FuckUp Night Stuttgart: Erfolgreich gescheitert

Fuckup NIght StuttgartMisserfolg als Publikumsrenner - volles Haus in den Accelerate Spaces; Foto: Werner

Dass Gründer scheitern, liegt in der Natur der Sache. Früher wurde darüber nur wenig gesprochen. Heute ist das anders. Bei der FuckUp Night Stuttgart erzählten drei Unternehmer von ihren Niederlagen.

In den Accelerate Spaces in Stuttgart, wo für gewöhnlich Gründer, Startups und Unternehmen für eine erfolgreiche Zukunft vorbereitet werden, ging es in dieser Woche um Niederlagen und Misserfolge. Mehr als 80 zahlende Gäste waren gekommen, um die Geschichten der drei gescheiterten Gründer bei der FuckUp Night Stuttgart zu erfahren.
„Heute Abend wollen wir hinter die Kulissen schauen und über unternehmerische Niederlagen reden. Denn die gibt es auf alle Fälle“, beschreibt Lisa Flieg, die als Projektleiterin bei dem Startup-Beschleuniger Accelerate Stuttgart arbeitet, die Veranstaltung.
Nachdem das Format 2014 erstmals in Esslingen Station machte, fand am Dienstag bereits die achte Veranstaltung in der Region Stuttgart statt. „Wir erleben, dass auch das unternehmerische Scheitern in Deutschland immer mehr akzeptiert wird. Die meisten Speaker der FuckUp Nights melden sich selbst bei uns“, erklärt Flieg.

Bei der FuckUp Night Stuttgart ist Misserfolg fast sexy

Die FuckUp Nights, die 2012 in Mexiko-City von fünf Freunden ins Leben gerufen wurden, die genug davon hatten, nur über berufliche Erfolge zu sprechen, sind derzeit ein weltweiter Trend. Im April 2015 fanden bereits in über 100 Städten in 54 verschiedenen Ländern Veranstaltungen statt, bei denen gescheiterte Unternehmer von ihren Fuckups berichteten. Inzwischen dürften es weitaus mehr sein.
Aus der ersten spontanen Veranstaltung in Südamerika ist eine weltweite Bewegung geworden, die monatlich weit mehr als 10 000 Zuhörer anlockt. Ist scheitern mittlerweile sexy? Zumindest finden die Veranstaltungen zumeist in gut gefüllten Räumlichkeiten, in lockerer Atmosphäre und einem gut gelaunten Publikum, das überwiegend aus Männern besteht, statt.
Bei der FuckupNight Stuttgart waren es drei Männer, die vor dem Publikum, das sich nach Feierabend auf einen unterhaltsamen Abend freute, von ihren persönlichen Niederlagen erzählten. Auch hier waren männliche Zuhörer in der Mehrzahl, die meisten von ihnen im Alter von 25 bis 55 Jahren.

Trotzdem auf das Geleistete stolz

Den Beginn machte der 29-Jährige Elmar Burke, der sein Büro mittlerweile auch in den Accelerate Spaces am Feuersee hat und auf dem Flur für den Auftritt angefragt wurde. Auf dem Podium erzählte der ehemalige DHBW-Student, der mittlerweile als Unternehmensberater, Eigentümer einer Agentur und Lehrbeauftragter arbeitet, wie er bereits während des Studiums bei der Tochterfirma eines schwäbischen Werkzeugs- und Formenbauers eingestiegen war und sich dort um Vertrieb und Marketing kümmerte.
„Ich habe mich regelrecht in die Arbeit gestürzt und über das normale Maß hinaus eingebracht“, beschreibt der studierte Sportmanager seine Anfangseuphorie. Nach drei Jahren -nach Abschluss seines Studiums arbeitete er noch 1,5 Jahre in dem Startup- fand der Traum jedoch ein jähes Ende. „Ich bin zwischen die Fronten geraten und habe dann emotional gekündigt“, sagt Burke, dessen Ausstieg aus dem Unternehmen mit der Trennung von seiner damaligen Freundin zusammenfiel.
Trotz seines persönlichen Scheiterns ist der passionierte Radfahrer auf die geleistete Arbeit stolz. Das Unternehmen gebe es weiterhin, habe sich mittlerweile aber anders aufgestellt. „Das Scheitern hat mich noch mehr in Richtung Selbständigkeit gebracht“, trägt er vor. Das mag auch daran liegen, dass es für Burke bereits nach nur zwei Monaten Stillstand weiterging. Als Interimsgeschäftsführer fasste er neu Fuß und hat mittlerweile wieder Erfolg mit eigenen Projekten.

Fünf Krisen in 24 Jahren

„Als ich gehört habe, dass ich 15 Minuten erzählen darf, habe ich zugesagt“, fängt Heinz Mauder seinen Vortrag an. Nachdem der heute 63-Jährige 16 Jahre als Angestellter eines IT-Unternehmens tätig war, beteiligte sich der Mann vom Bodensee  vor 25 Jahren an einer kleinen Elektronikfirma, die zeitweise 50 Mitarbeiter beschäftigte.
Am Ende war er alleiniger Gesellschafter und musste 2014 das Insolvenzverfahren einleiten. „Unser Erfolg hat uns ruiniert“, fasst Mauder das Scheitern seines Unternehmens zusammen. Zwar sei die Auftragslage nach schwierigen Jahren während der Weltwirtschaftskrise wieder gut gewesen, doch habe der Personalmangel schließlich das Aus bedeutet. „Am Ende haben die Banken den Stecker gezogen“, erfahren die Zuhörer von dem heutigen Unternehmensberater.
„Ich habe in 24 Jahren fünf Krisen erlebt. Vier habe ich überstanden, eine nicht. Trotzdem geht es mir heute besser als jemals zuvor“, erzählt der Elektrotechniker gut gelaunt.

Die Lehre der FuckUp Night Stuttgart: Scheitern ist keine Schande

Ein Gründer, der ein Unternehmen für Baubedarf hochziehen wollte, beschreibt seinen Fuckup mit drastischen Worten: „Wenn auf einer Skala von eins bis zehn, zehn am schlechtesten ist, bin ich mit 37 gescheitert“. Oft habe er nach der beruflichen Niederlage zu hören bekommen „Wie hast du das denn hinbekommen?“
Tatsächlich greift es zu kurz, in dem Unternehmer den Schuldigen zu suchen. 2012 gründet der heute 42-Jährige ein Unternehmen, das kurz darauf einen seit 50 Jahren erfolgreichen Metallbaubetrieb übernahm. „Beim Termin mit der Bank hatten wir nach zehn Minuten den Kredit. Die Banker waren von unserem Plan überzeugt“, erzählt der studierte Architekt –  der inzwischen nach diskriminierenden Erfahrungen nach der FuckUp Night übrigens seinen Namen aus der Öffentlichkeit heraushalten möchte.

Der Betrieb florierte, schaffte 25 neue Arbeitsplätze und hatte volle Auftragsbücher. „Das Unternehmen war der Hammer und hatte viel Potenzial“, war damals nicht nur die Meinung des Inhabers.
Doch dann kommt das Ende sehr schnell: Das für Materialbestellungen benötigte Geld in Form eines Betriebsmittelkredits in sechsstelliger Höhe wird nicht bewilligt. „Bis heute habe ich von meiner Hausbank keine Entscheidung. Ich wurde über ein Dreivierteljahr hingehalten und vertröstet“, berichtet der gescheiterte Unternehmer.
Das Zögern der Bank führt zum Insolvenzverfahren, das Unternehmen wird abgewickelt, die Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze. Besonders betroffen macht den Gründer, dass seine Firma, die Fenster, Türen und Fassaden aus Aluminium herstellte, auf dem richtigen Weg war. „Wir wussten, woran es krankt und haben versucht, frühzeitig gegenzusteuern. Trotzdem hat die fehlende Liquidität unser Ende bedeutet“, trägt der leidenschaftliche Unternehmer vor.
Ein kurzer Fernsehbeitrag, der den Niedergang der Firma bebildert, sorgt bei der Fuckup Night Stuttgart nur für kurze Zeit für eine andächtige Stimmung im Publikum. In der anschließenden Fragerunde sorgen die Redner für Lacher und Heinz Mauder, dessen Schwiegermutter heute noch immer nichts von der Insolvenz seiner Firma weiß, gibt den Zuhörern auf den Weg: „Scheitern ist keine Katastrophe“. Es scheint, als hätten die Zuhörer in den Accelerate Spaces doch noch etwas für eine erfolgreiche Zukunft als Unternehmer gelernt.

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