Ein Strang – Innovation im Rhein-Neckar-Kreis

Innovation im Rhein-Neckar-KreisAn SAP, dem mit Abstand größten Unternehmen, führt im Rhein-Neckar-Kreis kein Weg vorbei.

Innovation im Rhein-Neckar-Kreis, dazu gehört nicht nur das Startup-Zentrum Innowerft in Walldorf, sondern auch eine intensive Kooperation der Kommunen im Bildungsbereich und beim Glasfaserausbau. 

Die farbige Linie auf der Karte, die wie ein großes „O“ den ganzen Rhein-Neckar-Kreis umringt, steht sinnbildlich dafür, wie man hier das Thema Innovation anpackt – an einem Strang. Die Glasfaser-Leitung, die Thomas Heusler, Leiter des Breitband-Zweckverbandes Fibernet.rn gerne vorzeigt, durchzieht das ganze Kreisgebiet, das vom Norden bei Weinheim an der Bergstraße, dann die kreisfreien Nachbarstädte Mannheim und Heidelberg aussparend über Schwetzingen bis Walldorf und Sinsheim im Süden reicht.

Im Gegensatz etwa zur Region Stuttgart, die jüngst eine Kooperation mit der Deutschen Telekom angekündigt hat, stemmen diesen Ausbau gemeinschaftlich die 54 Kommunen des Kreises. 2014 wurde dafür Fibernet.rn ein Zweckverband gegründet.

„Dass so etwas möglich ist, das ist historisch gewachsen: Unser Kreis macht gerne etwas selber“, sagt Heusler, der 12 Mitarbeiter beschäftigt. Damit der Glasfaser- Zweckverband funktioniert, braucht es unter den Kommunen eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Bei der Planung des Netzes wurde darauf geachtet, dass auf dem Gebiet jeder Kommune mindestens zwei Übergabepunkte sind.

„Wenn ein privater Infrastrukturbetreiber das allein nach wirtschaftlichen Kriterien konzipiert hätte, würde das auf der Karte anders aussehen”, sagt Werner Riek, technischer Leiter bei Fibernet. Für die letzte Meile sind die Gemeinden selber verantwortlich. Private Anbieter können sich einmieten.

Beim Glasfaserausbau ist Geduld und Solidarität gefordert

Beim Anschluss der einzelnen Kommunen ist Geduld und Solidarität gefordert. Die eine Gemeinde muss länger warten als die andere – der Endausbau ist erst 2030 erreicht. „Das ist ein Marathonlauf“, sagt Riek. So viel Weitsicht sei nicht selbstverständlich: „Anderswo haben Kommunen, die von sich glauben, dass sie schon gut versorgt sind, gar kein Interesse an einer Kooperation.“

Fibernet ist kein Einzelbeispiel für Innovation im  Rhein-Neckar-Kreis. Als man sich vor zwei Jahren für Landes-Fördergelder beworben hat, die dem Ausbau so genannter Lernfabriken an den Schulen dienen, trumpfte man ebenfalls mit Kooperationsgeist auf: „Andere Kreise gingen mit zwei oder drei Schulen gemeinsam ins Rennen. Bei uns sind es zwölf“, sagt Klaus Heeger, der als Lehrer an der Hubert-Sternberg-Schule in Wiesloch, einer Berufssschule und eines technischen Gymnasiums, die Lernfabrik betreut. Dort werden modernste Methoden der digitalen Produktion vermittelt. Das ging, obwohl der Kreis selber kein Schulträger ist, aber trotzdem als Koordinator fungiert.

Innovation im Rhein-Neckar-Kreis – dazu gehören Lernfabriken

Heeger kann nun seit Sommer 2017 dank einer hochmodernen Übungsanlage, einen ganzen digitalisierten Produktionsprozess nachvollziehen – einschließlich des Einsatzes eines Fertigungsroboters. Er wirft die Anlage an. Kleine Transportwägelchen bewegen sich entlang der Miniatur-Fertigungsstraße. An einem riesigen Touchscreen lässt sich die Anlage vollcomputerisiert wie in einer echten Fabrik steuern. Durch die aufeinander abgestimmten „Lernfabriken“ in den beteiligten Schulen wird ein ganzer Konzern simuliert.

Über Schul- und Fächergrenzen hinweg können die Schüler mit den Anlagen üben. Doch auch kleine und mittelständische Unternehmen sollen an der Berufsschule künftig ihre Mitarbeiter trainieren.“ Erstmals haben wir hier in der Berufsschule modernere Technik als in vielen Betrieben”, sagt Heeger. Eine solche Verwendung schulischer Infrastruktur sei Neuland, sagt Silke Endres, die vom Landkreis eigens als Koordinatorin installiert wurde. So muss etwa die Vergütung der Fachlehrer als Referenten geklärt werden.

Der Landrat als Antreiber für Innovation im Rhein-Neckar-Kreis

Liegt es am weiten Horizont der Oberrheinebene, dass es leichter ist, über den eigenen Kirchtrum hinauszublicken? Der seit 2010 amtierende und im März wiedergewählte Landrat Stefan Dallinger (CDU) hat solche Kooperationsprojekte zur Priorität erklärt. Doch Innovation im Rhein-Neckar-Kreis profitiert davon, dass hier der größte deutsche IT-Konzern SAP zuhause ist. Mit dem Startup-Förderzentrum Innowerft in Walldorf unterstützt der Konzern zusammen mit der Stadt Walldorf ein Startup-Projekt.

Der SAP-Campus ist nur ein paar Gehminuten entfernt. Doch Thomas Lindner, der Leiter der Innowerft, betont deren Autonomie. Die Wege zu SAP seien kurz und bei Veranstaltungen seinen auch Vertreter der Firma präsent. Aber es gehe nicht darum, hier kompatible Startups zur Unternehmensstrategie aufzubauen.

„Wir haben hier in der Region Rhein-Neckar ein geniales Ökosystem, wenn wir über die einzelnen Orte und Städte hinausdenken,“, sagt Lindner. Der Radius der Veranstaltungsteilnehmer reicht von Darmstadt im Norden bis Karlsruhe im Süden. Einerseits hat man gerade sieben regionale Banken und Sparkassen als Startup-Investoren ins Boot geholt, andererseits will man Programme verstärkt auf Englisch anbieten.

Arbeitsatmosphäre im Startup-Zentrum Innowerft

Zwar steht der unvermeidliche Tischkicker im Obergeschoss, aber man weiß, dass man hier kein Startup-Zentrum in einer Metropole imitieren kann. Das knappe Dutzend Startups, das hier in einwöchigen bis dreimonatigen Programmen betreut wird, brauchen keine Dauerpräsenz. Nur eine Handvoll haben hier ihren Firmensitz. Zur Innowerft kommt man zum konzentrierten Arbeiten.

Das ländliche Grün und der Wald in der Nähe habe auch seine Vorteile, sagt Benjamin Schaich vom Startup Aucobo, das ein smartes Armband für die Industrie 4.0 entwickelt hat: „Dort gehen wir spazieren, wenn wir uns strategisch Gedanken machen wollen.“ Der Firmensitz und wichtige Entwicklungspartner von Aucobo sind in Stuttgart. Doch von der Innowerft aus könne man den Rhein-Neckar-Raum besser erreichen, sagt Schaich.

Von Künstlicher Intelligenz bis zur Fitness

Und so trifft man an einem Vormittag auch andere Startup-Vertreter, die ihren en Firmensitz woanders haben – und dennoch den Anlaufpunkt in Walldorf zu schätzen wissen. Simon Tschürz vom Startup 100Worte, das Künstliche Intelligenz zur Analyse von Emotionen in Texten einsetzt, pendelt vom Firmensitz in Heilbronn – wo man ein Büro in einer cool umgebauten ehemaligen Fabrik hat – regelmäßig zur Innowerft.

„Für uns ist die Verbindung zu SAP sehr wichtig“, sagt er. Zudem habe man hier eine bessere Chance zum Austausch mit Startups als in Heilbronn. Die Kontakte etwa nach der Startup-Hochburg Mannheim seien eng.

Doch es gibt auch Gründer, die in der Region verwurzelt sind – wie William Schlichter von Actinate, einem Startup, das Fitnessstudios und Freizeitsportlern eine Plattform anbietet, auf der vom Trainingsplan und Protokollen der gestemmten Kilos bis zum Austausch mit Sportsfreunden der Sport digitalisiert wird. Schlichter wohnt in Walldorf. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum er sich in einer Ecke der Innowerft mit Hanteln und Trainingsbänken eingerichtet hat.

Aus dem Rhein-Neckar-Kreis heraus hat sich eine der größten Fitnessketten in Deutschland entwickelt – ein Premiumanbieter, der für Schlichter ein wichtiger Partner ist: „Und wenn ich es schaffe, die SAP-Sportgemeinschaft für mein Produkt zu gewinnen, ist das ja dann auch gleich ein großer Kunde.“

Eine interaktive Karte mit den Startup-Standorten in Baden-Württemberg gibt es hier.

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