Allerbeste Chancen für Frauen in der IT-BrancheMaria Dietz, die im Verwaltungsrat des Stuttgarter IT-Dienstleisters GFT vertreten ist, will Frauen stärker nach vorne bringen. Foto: GFT

In der IT-Branche fehlen Fachkräfte. Trotz glänzender Jobaussichten und guter Rahmenbedingungen fehlen Frauen in der IT-Branche. Maria Dietz, Mitglied des Verwaltungsrats beim  IT-Dienstleister GFT Technologies, schreibt, was man ändern könnte.

Weibliche Vorbilder? Fehlanzeige! Die IT-Branche hat ein Imageproblem.  Mit Frauenförderprogrammen allein ist es nicht getan, die Branche muss verstehen, was Frauen wollen, intensive Aufklärungsarbeit leisten und den weiblichen Nachwuchs schon frühzeitig ansprechen. Doch das ist gar nicht so einfach…

Die IT-Branche ist hochinnovativ und bietet Frauen attraktive Karrierechancen und Verdienstmöglichkeiten. Auch die Jobaussichten für Informatikerinnen sind derzeit glänzend: Denn händeringend suchen Unternehmen aller Branchen Software-Entwickler, Cyber-Security-Experten, IT-Berater und natürlich auch -innen: Ende 2016 gab es bundesweit rund 51 000 offene Stellen für IT-Fachkräfte, ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Frauen in der IT-Branche machen allerdings gerade einmal 15 Prozent in Deutschland aus, schätzt der Branchenverband Bitkom (Stand 2015). Warum trifft man trotz der guten Rahmenbedingungen eher selten auf Frauen in der IT-Branche? Die Branche hat ein Imageproblem: Geschlechterspezifische Klischees beeinflussen die Berufswahl stark. Der Mangel an Rollenvorbildern manifestiert dies zusätzlich.

Berufswahl: Klischee vom Nerd hält sich

Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen bei Mädchen gehören bislang weder die Fachinformatikerin noch die IT-System-Kauffrau. Stattdessen fallen im Berufsbildungsbericht des Bildungs- und Forschungsministeriums seit Jahren unter die Top 10 die Kauffrau für Büromanagement, die Einzelhandelskauffrau und die medizinische Fachangestellte; bei den Studiengängen sind es Wirtschafts- und Rechtswissenschaften, Germanistik, Pädagogik, Psychologie und Soziale Arbeit. Die Berufswahl hängt nach wie vor stark von Rollenklischees ab. In der Wahrnehmung junger Frauen hat die IT-Branche ein Imageproblem: Hartnäckig hält sich das Bild vom (männlichen) IT-Experten als bleichgesichtigem Nerd, der rauchend und umgeben von Stapeln leerer Pizzakartons ein einsames Dasein im stillen Kämmerlein hinter seinem Rechner fristet. Dass der Arbeitsalltag in einem Technologieunternehmen vollkommen anders aussieht, Teamarbeit dominiert und es im IT-Umfeld unterschiedlichste Rollen und Berufe gibt, davon haben die wenigsten Jugendlichen eine Vorstellung.

Was junge Frauen wollen

Aber hat denn umgekehrt die IT-Branche eine Vorstellung davon, was junge Frauen eigentlich wollen? Dieser Frage ging 2016 die Friedrich-Ebert-Stiftung nach. Anhand von acht verschiedenen Frauentypen entstand ein facettenreiches Bild von den Lebenswelten junger Frauen zwischen 18 und 40 Jahren, die höchst unterschiedlichste Ziele und Einstellungen haben. Da gibt es beispielsweise die Performer: die selbstbewusste, optimistisch-pragmatische Leistungselite mit intensiver IT- und Multimedia-Nutzung. Typische Berufe in diesem Milieu sind Wirtschaftsinformatikerin oder Senior Project Manager. Performer-Frauen sehen in ihrem Job Erfüllung, Erfolg und Sinn. Sie wollen eine partnerschaftliche Rollenteilung bei der Familiengründung und fordern daher flexible Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer. Ganz anders sehen das Vertreterinnen der Konservativen und Traditionellen: Die Mehrheit von ihnen arbeitet nach einer guten dualen oder vollzeitschulischen Berufsausbildung beispielsweise als Kauffrau oder Sachbearbeiterin. Für diese Frauen ist die Erwerbsarbeit nur eine „Übergangsphase bis zur Familiengründung“– auf eine Rückkehr in den Job würden viele gerne ganz verzichten, sehen sich jedoch aus finanziellen Gründen dazu gezwungen. Ideal erscheint ihnen eine Teilzeittätigkeit mit ca. 20 Wochenstunden, verteilt auf 4 Vormittage. Neuen Technologien gegenüber sind sie grundsätzlich aufgeschlossen, den gesellschaftlichen Wandel sehen sie eher skeptisch. Eine sehr hohe Affinität zu neuen Unterhaltungsmedien und Multimedia-Technologien besitzen Frauen im Segment Benachteiligte. Viele von ihnen haben eine geringe Schulbildung – Verkäuferin und Servicekraft sind typische Berufe. Meist sind sie die Haupternährerin, die zugleich auch das komplette Familienleben managen muss. In krassem Kontrast dazu stehen die Expeditiven: die „kreative und kulturelle Avantgarde“ ist „mental und geografisch mobil; stets auf der Suche nach neuen Grenzen und ihrer Überwindung“. Im Job wollen sich die jungen Frauen selbst verwirklichen und persönlich weiterentwickeln. Der Job soll zwar die finanzielle Unabhängigkeit sichern, doch das höchste Gut ist für diesen Typ Frau nicht Geld, sondern Zeit. Sie sucht die perfekte Balance zwischen Arbeit, Familie und eigenen Projekten. Entsprechend breit ist hier nicht nur das Spektrum der „typischen“ Berufe, sondern auch der zeitliche Umfang der Erwerbstätigkeit. Für diese vier völlig unterschiedlichen Frauentypen gibt es in der IT-Branche interessante Tätigkeitsfelder und die passenden Arbeitsbedingungen. Die Herausforderung für Unternehmen besteht darin, eine geeignete Ansprache für diese unterschiedlichen Frauentypen zu entwickeln, um ihnen die offenen Positionen schmackhaft zu machen.

Attraktive Arbeitsbedingungen für Frauen in der IT-Branche schaffen

Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, muss ein Unternehmen sehr viel mehr bieten als ein gutes Gehalt. Laut der aktuellen Shell-Jugendstudie wollen Jugendliche heute neben einem sicheren Arbeitsplatz vor allem eine interessante und erfüllende Tätigkeit, Flexibilität und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Bei der Vereinbarkeitsfrage sind Unternehmen gefordert, intelligente Individuallösungen zu entwickeln, die zur jeweiligen Lebenssituation passen – dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Arbeiten von zu Hause aus, Teilzeitoptionen und Sabbaticals. Voraussetzung für all das ist eine offene Unternehmenskultur, in der Beschäftigte – und zwar Frauen wie Männer gleichermaßen – keinen Karriereknick befürchten müssen, wenn sie solche Angebote nutzen möchten. Ein ebenfalls wichtiger Faktor sind Entwicklungsmöglichkeiten wie Weiterbildungen, Mentorenprogramme und Leadership-Initiativen. Frauenförderung heißt nicht, Förderprogramme für Frauen aufzulegen, sondern die Karrierechancen von Frauen aktiv zu fördern. Ob mit oder ohne Programm ist dabei unerheblich: Entscheidend sind die internen Strukturen und ein ganzheitlicher personalpolitischer Rahmen, der die Bedürfnisse aller Beschäftigten abbildet. Das beste Frauenförder-„Programm“ sind Netzwerke und weibliche Vorbilder, an denen sich junge Frauen orientieren können.

Frauen in der IT-Branche: Rollenvorbilder in der IT-Branche? Fehlanzeige!

Für junge Frauen, die sich am Ende ihrer Schulzeit für einen Beruf entscheiden müssen, gibt es zu wenige Frauen in der IT-Branche die als Vorbilder fungieren – Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, Youtube CEO Susan Wojcicki oder IBM-Chefin Virginia Rometty sind die Stars der Branche, doch es fehlen Vorbilder im unmittelbaren Umfeld. So sind die Mutter der besten Freundin, die ältere Cousine oder die Lieblingstante eben meist nicht allesamt Java-Entwicklerin, Informatikprofessorin oder Expertin für Big Data. Darüber hinaus ist auch der Einfluss der Medien auf die Berufswahl immens. In den populären amerikanischen Fernsehserien sucht man vergeblich nach Software-Entwicklerinnen oder Ingenieurinnen. Erfolgreiche und attraktive Frauen in den Serien sind meist Ärztin, Anwältin, oder forensische Anthropologin.
Und Frauen in Führungspositionen? Während der Anteil weiblicher Führungskräfte in Deutschland seit mehreren Jahren bei 29 Prozent stagniert, sind immerhin im amerikanischen Fernsehen die starken Frauen auf dem Vormarsch. In den Formaten der landesweiten Sendeanstalten (Networks) lag 2014 der Anteil von TV-Heldinnen bei 30 Prozent (2011: 21%), männliche Helden finden sich demgegenüber nur noch in 12 Prozent der Sendungen (2011: 18%); beim Bezahlfernsehen (Cable) ist das Geschlechterverhältnis allerdings (noch?) andersherum – auf 38 Prozent starke Männer kommen nur 20 Prozent starke Frauen.
In der Praxis zeigt die Europäische Kommission ein weiteres Problem auf: Während im Alter von 30 Jahren noch immerhin 20 Prozent der Frauen mit einem IT-bezogenen Abschluss auch in der ITK-Branche arbeiten, sind es bei den 45-Jährigen nur noch 9 Prozent.

Mädchen frühzeitig für IT begeistern

Für eine positive Einstellung gegenüber technischen Berufen gilt es, Mädchen bereits möglichst früh anzusprechen: „Mädchen – und auch Jungen – ergreifen eher dann typisch männliche Berufe, wenn ihre mathematische Kompetenz höher ist als ihre Lesekompetenz. […] In der Praxis bedeutet das also: Wenn die Schulen es schaffen, Mädchen für Fächer wie Mathe und Physik zu erwärmen, ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung getan“, so der Bildungssoziologe Marcel Helbig in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Der erste OECD-Bildungsbericht mit Fokus auf Geschlechtern (2015) zeigte, dass Jungs ein deutlich größeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben als Mädchen: Trotz vergleichbarer Ergebnisse im PISA-Test Naturwissenschaften können sich deutlich weniger Mädchen als Jungen vorstellen, später in einem MINT-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu arbeiten. Reine Mädchenschulen oder Modelle eines phasenweise monoedukativen, d.h. nach Geschlechtern getrennten, Unterrichts können Mädchen auf dem Weg in eine MINT-Karriere unterstützen. Das Stuttgarter Mädchengymnasium St. Agnes beispielsweise pflegt zudem seit Jahren Bildungspartnerschaften mit Bosch und dem Maschinenbauer Trumpf. Auch Aktionstage wie der jährliche Girls‘ Day vermitteln ein anschauliches Bild technischer Berufsbilder. Begegnungen mit Beschäftigten zeigen, dass für einen Einstieg in die IT-Branche nicht zwingend ein Informatikstudium notwendig ist, sondern dass unterschiedlichste Talente in der Informationstechnologie gefragt sind.
Der Zeitpunkt für einen Einstieg in die IT könnte nicht besser sein: Technologieaffinen Frauen stehen alle Türen sperrangelweit offen. Also: wenn nicht jetzt, wann dann?

Zu den GFT Stellenangeboten

Über Maria Dietz Die Diplom-Betriebswirtin hatte von 1990 bis Mitte 2015 verschiedene Leitungsfunktionen bei GFT Technologies inne. Im Juni 2015 wurde sie in den Verwaltungsrat des Unternehmens berufen. Maria Dietz ist Mitglied im erweiterten Vorstand des Bitkom Fachausschuss Frauen in der ITK. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Frauenförderung bei GFT? Ausgezeichnet! Seit 2012 lässt das Unternehmen die Effektivität seiner Maßnahmen zur Förderung von Karrierechancen für Frauen in der IT-Branche im Rahmen des vom Bundesfamilienministerium entwickelten Frauen-Karriere-Index (FKi) untersuchen. Analysiert werden Daten zum Status Quo, zu Zielen sowie zu allgemeinen Rahmenbedingungen. Im FKi-Ranking zählt GFT seit Jahren zu den zehn „frauenfreundlichsten“ Unternehmen in Deutschland. Mehr zum FKi

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