Florian Butollo: KI ist anders als der Mensch

Florian Butollo; KIDenkende Maschinen - das ist die Vision. Aber dem Menschen reichen sie nicht das Wasser. Foto: Pixabay/kalhh/CC0

Computer sind sowohl für schnelle Berechnungen als auch für die Analyse großer Datenmengen geeignet, sagt der Wissenschaftler Florian Butollo, der auch den Deutschen Bundestag berät. Tröstende Gespräche können sie allerdings nicht führen.

Herr Butollo, so leistungsstark wie das menschliche Gehirn seien Computerprozessoren bereits 2025. Das schreibt Klaus Schwab, der Chef des Weltwirtschaftsforums von Davos. Ist das nicht ein bisschen zu euphorisch?
Nein, das halten viele Leute, die sich auskennen, für realistisch. Die Rechenleistung von Computern und Programmen wächst tatsächlich exponenziell. Das Ergebnis darf man jedoch nicht mit menschlicher Intelligenz verwechseln.

In Davos werden die Vorteile Künstlicher Intelligenz beschworen. Was kann KI, was Menschen nicht beherrschen?
Sie funktioniert gut, wenn es um die schnelle Berechnung und Analyse großer Datenmengen geht. Programme, die Millionen Muster von Krebstumoren kennen, entdecken Krebszellen besser als spezialisierte Diagnostiker. Ähnliches gilt für die Gesichtserkennung, das automatische Herausfiltern von Individuen aus Menschenmengen.

Und was kann KI grundsätzlich nicht, was Menschen ganz normal beherrschen?
Maschinen sind nicht dafür ausgelegt, ihre Kenntnisse in zahlreiche andere Bereiche zu übertragen. Ihre Transferleistung beträgt meist exakt null. Solches Denken ist dem menschlichen Hirn vorbehalten – vermutlich prinzipiell. Denn Programme dienen immer dazu, ein bestimmtes Problem zu lösen, das aber teilweise besser als Menschen. Jedoch kann die Software, die die weltbesten Go-Spieler schlägt, keine Gesichter erkennen. Dafür wurde sie nicht programmiert. Sie würde es auch nicht schaffen, den Müll rauszubringen, selbst wenn sie in einer mobilen Maschine steckte. Das Go-Programm verfügt zwar über eine immense Rechenkapazität, kann sie jedoch nur für einen einzigen Zweck einsetzen. Die menschliche Intelligenz ist ungleich vielschichtiger als die künstliche Variante.

Regisseur Stanley Kubrick zeigte 1968 in seinem Film „2001: Odyssee im Weltraum“ den empfindungsfähigen Bordcomputer HAL, der mit den Astronauten im Raumschiff kommunizierte. Das ist immer noch Utopie?
Heute kann man Chatbots wie Alexa oder Siri befehlen, sie sollen das Licht im Zimmer anschalten. Das schaffen sie auch. Sinnvoll über klassische Musik unterhalten kann man sich mit ihnen jedoch nicht. Schließlich werden die Programme nur auf bestimmte Standardsituationen und Standardantworten trainiert. Jenseits davon sind sie hilflos.

Die menschliche Intelligenz hat eine emotionale Dimension, die Computern weitgehend verschlossen ist. Wird das so bleiben?
Wenn es um Gefühle und Sensibilität geht, sind Maschinen grundsätzlich im Hintertreffen. Figuren wie das KI-System „Samantha“ im Film „Her“, in das sich der Protagonist verliebt, existieren nur in der Fiktion. Trotzdem lassen sich heute schon Bestandteile menschlichen Verhaltens nachbauen, die wirklichem sozialen Austausch ähneln. Auf Krankenpflege spezialisierte Programme können in begrenztem Umfang mit Patienten kommunizieren.

Das bedeutet, dass Tätigkeiten und Jobs , die viel emotionale und soziale Kompetenz erfordern, von intelligenten Maschinen auch später nur teilweise ersetzt werden?
Pflegende Tätigkeiten in Krankenhäusern oder Alteneinrichtungen sind weitgehend resistent gegen Substitution. Zwar kann die Pflegerobotik dabei helfen, Pflegebedürftige etwa aus dem Bett heben, Daten über ihren Zustand zu sammeln oder für Zeitvertreib durch Spiele zu sorgen. Schwierige, tröstende Gespräche funktionieren jedoch mit Maschinen nicht. Deshalb nimmt der Bedarf an menschlicher Pflegearbeit wohl nicht ab. Wegen der größeren Zahl Pflegebedürftiger dürfte er eher wachsen.

Florian Butollo: Die Folgen von KI am Arbeitsmarkt sind offen

Bestimmte Berufe dürften jedoch verschwinden – Kassierer und Kassiererinnen etwa?
Für einen Teil von ihnen trifft das sicher zu. Dasselbe gilt für Sachbearbeiter bei Banken und Versicherungen. Da werden wohl zahlreiche Stellen wegrationalisiert.

Bis 2035 führe die Digitalisierung in Deutschland nicht zum Abbau vieler Jobs, schrieb das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit in einer Studie. Sehen Sie das auch so?
Im Großen und Ganzen klingt das realistisch. Wir verfügen über Erfahrung mit Rationalisierung. In der bundesdeutschen Industrie arbeiten heute viel weniger Leute als früher, und trotzdem steigt die Zahl der Beschäftigten. Vor allem im Dienstleistungssektor entstehen mehr neue Jobs, als woanders alte abgebaut werden. Freilich sollte man ehrlich sein: Ob dieser Auffangprozess unter der Vorzeichen der Digitalisierung so weiterläuft, wissen wir einfach nicht.

Was halten Sie von der These des US-Autors George Packer, dass die Digitalökonomie die gesellschaftliche Mittelschicht dezimiert; Armut und Reichtum aber stärkt?
Eine irreführende Erzählung. Digitalisierung und Polarisierung mögen zur gleichen Zeit stattfinden. Ich sehe aber einen anderen, wichtigeren Grund für die gesellschaftliche Spaltung: Eine Politik, die sich im internationalen Konkurrenzkampf zwischen Staaten, Standorten und Branchen den Interessen der Kapitalbesitzer unterwirft. Unter anderem die Steuer- und Lohnpolitik hat für eine Umverteilung von unten nach oben gesorgt. Das kann man nicht einfach der Technik in die Schuhe schieben.

Während Jobs bei Einzelhändlern tarifvertraglich abgesichert sind, lassen die Bedingungen in neuen Lieferdiensten zu wünschen übrig.
Sicherlich besteht eine Facette der Digitalisierung darin, dass gut ausgebildete und bezahlte Beschäftigte durch angelernte Picker und Auslieferungsfahrer ersetzt werden, die nur Mindestlohn erhalten. Andererseits profitieren Firmen wie Amazon von einer politischen Regulierung, die das zulässt. Das müsste nicht so sein.

Was könnten Regierungen tun?
Es wäre sinnvoll den Mindestlohn deutlich zu erhöhen. Und Gesetze sollten die Position der Gewerkschaften stärken. In einem Fall gelang das kürzlich. Früher berief sich die Billig-Fluglinie Ryanair auf eine Ausnahme im Betriebsverfassungsgesetz, derzufolge fliegendes Personal keinen Anspruch auf die Vertretung durch einen Betriebsrat hatte. Unlängst änderte der Bundestag das Gesetz und unterstützte damit die streikenden Piloten und das Kabinenpersonal.

Sie plädieren dafür, die Modernisierung zu „entschleunigen“. Warum?
Die größte Gefahr sehe ich darin, dass wir mit Verweis auf den Standortwettkampf relativ unkritisch alles vorantreiben oder mindestens mitmachen, was technisch möglich erscheint. Aber hängt unser Wohlstand wirklich von der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz ab? Überschätzen wir nicht ihre Potenziale – und unterschätzen die Gefahren, etwa die mögliche Überwachung der Bürger durch Datensammlungen? Wir sollten versuchen, souverän und autonom darüber zu diskutieren, welche Technologien unsere Gesellschaft zu welchem Zweck anwenden will und uns so viel Zeit nehmen, wie nötig, um verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

KI-Experte Florian Butollo

Foto: privat

Florian Butollo (42) sitzt in der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ des Bundestages. Die Linke hat ihn benannt. Er arbeitet am Weizenbaum-Institut in Berlin, das die gesellschaftlichen Auswirkungen des Internets und der Digitalisierung erforscht, und am Wissenschaftszentrum Berlin. Florian Butollo ist promovierter Soziologe und Arbeitswissenschaftler.

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