Firmen auf der Re:publica suchen Rebellen

Firmen auf der Re:publicaArbeitsminister Hubertus Heil erinnerte auf der Re.publica auch mal an den Arbeiterfeiertag 1. Mai. Foto: Jan Zappner/re:publica

Firmen auf der Re:publica suchen Rebellen, Auf der einst von Hackern gegründeten Digitalkonferenz können Unternehmen erstmals direkt um Mitarbeiter werben. 

Carolin Heim vom Organisationsteam der Digitalkonferenz Re:publica in Berlin muss die Türe zu dem kleinen Nebenraum ständig bewachen. „Recruiting area“, also „Zone für Einstellungsgespräche“, steht dort gleich rechts neben dem Eingang zum Gelände. Die Stufen sind mit rotem Teppich belegt. Die kuschelig möblierte Ecke kann sich vor Nachfrage nicht retten. Höflich muss Heim eine Frau aus Freiburg aufs nächste Jahr vertrösten. Die war nur so auf Talentsuche nach Berlin gefahren – und hat entdeckt, dass das auf der doch eigentlich hochpolitischen Konferenz nun auch offiziell möglich ist. „Im nächsten Jahr haben wir ganz bestimmt eine Ecke, wo man sich mit Bewerbern zu spontanen Gesprächen treffen kann“, sagt Heim, die für die Re:publica in Vollzeit Firmen auf der Re:publica betreut.

Fünf Firmen auf der Re:publica suchen Rebellen

Die 2007 gegründete und damals nur von einigen Hundert Hackern besuchte Re:publica hat in diesem Jahr zum ersten Mal Firmen die Tür geöffnet, damit sie unter dem jungen Publikum nach Mitarbeitern fischen können. „Speed-Meeting“, also Schnelltreffen, heißt das. Fünf Unternehmen – das Innovationslabor Lab 1886 von Daimler, Volkswagen, der Reisekonzern Tui, eine Berliner Marketingagentur für Behörden und Institutionen sowie Wikimedia, das Unternehmen hinter dem Online-Lexikon Wikipedia – werben hier mit knackigen Präsentationen und in fünf Minuten dauernden Schnellgesprächen für ihre Jobs. Gerade einmal 30 Bewerber können bei der Premiere an zwei Tagen durchgeschleust werden. Doch der Andrang sprengt alle Erwartungen. Der Fachkräftemangel lässt grüßen. Heim sagt es so: „Wirtschaftliche und politische Themen verschmelzen einfach zusehends.“

Der Bundespräsident verweist ironisch auf die Spannungen

Der Bundespräsident höchstpersönlich spießte in seiner Auftaktrede die Spannungen auf, die auch im Thema Firmen auf der Re:publica liegen. „Sie fragen sich vielleicht, was eine so analoge Figur wie der Bundespräsident eigentlich hier will“, sagte Frank Walter Steinmeier, der als erstes deutsches Staatsoberhaupt die Berliner Konferenz mit einem Auftritt adelte. „Wie weit ist es mit einer einst freigeistigen Veranstaltung gekommen? Am Ende singen wir noch alle gemeinsam die Nationalhymne“, sagte Steinmeier. Als ihm dann aus einer der hinteren Reihe ein „Gerne!“ entgegenschallte, hatte Steinmeier die Lacher auf seiner Seite. Mit seinem Fazit, mit dem er nicht eine „Digitalisierung der Demokratie, sondern die Demokratisierung des Digitalen“ forderte, traf er den Nerv des Publikums.

Noch kurz vor seinem Auftritt waren hinter ihm auf der Leinwand die Logos der Sponsoren eingeblendet. Mit Porsche und dem Daimler-Innovationslabor Lab1886 standen dabei gleich zwei Autohersteller aus Stuttgart, die zurzeit intensiv an ihrem innovativen Image feilen. Die Bewerberplattform sei auf ausdrückliche Anregung von diesen und weiteren Unternehmenspartnern zustande gekommen, erklärt Heim. „Unternehmen und Bewerber haben sich schon früher spontan in Berlin getroffen. Jetzt bieten wir ihnen eben eine Struktur.“ Oft geht es dabei um zusätzliche Mitarbeiter für die immer zahlreicher werdenden, in Berlin angesiedelten Innovationsteams auswärtiger Firmen – ein Re:publica-Standortvorteil.

Berlin lässt bisher Platz für Gesellschaftskritik

In der Reihe der Innovationsevents, die sich von Helsinki bis Lissabon auf einem heiß umkämpften Markt tummeln, hat Berlin immer noch einen sehr eigenen, man kann fast sagen: deutschen Charakter. Während anderswo der fröhliche und weitgehend unkritische Technikoptimismus überwiegt und man erst allmählich die politischen Folgen der Digitalisierung entdeckt, diskutierte man in Berlin schon immer die gesellschaftlichen Konsequenzen. Anderswo sucht man Investoren, in Berlin sucht man nach Sinn.

Doch genau das hat für Firmen, die auf der Suche nach kreativen Querdenkern sind, zunehmend seinen Reiz. Zur Schnellpräsentation vor den Bewerbern schickten sie bärtige Hipster in T-Shirt und Jeans, die etwa bei den beiden vertretenen Autokonzernen kaum ein Wort über Autos reden – und die im Fall des Innovationsrepräsentanten von Daimler auch nur in Englisch. Zwischen die politischen Diskussionsveranstaltungen hat sich nun zudem eine eigene Vortragsreihe zu praktischen Trendthemen gesellt – wie etwa „New Work“, die sogenannte neue Arbeit mit selbstbestimmten Mitarbeitern.

Am Ende geht es um Macht

Es sei bemerkenswert, wie viele Mächtige aus der Wirtschaft inzwischen auf die Re:publica fänden, sagte SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil, der über die Zukunft der Arbeit sprach. Doch letztlich werde hier dasselbe verhandelt, wie er es am 1. Mai auf der Kundgebung im heimatlichen Niedersachsen erlebt habe: „Es ist auf den ersten Blick ein anderer Blickwinkel, aber es sind inzwischen dieselben Themen: Was macht das mit meinem Alltag? Wer übernimmt Verantwortung? Wer vertritt welche Interessen? Wer hat die Macht?“

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