Erfinderberatung in Stuttgart – der Ideen-TüV

ErfinderberatungIm Stuttgarter Haus der Wirtschaft ist der Erfindergeist zu Hause. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Der Weg von einer Idee zu einem erfolgreichen Produkt ist oft ziemlich  steinig. In Stuttgarts Erfinderberatung im Haus der Wirtschaft nehmen sehr viele  Anlauf. Wer strauchelt dabei und wer springt?

Der erste Besucher an diesem Donnerstag im Frühling verschwindet so schnell, wie er gekommen war. Zurück lässt der junge Mann aus Karlsruhe nur ein Blatt Papier auf dem Tresen am Empfang. Am Morgen hatte er gleich als Erster den Zettel für die Anmeldung zur Erfinderberatung ausgefüllt. Das kostenlose Angebot im Infozentrum für Patente hilft Erfindern, Existenzgründern und kleinen Unternehmen seit 109 Jahren dabei, ihre Ideen zu schützen.Auf dem Weg von der Idee zu einem erfolgreichen Produkt kann die Beratung ein Sprungbrett sein. Für viele endet aber bereits die Recherche in der Datenbank in einer Sackgasse. Immer donnerstags liegen Enthusiasmus und Enttäuschung hier so besonders dicht beieinander.
Dabei haben große Ideen in diesem Winkel im Haus der Wirtschaft grundsätzlich ihren Platz: Sechs Meter hohe Decken mit riesigen Fenstern lassen die lichtdurchflutete Halle wie eine Kathedrale der Denker wirken. Spätestens der Blick in einen der zehn Computer holte den junge Karlsruher jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück: Seine Idee hatte schon jemand anders, sie ist bereits patentiert. In Bernd Häußlers kleines Büro im Nebenzimmer gelangte er daher nie.Häußler schafft seit 20 Jahren im Infozentrum Patente, leitet die Erfinderberatung und das Recherchezentrum. Die Datenbanken in den Computern mit Millionen Erfindungen nutzt er wie ein Fisch das Wasser. Am Morgen steht er in der Mitte der Halle und lässt den Blick über die Besucher schweifen, die an den Computern nach ihren Einfällen suchen. Die Profis erkennt man daran, dass sie allein recherchieren. Bei Anfängern sitzen Mitarbeiter mit Namensschild daneben und erklären, wie man recherchiert.

Näher am Problem als an der Lösung

Natürlich hofft jeder, seine Idee nicht zu finden. Wer etwas patentiert, sichert sich ein Monopol: Für maximal 20 Jahre darf niemand die Erfindung nachahmen – doch Geistesblitze sind rar. Der französische Schriftsteller Victor Hugo behauptete: „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Die meisten Ideen sind ihrer Zeit allerdings hinterher.Das liegt nicht zuletzt daran, wie viele Ideen es gibt: Allein im vergangenen Jahr wurden 14 374 Patente von Anmeldern aus Baden-Württemberg geschützt. „50 Prozent der Einfälle findet man in 15 Minuten, es hat sie schon gegeben“, erklärt Häußler. „Manchmal sogar mehrfach.“
Auch die Erfindung des jungen Manns mit der Wartenummer 1 ist bereits patentiert gewesen: Er wollte Salzwasser mit der Energie der Sonne verdampfen und so Süßwasser gewinnen. Schon nach wenigen Minuten fand er seine Idee in der Datenbank. Noch bevor Häußler seine Bürotür für den Tüftler öffnen konnte, war der Traum geplatzt. Die meisten anderen an diesem Tag werden mehr Glück haben. Im Büro sitzt die Patentanwältin am Tisch und wartet auf Nummer 2. Sie schafft eigentlich für eine Dependance von Sony und wird die Besucher heute ehrenamtlich beraten.

Die Erfinderberatung warnt vor Ratschlägen aus dem Netz

Erfinderberatung

Bernd Häußler von der Erfinderberatung. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Als Häußler das Blatt mit der Zahl neben seine Tür heftet, setzt sich Florian Krause gerade vor einen Computer. Heute Morgen hat er sich als Fünfter bei der Erfinderberatung angemeldet. Bis er drankommt, ist er in Gedanken wie so häufig bei seiner Erfindung. Der Doktorand der Medienwissenschaften aus Schramberg hat eine schmale Statur und ein schmales Gesicht, das lange Haar trägt er zum Dutt geknotet. Vor dem Computer angekommen, legt er die Lederjacke über die Lehne und sackt in den Stuhl. Der 34-Jährige war schon einmal ins Infozentrum gekommen und hatte nach einer Umsetzung seiner Idee gesucht. Fündig wurde er damals nicht. Seitdem hält ihn seine Erfindung nachts im Bett wach. Noch hat er nichts patentieren lassen, nichtsdestotrotz fragt er sich schon: Wo könnte er so etwas überhaupt produzieren, und wer übernimmt dafür die Haftung?
„Ratschläge im Netz würd’ ich mit Vorsicht genießen“, sagt Krause in seinem Stuhl zurückgelehnt und nickt mehr zu sich selbst. Auch muss man aufpassen, dass niemand die Idee klaut und als Erster schützen lässt.
Für die Anwältin und Häußler gilt die Schweigepflicht. Von ihnen erhofft sich Krause Rat für den Vertrieb. Bis er dran ist, schaut er sich alte Patente zu Steckdosen an. Aus den anderen Computerkabinen um ihn herum wabert Stimmengewirr, von irgendwoher hört man ein gestresstes Räuspern. Der Großteil der Menschen im Infozentrum arbeitet nicht professionell mit Patenten. Größere Firmen leisten sich eigene Abteilungen oder beauftragen spezialisierte Anwaltskanzleien. Das deutsche Patent- und Markenamt schätzt, dass nur 5,7 Prozent der in Deutschland gemeldeten Patente von Einzelerfindern stammen. In Baden-Württemberg kommen diese Tüftler kaum an Bernd Häußler vorbei.

Fallstricke der Produkthaftung

Das Büro der Erfinderberatung sieht nur auf den ersten Blick beliebig aus: Ein grauer Schrank mit schwarzen Leitz-Ordnern steht in einer Ecke, die Hefter tragen Titel wie „Erfinderrecht für Arbeitnehmer“. Gegenüber steht ein Glaskasten mit Souvenirs aus Häußlers Arbeitsleben. Unter anderem etwas, das aussieht wie ein BH für eine Puppe. Es ist der Prototyp einer der Erfindungen, die Häußler selbst betreut hat. Eine Schlafmaske mit Auswölbungen, die Platz für die Augenlider lässt und dabei wirklich blickdicht ist. Wer heute in einer der gehobenen Klassen im Flugzeug sitzt, trägt wahrscheinlich eine Variante dieser Brille. Immer wieder mal kommt jemand in Häußlers Beratung mit der „ultimativen“ Idee: ein Perpetuum mobile, also ein Gerät, dass ewig in Bewegung bleibt und dabei mindestens so viel Energie herstellt, wie es selbst verbraucht. Dann erklärt Häußler sanft und leise, als würde er ein Geheimnis erklären, warum das nicht funktioniert.
Vor der Vitrine nimmt jetzt Florian Krause Platz am Tisch. Zu seiner Rechten sitzt die Anwältin mit Block, Stift und gefalteten Händen. Krause beginnt seine Idee noch mal kurz vorzustellen. „Wenn man da jetzt mal guckt“, sagt Krause und deutet auf die Steckdosen in der Wand, „werden die hier auch nicht optimal genutzt.“ Seine Erfindung soll die Lösung dafür sein, dass klobige Stecker mehr als einen Stromanschluss verdecken. Im Gespräch klärt die Anwältin Krause über Fallstricke bei der Produkthaftung auf.

Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Design

Nicht allen Besuchern in der Sprechstunde geht es wie Krause um Technisches. Neben Patenten und Gebrauchsmustern wollen manche auch ihre Marke oder ein Design schützen. Manche Dinge lassen sich indes überhaupt nicht patentieren. Dazu zählen Entdeckungen, Theorien oder mathematische Regeln. Weil auch die meisten Brettspiele von ihren Regeln leben, lassen sie sich fast unmöglich sichern. Doch das weiß die Frau noch nicht, die draußen vor dem Büro im langen Mantel und mit langen dunkelblonden Haaren durch den Raum federt. Wenn Susann Hartung ins Infozentrum kommt, geht sie an einer ihrer Erfindungen vorbei.
In Vitrinen in der Mitte der Halle stehen drei erfolgreiche Patente, die Häußler Besuchern beispielhaft vorstellt. Erdbehälter, die so hergestellt sind, dass man sie für den Transport zusammenstecken kann. Ein Adapter für Gegengewichte an Kränen, mit dem sich Gewichte unterschiedlicher Hersteller nutzen lassen – und die Erfindung von Susann Hartung.

Der Weg von der  Idee zur Erfindung

Der Weg von ihrer Idee in eine der Vitrinen könnte schwäbischer kaum sein. Er begann mit einem Problem am Küchentisch einer Wohnung auf dem Tübinger Österberg vor zehn Jahren. Der damals 10-jährige Julien forderte fast täglich Käsespätzle von seiner Mutter. Die Modejournalistin Susann Hartung aber wollte für ihren Sohn nicht jeden Tag aufwendig schaben und putzen. Wie ein Bäcker seine Spritztüten für Kuchenverzierungen nutzt, wollte Hartung ihre Spätzle schlicht aus einem Behälter drücken.
Für einen ersten Prototyp bohrte sie acht Millimeter breite Löcher in eine Dose Wasabi-Erdnüsse aus dem Supermarkt. So ließ sich die Teigmischung mühelos und mundgerecht in kochendes Wasser sieben. In den kommenden Monaten verbesserte sie ihren Prototyp immer weiter. Am Ende sah ihre Erfindung aus wie eine Trinkflasche für Fahrradfahrer. Darin zwei Metallkugeln, um den Teig zu mischen. Ein Plastikdeckel als Verschluss, darunter eine weitere Kappe mit Löchern für den Teig. Zu guter Letzt brachte sie eine Skala zum Portionieren der Zutaten an dem Becher an.

Erfolgreicher „Spätzle-Shaker“

Mit dieser Idee ging sie auch in die Beratung zu Häußler. Am 8. April 2008 meldete sie das Patent für ihren „Spätzle-Shaker“, Patentnummer 10 2008 017 683, beim Deutschen Patent- und Markenamt an. Zu diesem Zeitpunkt dachte Hartung noch, ihre Erfindung lediglich lizenzieren zu lassen. Doch den meisten Tüftlern fällt es schwer, ihr Produkt zu vermarkten. Auch Hartungs Shaker wollte niemand herstellen oder vertreiben. Sie entschied sich, dass ihre Erfindung das Risiko wert ist und kümmerte sich selbst um Produktion und Vertrieb. Nach einigen Schwierigkeiten erschien der Shaker im Herbst 2010 für 14,95 Euro. Seitdem hat sie über Buchhändler und online mehr als 300 000 Exemplare verkauft. Mittlerweile gibt es Shaker für zwei oder für vier Personen, für Yorkshire-Pudding und für Crêpes, für Pfannkuchen und für Butter.

Auf der Suche nach einer neuen Perspektive

Hartung macht schon lange nichts anderes mehr und kann davon leben. Regionale Unternehmen verschenken den Shaker an ausländischen Besuch. Es ist fast wahrscheinlicher, dass man in Asien Spätzle schüttelt wie ein Barkeeper seine Drinks, als dass man aufwendig schabt und putzt. Während Hartung in Häußlers Büro einmal mehr beraten wird, sitzt Ruben Wöhler draußen und wartet auf seinen Moment. Wöhler sitzt in dicker Jacke in der klimatisierten Halle des Infozentrums und starrt aus einem der Fenster. Von einer Wand gegenüber lächeln die großen Erfinder aus Baden-Württemberg wie Bosch, Kärcher und Daimler zurück. Wöhler trägt ein ausgewaschenes Käppi, er hat gepflegte Fingernägel, kommt aus Pforzheim und ist zum ersten Mal hier.
Am Morgen hatte er noch gezweifelt, ob der Gang in die Erfinderberatung in seiner Situation überhaupt einen Sinn haben könnte. Doch dann rief die Dame vom Arbeitsamt an und sagte ihm Unterstützung zu. Wenn Wöhlers Erfindung Potenzial hat, erhalte er Zuschüsse für Hartz-4-Empfänger, die sich selbstständig machen wollen. Als Fasser von Edelsteinen fand Wöhler keine Arbeit mehr. Wird er sich bald selbst eine Zukunft schaffen?„Das ist vielleicht der Anfang von was Neuem, heh“, sagt er und blickt auf.

Der Anfang von etwas Neuem?

Häußler heftet jetzt die Nummer 8 neben seine Tür. Wöhler erhebt sich und tapst Richtung Büro. Drinnen nimmt er Platz ohne die Jacke abzulegen, ganz so, als würde er sich darin sicher fühlen. Seinen Stuttgarter Stadtplan legt er auf den Tisch neben das Papier mit den Skizzen für seine Idee. Auf dem Zettel sind mit blauem Filzstift akkurat Maße notiert. In die Flächen ist das Wort „Muster“ mehr gemalt als geschrieben. In einer Ecke steht der geplante Markenname. So präsentiert er Häußler und der Anwältin eine Erfindung, so gut und so schlicht, dass sie geklaut werden könnte. Als er fertig ist, scheinen beide Experten überzeugt. Wöhler solle die Idee dem Deutschen Patentamt in München einreichen. Er bedankt sich, sagt „mal gucken, wie weit ich komme“, grinst und geht rückwärts Richtung Tür. Die Arme voll mit Infomappen und Belegen für das Arbeitsamt. Wie er so im Türrahmen steht, sieht es ganz danach aus, als läge dahinter der Anfang von etwas Neuem.

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