Essen im Linienbus – ein Foodtruck in Heilbronn

Foodtruck in HeilbronnDie Gründer von Delish Dream haben einen ganzen Linienbus zum Foodtruck umgebaut. Foto: Akiko Lachenmann

In der Gas­tro­no­mie wächst ei­ne Sze­ne aus Idea­lis­ten, die dem Mit­tags­pau­sen-Ei­ner­lei et­was ent­ge­gen­set­zen: ein Foodtruck in Heilbronn beispielsweise offeriert völlig neue Angebote.

In ei­nem Heil­bron­ner Ge­wer­be­ge­biet zwi­schen den Schorn­stei­nen der En­BW und dem För­der­turm der Salz­wer­ke parkt in der Karl-Wüst-Stra­ße ein grell­bun­ter Li­ni­en­bus. Ge­wöhn­lich ge­hen an der Haupt­stra­ße kaum Fuß­gän­ger ent­lang. Doch heu­te zur Mit­tags­zeit tau­chen An­zug­trä­ger, Fa­brik­ar­bei­ter, Frau­en in Kos­tü­men und Azu­bis in Snea­k­ern aus den um­lie­gen­den Ge­bäu­den auf.

Al­le we­gen des Bus­ses De­lish Dream, was auf Deutsch so viel wie köst­li­cher Traum heißt. Denn dort er­war­tet sie ei­ne Ab­wechs­lung zum schnö­den Kan­ti­nen­all­tag: Fa­la­fel in Man­gos­o­ße, schar­fe Rinds­würs­te, Hacksteaks ira­ni­sche Art, ser­viert von ei­nem at­trak­ti­ven Män­ner­duo, in ei­nem um­ge­bau­ten Li­ni­en­bus. „Da neh­me ich 800 Me­ter zu Fuß gern in Kauf“, sagt ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Che­mie­be­triebs Brenn­tag aus der Par­al­lel­stra­ße.

Der Foodtruck in Heilbronn liegt im Trend

Der Food­truck in Heilbronn gehört zu den rol­len­den Gour­met­tem­peln, die Be­triebs­gas­tro­no­mi­en seit Kur­zem ei­nen klei­nen, aber wach­sen­den Teil der Kund­schaft strei­tig ma­chen. Die Un­ter­schie­de zum klas­si­schen Im­biss: ein un­ge­wöhn­li­ches Ve­hi­kel, meist exo­ti­sche, vor al­lem aber hoch­wer­ti­ge Spei­sen und un­kon­ven­tio­nel­les Per­so­nal. Im­mer mehr Men­schen wit­tern in die­sem Gastro­kon­zept ein er­füll­tes Be­rufs­le­ben und ma­chen sich selbst­stän­dig. Ei­ne Aus­nah­me­er­schei­nung im grün­dungs­mü­den Deutsch­land: Seit 2012 ist die Zahl der Neu­grün­dun­gen bun­des­weit um zwölf Pro­zent ge­sun­ken.

„Der Stein kam vor et­wa vier Jah­ren ins Rol­len“, sagt El­ke Schön­born von der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer (IHK), die den Gastro­be­reich in Ba­den-Würt­tem­berg be­treut. Mitt­ler­wei­le dürf­ten hier­zu­lan­de mehr als 100 Food­trucks un­ter­wegs sein. Bun­des­weit be­sit­zen nach Angaben­ der In­ter­net­platt­form Food­trucks Deutsch­land rund 1500 Per­so­nen ein der­ar­ti­ges Im­biss­fahr­zeug. Al­ler­dings ist die Sze­ne noch zu jung, um zah­len­mä­ßig er­fasst zu sein, heißt es beim Sta­tis­ti­schen Lan­des­amt.

Der Trend kommt, wie so oft, aus den USA, wo die Bran­che nach An­ga­ben des Sta­tis­tic Brain Re­se­arch In­sti­tu­te jähr­lich ei­nen Um­satz von mehr als ei­ner Mil­li­ar­de Dol­lar ein­spielt. Der So­zio­lo­ge Todd Schi­fe­ling von der Uni­ver­si­ty of Mi­chi­gan be­trach­tet die Lust auf Spei­sen aus be­son­de­rer Kü­che als gu­tes Bei­spiel für die New Au­then­ti­ci­ty Eco­no­my, ei­nen Trend hin zu ein­ma­li­gen, lo­ka­len oder hand­ge­fer­tig­ten Pro­duk­ten, hin­ter de­nen Men­schen mit be­son­de­ren Ge­schich­ten ste­hen.

Bei Foodtrucks sind die Gründer häufig Quereinsteiger

Da­von schei­nen auch die Deut­schen an­ge­tan zu sein. „Mehr als 80 Pro­zent der Grün­der sind we­der Kö­che noch Gas­tro­no­men, son­dern Quer­ein­stei­ger“, be­ob­ach­tet Klaus We­ber, der Grün­der von Food­trucks Deutsch­land. Dar­un­ter fän­den sich auf­fal­lend vie­le Aka­de­mi­ker mit hoch do­tier­ten Jobs, et­li­che da­von aus der Krea­tiv­bran­che, die aus dem Hams­ter­rad aus­stei­gen woll­ten, aber auch un­ter­for­der­te Haus­frau­en, ge­lang­weil­te Sach­be­ar­bei­ter und Per­so­nen aus der Ka­te­go­rie Le­bens­künst­ler.

Auch die bei­den Be­sit­zer von De­lish Dream, dem Foodtruck in Heilbronn, brin­gen ei­ne char­man­te Ge­schich­te mit: Phil­ipp Käl­be­rer (27) war Po­li­zei­meis­ter, Ali­re­za Shir­va­ni (40) kam als Flücht­ling aus dem Iran, weil er dort we­gen sei­nes christ­li­chen Glau­bens ver­folgt wur­de. Sie lern­ten sich in ei­ner Kir­chen­ge­mein­de in Sins­heim ken­nen und fan­den bald her­aus, dass sie den­sel­ben Traum heg­ten. In Hand­ar­beit bau­ten sie ei­nen aus­ran­gier­ten Li­ni­en­bus zu ei­nem fah­ren­den Re­stau­rant um. Man sitzt eng bei­sam­men auf frisch be­zo­ge­nen Bus­ses­seln, un­ter­hält sich mit den Be­sit­zern über die ira­ni­sche Kü­che oder surft im In­ter­net, dank bus­ei­ge­nem WLAN.

Kei­ner der bei­den Besitzer vom Foodtruck in Heilbronn hat­te viel Er­spar­tes pa­rat für den Gastro­t­raum. Trotz­dem ge­lang es ih­nen mit­hil­fe von klei­nen Kre­di­ten, in we­ni­gen Mo­na­ten den Bus auf Vor­der­mann zu brin­gen. „Das ist der Reiz am Food­truck“, sagt Klaus We­ber, der Grün­der be­rät. „Wer selbst Hand an­legt oder Hil­fe be­kommt, kann be­reits mit 10 000 Eu­ro etwas­ auf die Bei­ne stel­len.“ Im Schnitt sei­en es aber eher 50 000 Eu­ro Start­ka­pi­tal.

Auch die Fahrzeuge selbst sind ein Geschäft

Wer be­quem ist, kann noch deut­lich mehr aus­ge­ben: Im Zu­ge des Food­truck-Fie­bers ist ein Markt für den Um­bau und Ver­kauf von neu­en und ge­brauch­ten Food­trucks ent­stan­den. An­bie­ter wie Car­la-So­lu­ti­on und Ro­ka sor­gen dafür­, dass gas­tronomische Vor­ga­ben wie rit­zen­freie Ober­flä­chen und sichere­ Gas­an­schlüs­se er­füllt sind. Trotz­dem warnt We­ber vor dem Kli­schee, der Food­tru­cker füh­re ein läs­si­ges Le­ben: „Einige­ un­ter­schät­zen den Ar­beits­auf­wand.“ Der Mit­tags­tisch im Ge­wer­be­ge­biet de­cke al­len­falls die Fix­kos­ten. Auch Street­food-Fes­ti­vals sei­en nicht im­mer ge­winn­brin­gend. „Wer ver­die­nen will, muss zu den Fir­men fah­ren, zu Ver­an­stal­tun­gen, Ju­bi­lä­en, Mit­ar­bei­te­revents.“

Wäh­rend ei­ni­ge alt­ein­ge­ses­se­ne Fir­men noch Zwei­fel am qua­li­ta­ti­ven Stan­dard von Food­trucks ha­ben oder die klas­si­sche Brat­wurst für un­ver­zicht­bar hal­ten, stößt das Gastro­kon­zept vor al­lem im Süd­wes­ten auf Of­fen­heit. „Die meis­ten ver­mit­teln wir ins Schwä­bi­sche, an Mit­tel­ständ­ler, aber auch an Kon­zer­ne wie Züb­lin“, er­zählt We­ber. El­ke Schön­born von der IHK hat da­für ei­ne Er­klä­rung: „Food­trucks sind fürs Fir­men­image gut.“ Man prä­sen­tie­re sich welt­of­fen, krea­tiv, mo­bil, mo­dern. Ein Markt, der noch nicht ge­sät­tigt ist.

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