GFT-Chefin Lulay über Innovation und Tempo

GFT-Chefin Lulay über InnovationGFT-Chefin Marika Lulay sieht die IT im gesellschaftlichen Kontext. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die IT gibt Wirtschaft und Gesellschaft das Tempo vor. Doch was bedeutet das aus der Perspektive des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT Technologies für die Unternehmenskultur? Ein Gespräch mit GFT-Chefin Lulay über Innovation.

Innovation ist mehr als nur Technologie. Dies will eine Großveranstaltung in dieser Woche in Stuttgart demonstrieren, die sich bewusst nicht als Messe deklariert, sondern als „new.New Festival“. Organisiert wird sie von der Innovations-Plattform Code_n.

An deren Anfang stand vor nunmehr sieben Jahren der Gründer und langjährige Chef des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT, Ulrich Dietz. Doch was soll ein solches Event erreichen, das unter der für Nicht-Technologen etwas sperrigen Überschrift „Intelligence X.0“ steht? Marika Lulay, seit dem vergangenen Jahr  Nachfolgerin von Dietz, beschreibt wie der rasante technologische Fortschritt die Gesellschaft umkrempelt und welchen Balanceakt es heute bedeutet, Unternehmen so zu führen, dass sie einerseits beweglich und innovativ werden, andererseits nicht das Bestehende gefährden.

5000 Mitarbeiter lassen sich nicht wie in einem Startup führen

Sie selbst vollführt diesen Balanceakt in einer Firma, die auf 5000 Mitarbeiter in Europa, Nord- und Südamerika gewachsen ist und die sich etwa den Themen Künstliche Intelligenz und  Blockchain vor allem im Finanzbereich widmet. Vorstellungen, dass die ganze deutsche Wirtschaft nach dem Muster der Gründer im Silicon Valley funktionieren könne, sind ihr fremd: „Wenn mir Startups etwas von ihren flachen Hierarchien erzählen, dann sag ich: Herrgott, bei sechzig Mitarbeitern habt ihr leicht reden.“

In Zukunft werde etwa das mittlere Management beileibe nicht überflüssig, wie von manchen Innovations-Gurus propagiert: „Jedes Unternehmen einer bestimmten Größe hat eine enorme Komplexität. Oben die Vision – unten flexible Teams, die sie umsetzen? Und dazwischen nichts? Da sind sie vielleicht schnell, aber auch unglaublich ineffizient“, sagt Lulay. Ein Firmenchef müsse heute mit aufgeklärten Managern und Mitarbeitern umgehen: „Wir haben als IT-Firma damit schon immer zu tun, weil IT-Leute sehr freiheitsliebend sind. Man muss aber trotzdem die Richtung vorgeben. Da müssen sie klar machen, wann eine Ansage eine Ansage ist und wann es Spielraum gibt.“

GFT-Chefin Lulay über Innovation: Scheitern nicht verklären

Denn mit dem Risiko spielen wie ein Startup, könne ein Chef mit der Verantwortung für tausende von Menschen nicht: „Es ist naiv zu glauben, dass Scheitern per se positiv ist. Das ist nur dann der Fall, wenn man sehr genau anschaut, was man daraus lernen kann.“ Lulay weiß, wovon sie redet. Sie hat kurz nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr gleich harten Gegenwind aushalten müssen, als zwei Großkunden einen Sparkurs verkündeten und der Aktienkurs einbrach. „Ich verteidige durchaus die traditionelle Unternehmensstruktur: Es ist immer die Mischung von Beibehalten und Verändern, die einen gesunden Wandel möglich macht.“

Für Mittelständler sei der Balanceakt zwischen Evolution und Risiko ganz normal: „ Die haben sich beispielsweise zu einem Zeitpunkt internationalisieren müssen, wo dies ein enorm hohes Risiko war. Die Angst finden sie eher in Großkonzernen, die sich über Jahre vermeintlich in Sicherheit wiegen konnten.“ Es gebe für viele Unternehmen in den kommenden Jahren gar keine andere Wahl, als teilweise existenzielle Risiken einzugehen.

Die IT wird immer schneller als die Gesellschaft sein

Es müsse noch viel mehr geschehen, um die Gesellschaft insgesamt für das Innovationstempo zu wappnen. Dieser Versuch werde jetzt mit dem Stuttgarter Festival gewagt, wo neben der Technologie  auch Kunst und Musik ihren Platz hätten: „Wir wollen die Sollbruchstelle zwischen Technologie und der Gesellschaft überwinden.“ Technikverliebte versus Bedenkenträger, das könne es nicht sein, sagt sie. „Bei der Geschwindigkeit mit der die IT vorangeht, kann keine Regierung der Welt, kein Ordnungsrahmen, kein Rechtssystem vorbeugend mithalten. Das geht nur reaktiv – aber die Werte, an denen man sich orientiert, muss man vorher definieren.“

Die für viele Menschen schwindelerregende Geschwindigkeit sei ein Naturgesetz der IT-Branche, sagt Lulay. „Das liegt daran, dass man in dieser Technologie neue Dinge erlebt, die man vorher gar nicht kannte. Wenn Sie ein Auto bauen, haben sie ein wiederholbares Ergebnis. In der IT beginnen sie mit einer Idee – und beim Umsetzen stellen sie fest, es geht noch viel besser und schneller.“ Und diese Branche präge Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr.

Die GFT-Chefin Lulay über Innovation: Ein Tempolimit könne es hier nicht geben – auch wenn dies manchmal die Gesellschaft zu überfordern scheine. „Hektik im Unternehmen bei geistiger Windstille bringt es aber nicht. Weil alle von Tempo reden, machen alle Tempo. Der Mensch fühlt sich dann überfordert. Und was geschieht am Ende? Stillstand.“

Das Innovationstempo schafft Raum für Quereinsteiger

Doch wenn die GFT-Chefin Lulay über Innovation redet, sieht sie auch Vorteile des hohen Tempos: „Heute ist meiner Meinung nach die IT ein guter Beruf für Frauen, die wegen ihrer Kinder mal aussetzen. Gerade weil sich die Dinge so schnell weiterbewegen, kann man immer wieder neu einsteigen. Die IT kann Quereinsteiger verkraften wie keine andere Industrie.“ Das gelte auch für Unternehmen: Wer eine Entwicklungsstufe verpasst habe, könne bei der nächsten ganz vorne wieder dabei sein.

Durch Einsatz von Künstlicher Intelligenz könnten auch weniger qualifizierte Arbeitnehmer auf einmal komplexere Tätigkeiten ausführen. Ob man mithalten könne sei im übrigen eine Mentalitätsfrage, keine des Geschlechts, des Lebensalters oder der Ausbildung. „Überfordert ist nur derjenige, der alles beibehalten will“, sagt Lulay. Von Quoten hält sie nichts. „Ein Team aus zehn jungen Männern kann genauso leistungsfähig sein wie eine hochdiverse Gruppe“, sagt sie. Entscheidend sei eine Durchmischung der Kompetenzen.

Lulay sieht allerdings den Heldenkult der bisher vor allem männlichen IT-Stars an seine Grenzen stoßen: „Man kann vielleicht sogar sagen, dass sich eine Form der eher ,weiblichen‘ Führung etabliert. Mir hat mal einer gesagt, wenn du Chef sein willst, musst du ein Rockstar sein. Ich glaube das nicht mehr. Das Benehmen des Tesla-Gründers Elon Musk wirkt doch wie aus der Zeit gefallen. Macho ist out.“

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