dass man Menschen hilft, dass ohne IT Flugzeuge nicht fliegen und Krankenhäuser nicht funktionieren.“

Marika Lulay ist Galionsfigur für die IT-Branche

Die 54-Jährige bisherige Leiterin des operativen Geschäfts weiß, dass sie vom 1. Juni an als neue Chefin des Stuttgarter IT-Dienstleister GFT-Technologies auch bei diesem Thema stärker im Blick der Öffentlichkeit stehen wird – und dass sie, ob sie das nun persönlich überhaupt für wichtig hält oder nicht, als Spitzen-Frau eine Galionsfigur für die Branche ist. Bisher war der Unternehmensgründer Ulrich Dietz das Gesicht des Unternehmens, ein profilierter Kopf, der sich gerne einmischt, etwa als Startup-Förderer oder bei Debatten über den Innovationsstandort Baden-Württemberg. Mit weltweit 5000 Mitarbeitern in zwölf Ländern ist GFT im Bereich der IT-Lösungen für die Finanztechnologie eine etablierte Größe. Sie habe sich als Frau niemals benachteiligt gefühlt, beeilt sich Lulay hinzuzufügen: „Ich fand die Arbeit in der Branche immer offener, locker und freier als anderswo.“ Eine Studie der IG Metall habe im übrigen ergeben, dass die IT-Branche der einzige Bereich sei, in dem Frauen im Durchschnitt mehr verdienten als Männer. Flexible Arbeitszeiten, Heimarbeit – das sei in der IT schon lange selbstverständlich. Als sie einen Sohn bekam, blieb ihr Mann zunächst zu Hause.

IT heißt permanente Veränderungsbereitschaft

Viel lieber redet die GFT-Chefin über die Herausforderungen für die IT-Branche insgesamt, wenn sie Nachwuchstalente gewinnen will. Das Image der Branche als Tummelplatz für weltfremde Programmierer, das Lulay unbedingt überwinden will, sei keine Geschlechterfrage: „Sie brauchen in der IT schon auch solche Typen – aber die dürfen nicht mehr als zehn Prozent der Belegschaft ausmachen.“ Es gehe vielmehr um die Frage, ob man zu permanenter Veränderung, Risiko und Ungewissheit bereit sei. Dies entscheide darüber, ob man sich in der IT-Welt zu Hause fühle: „Im Prinzip sollte auch der Hausmeister im Unternehmen so denken“. Dass es an jungen Informatikern fehlt, liege auch an den Hochschulen, die diese Aufbruchsstimmung nicht vermittelten. Die Branche suche dringend Nachwuchs. Trotzdem würden Informatik-Studienanfänger nicht motiviert, sondern „herausgeprüft“, was sie auch im eigenen Umfeld erlebt habe.

Für IdeenwerkBW hat Marika Lulay vor Ihrem Amtsantritt 5 persönliche Fragen beantwortet

 

Die Finanzbranche steckt in einer Revolution

Ob es in Zukunft noch Banken sind oder eher Startups: Finanzdienstleistungen stecken mitten in einer Revolution. Während in Deutschland wegen der guten Bankeninfrastruktur noch Bargeld und EC-Karte vorherrschen, sind andere Länder viel weiter. Der Innovationsdruck sei groß, sagt Lulay: „Wenn sie etwas als relevant erkannt haben, kommt schon die nächste Welle.“ Beim Thema Umbrüche und Unsicherheit weiß sie, wovon sie spricht: Schließlich hat sie den ersten Internetboom und das Platzen der Blase um die Jahrtausendwende erlebt. Bevor sie 2002 in den Vorstand von GFT kam, hatte sie seit 1996 den Marktantritt des US-amerikanischen IT-Systemintegrators Cambridge Technology Partners in Deutschland geleitet. Davor arbeitete sie für das Darmstädter Unternehmen Software AG. „Es gibt wenig Routine – und das ist, was manche vielleicht erschreckt“, sagt sie. Doch das ist für Lulay genau der Reiz: „Man geht immer neue Wege und oft an die Grenze – das hat einen richtigen Suchtfaktor,“ sagt sie.

Marika Lulay geht ihren eigenen Weg

„Ich habe nach etwas gesucht, das nicht jeder macht“, so beschreibt sie den Weg, der sie zum Informatikstudium führte. Die in Heidelberg geborene Lulay stammt aus einfachen Verhältnissen. Zuhause gab es keinen Computer. Als Kind las sie Abenteuerromane und Geschichten von Naturwissenschaftlern, welche die Welt verändern. Eine ihrer Heldinnen war Marie Curie, die Physikerin und Nobelpreisträgerin vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Lulay ist die einzige in der Familie, die an die Universität ging. Ursprünglich hatte sie Biotechnologie studieren wollen, doch da reichte die Abiturnote nicht. „Geburtenstarker Jahrgang eben“, sagt sie. Die Alternative Informatik hat sie nie bereut. Sie programmiere gern und beiße sich auch gerne „mit Tunnelblick“ hartnäckig in die Probleme fest. „Ein bisschen Nerd steckt zugegebenermaßen auch in mir“, sagt sie. Lulay will aber über den Tellerrand hinausblicken. Wie kann die IT-Branche ihre Visionen so vermitteln, dass sie die Gesellschaft nicht überfordern?

Die Kultur der IT sickert in die Gesellschaft ein

Was die Öffentlichkeit als atemberaubendes Tempo empfinde, sei für die IT-Branche schon normal gewesen, als sie in Darmstadt in den achtziger Jahren ihr Informatikstudium begonnen habe. „Das mag arrogant klingen: Aber nur für die Leute draußen ist das überraschend. Um dem standhalten zu können, brauchen sie Fehlertoleranz“, sagt Lulay. Früher sei das eine Kultur der Insider gewesen – im Zuge der Digitalisierung müsse nun die gesamte Gesellschaft damit umgehen lernen. In der IT habe man schon immer aushalten müssen, dass man eine Software niemals vollständig testen könne, sondern dass es darum gehe, erkannte Fehler schnell auszumerzen. Für andere Branchen, die auf Perfektion getrimmt seien, sei dies nicht leicht zu akzeptieren.

Zwei Geschwindigkeiten sind notwendig

„Wir in der IT konnten immer schon mehr als das, was die Gesellschaft bereits als Nutzen anerkannte. Wir fühlen uns deshalb manchmal überlegen – was nicht immer gut ankommt,“ sagt sie. Die Branche dürfe aber nicht zu missionarisch auftreten, sagt die GFT-Chefin: „Es braucht in den Unternehmen eine Kultur der zwei Geschwindigkeiten, wo beides seinen Platz hat.“ Das gelte auch für die IT-Branche selbst: Wenn es darum gehe, ein Produkt zu entwickeln, zähle Tempo. Will man aber die Software beim Kunden zum Laufen bringen, gehe es um Perfektionismus: „Unsere Kunden erwarten eine maximale Testabdeckung, knallharte Performance, Dokumentation und Wiederholbarkeit. Das hat dann im Gegensatz zum Thema Entwicklung nichts mit Kreativität zu tun“. Lulay will deshalb, dass Mitarbeiter im Unternehmen in beiden Welten zurechtkommen: „Sie rollieren durch verschiedene Aufgabenbereiche – sie wechseln eher nach Monaten als in Jahren.“ Immer wieder neue Themen, immer wieder neue Qualifikationen, das sei der Rhythmus der Branche: „Wir sind bei GFT ein gereiftes Startup.“

Zur Person
Marika Lulay wurde 1962 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Informatikstudium in Darmstadt gründete sie unter anderem die Bistec GmbH, einen Softwarehersteller für das Baugewerbe. 1990 bis 1996 arbeitete sie für die Software AG in Deutschland und von 1996 bis 2002 baute sie für das US-Unternehmen  Cambridge Technology Partners das Deutschland- und Europageschäft auf.
Von 2002 bis August 2015 war Lulay Vorstandsmitglied  der GFT Technologies AG. Im August 2015 wurde sie  Mitglied des Verwaltungsrats und geschäftsführende Direktorin der GFT Technologies SE. Sie verantwortete das Kerngeschäft des Unternehmens und die Bereiche Technologie und Qualitätsmanagement.
Nachdem der Firmengründer Ulrich Dietz im Januar 2017 seinen Rückzug aus der Firmenleitung ankündigte, wurde Lulay zur neuen Chefin berufen. Ihre neue Funktion tritt sie am 1. Juni an. Die GFT-Chefin ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

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