Familienunternehmen und Startups nähern sich an

Familienunternehmen und Startups; Bundestreffen der FamilienunternehmerWer ist Killerwal? Und wer ist Pinguin? Das Titelbild des Treffens der Familienunternehmen. Foto: Familienunternehmerkonferenz

Etablierte Familienunternehmen und Startups ergänzen sich vom Prinzip her perfekt. Beim Bundestreffen der Familienunternehmer zeigen beide Seiten ein verstärktes Interesse an Kooperationen. Doch zunächst muss man eine gemeinsame Sprache finden.

Startup-Kooperationen standen am Donnerstag bei der zwölften Familienunternehmerkonferenz in Stuttgart im Mittelpunkt. Das übliche Tagungsprogramm wurde zum ersten Mal von offenen Begegnungsplattformen zwischen etablierten Firmen und Gründern sowie durch einen Startup-Wettbewerb ergänzt. Die Stuttgarter Breitsohl-Verlagsgesellschaft hat sich als Organisator der Veranstaltung „Bundestreffen der Familienunternehmer“ für das bewusst provokativ gewählte Motto entschieden: „Mut zum Risiko – verändern oder untergehen!“ Verleger Theo Breitsohl formulierte die Herausforderung so: „Eine neue Generation von Gründern drängt in den Markt, sie ticken und handeln anders.“ Insbesondere Familienunternehmen bräuchten aber den Kontakt und die Kooperation mit Menschen, die in der digitalen Welt groß geworden seien: „Wir brauchen sie als Gründer, Nachfolger, Mitarbeiter und Kunden. Dafür müssen sich aber unsere Führungskultur und unsere Strategien verändern“, sagte Breitsohl.

Familienunternehmen und Startups: Weg von Null-Fehler-Kultur

Arnold Weissmann, Gründer und Inhaber einer gleichnamigen Beratungsfirma aus Nürnberg, nannte Familienunternehmen und Startups das perfekte Paar. Wer jahrzehntelang eine Null-Fehler-Kultur gepflegt habe, für den seien radikale Innovationen ein Kulturproblem. „Das können etablierte Unternehmen von Startups lernen. Diese wiederum brauchen die Werte, die Erfahrung und das Können der reifen Unternehmen – eine perfekte Symbiose.“ Philipp Deperieux, Gründer des Beratungsunternehmens Etventure, das Brücken zwischen Startup-Denken und etablierter Unternehmenstradition bauen will, beschrieb in Stuttgart die immer noch vorhandenen kulturellen Hürden. „Das ist ein wenig wie Südkorea und Nordkorea – wobei ich nicht sage, wer da nun das eine oder das andere repräsentiert“, sagte Deperieux. Im Prinzip spreche man die gleiche Sprache, habe auch denselben Ursprung, weil viele Familienbetriebe die eigene Gründergeschichte in ihrem Erbe trügen. Doch in der Praxis stellten etablierte Unternehmen immer noch viele Hürden auf: „Eine etablierte Firma will Sicherheit – aber einem Startup kannst du nicht mit einem Rechtsanwalt kommen, der erst sechs Monate lang alle rechtlichen Aspekte auslotet und danach fragt, wem am Ende einer Kooperation nun das geistige Eigentum gehören soll“, so Deperieux. Dabei sei die Angst davor, Ideen zu teilen, überholt: „Eine Idee ist heutzutage nichts. Es kommt darauf an, was man aus ihr macht.“ Bei der Kooperation mit einem Startup dürfe man nicht gleich an dessen Bewertung oder gar an dessen Übernahme denken: „Man muss einfach das Rolltor aufmachen und beispielsweise einmal riskieren, für Marktstudien ein Startup auf die eigenen Kunden loszulassen.“

Tradition und agiles Handeln schließen sich nicht aus

Für Startups werden Familienunternehmer aber auch noch aus einem anderen Grund immer interessanter. Hier sitzen potenzielle Investoren, die neben dem Geld oft auch spezielle technologische Expertise und Marktkenntnisse mit sich bringen. Noch seien es relativ wenige, die sich auf dieses Terrain vorwagten, sagte der Vertreter eines auf Finanzierungsfragen von Familienunternehmen spezialisierten Unternehmens aus Augsburg. Auf der Tagung in Stuttgart waren mehrere Beispiele dafür zu finden, dass Tradition und Beweglichkeit einander bei Familienunternehmen nicht im Weg stehen. Eckard Bluhm, Gründer und Geschäftsführer der Bluhm Weber Group aus der Nähe von Bonn, hatte keine Scheu, zur Mitarbeitergewinnung schon auf ein Startup-Event nach Berlin zu gehen. Der 1968 gegründete Etikettenhersteller ist immer mehr damit konfrontiert, dass Etiketten und Produktinformationen der erste Schritt zur Digitalisierung sind. Die Technologien ändern sich dabei schnell: Nach den auch aus dem Supermarkt bekannten Strichcodes und den immer noch relativ teuren RFID-Signalchips werden nun immer öfter per Laser Markierungen direkt eingraviert. Das Unternehmen braucht deshalb immer mehr IT-Kompetenz – für die Startups ein Reservoir sind. „Wir haben inzwischen zehn bis zwölf junge Leute in unserer IT-Abteilung“, so Bluhm. Er selber ist 78 Jahre alt und hat hier keinerlei Berührungsängste.

Kommentar: Familienunternehmen und Startups, Traumpaar auf den zweiten Blick

Ein Traumpaar ist oft eines, bei dem die Liebe erst auf den zweiten Blick entflammt. Ein patriarchalisch geführtes Familienunternehmen und ein Startup, bei dem die Gründer in T-Shirt und Turnschuhen zum ersten Treffen auftauchen, sind zunächst einmal zwei unterschiedliche Welten, die erst mit Respekt und Geduld die Stärken und Schwächen des Gegenübers akzeptieren müssen. Doch wenn sich Familienunternehmer daran erinnern, dass sie oder ihre Vorfahren selbst einmal Gründer waren und den Grundsatz der „Unternehmensfamilie“ ernst nehmen, bei dem Mitarbeiter Partner und nicht nur Rädchen im Getriebe sind, dann werden sie erkennen, dass man sich viel näher ist, als man auf den ersten Blick denkt. In beiden Unternehmensformen zählen kurze Wege und die Unternehmerpersönlichkeiten, nicht abstrakte Strukturen. Aber dafür heißt es, von Risikobereitschaft nicht nur zu reden, sondern sie auch im Alltag zu praktizieren. Wenn Familienunternehmer Vorschriften und Regulierungen etwa der Politik anprangern, dann sollten sie sich andererseits daran erinnern, dass sie in den Augen ihrer potenziellen Startup-Partner nicht selber zum Regulierer werden. Eine Partnerschaft heißt nicht Vereinnahmung. Es kann, um im Bild zu bleiben, auch eine Lebensabschnittspartnerschaft sein, von der beide profitieren – und dann weiterziehen.

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