Digitalgipfel Ludwigshafen: Es geht um die Köpfe

Digitalgipfel LudwigshafenVielfältige Wege zur Digitalisierung? Oder noch ein paar Knoten? Das Logo des diesjährigen Treffens in Ludwigshafen. Foto: BMWI

Der Südwesten im Mittelpunkt: Auf dem diesjährigen Digitalgipfel Ludwigshafen standen die Bedürfnisse der Wirtschaft angesichts der digitalen Revolution im Fokus. Fazit: Es geht vor allem um die Investition in Köpfe. 

Angela Merkel dürften die Worte von Thorsten Dirks gefallen habe. Die Bundesregierung habe in ihrer ersten Digitalagenda 121 Maßnahmen definiert; jetzt, am Ende der Legislaturperiode, seinen mehr als 80 Prozent davon umgesetzt oder in Umsetzung, sagte der Präsident des IT-Verbandes Bitkom. Er forderte ein weiteres Regierungsprogramm, mit „noch ambitionierteren Zielen“. „Digital First“ – rief er in Abänderung des Trumpf-Zitats den Zuhörern auf dem Digital-Gipfel in Ludwigshafen zu.
Merkel ging auf diesen Wunsch nicht näher ein. Unklar sei auch ob ein weiteres Digitalgipfel stattfinden, sagte sie mit Verweis auf die Bundestagswahl im Herbst. Stattdessen rief sie die Unternehmen dazu auf, die großen Datenmengen, die im Zuge der Digitalisierung anfallen, für neue Produkte und Anwendungen zu nutzen. Es gebe „große Wertschöpfungsmöglichkeiten“, sagte die CDU-Politikerin, die der Mittelstand klug nutzen müsse. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Anbieter von Plattformen diese „Wertschöpfungskette anknabbern“, sagte sie ohne dabei Namen wie Google zu nennen.

Dreistelliger Milliardenbetrag fürs Gigabit-Netz

„Versäumnisse bei der Digitalisierung werden künftig gravierende Auswirkungen auf Wahlen haben“, sagte Karl-Heinz Streibich, der Vorstandschef der Software AG voraus.  Alle Gipfelteilnehmer waren sich einig, dass auf dem Weg zur digitalisierten Gesellschaft noch viele Hürden zu nehmen sind.  „Wir sind aus dem Megabit-Zeitalter fast raus, jetzt geht es um die Gigabitanbindung“, sagte Merkel. 100 Milliarden Euro sollen dafür bis 2023 zur Verfügung stehen; die Politik will davon 20 Milliarden Euro beisteuern.
„Die größte Gefahr ist, dass der Mittelstand wegen seiner zurzeit gut gefüllten Auftragsbücher nicht mehr über den Tellerrand schaut“, sagte die Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Sie hat in zwölf Städten – unter anderem Stuttgart – Digital Hubs errichten lassen, Zentren, wo Firmen praxistaugliche Informationen erhalten. Noch in diesem Jahr sollen 13 weitere solcher Kompetenzzentren hinzukommen. Auch der Gründerstandort Deutschland soll mehr Schwung bekommen – weitere zwei Milliarden Euro werden Startups zur Verfügung gestellt.

Studie zum Digitalgipfel Ludwigshafen fordert mehr Weiterbildung

Aber letztlich geht es beim Digitalgipfel Ludwigshafen um viel mehr als die Infrastruktur – es geht um die Köpfe. „Wir brauchen Mitarbeiter, die aus virtuellen reale Welten machen“, sagte Hartmut Rauen, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VDMA, anlässlich des Digitalggipfels. Gerade für Mittelständler sei der Fachkräftemangel eine besondere Herausforderung. Deshalb fordert Rauen eine „Investitionsoffensive für Berufsschulen, die sich vielerorts in einem erbärmlichen Zustand befinden“.
Die Maschinenbauer stehen damit nicht allein. 69 Prozent der Unternehmen verlangen von der Politik, die Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebote mit Fokus auf die Digitalisierung weiter auszubauen. Das ist ein Ergebnis der Studie „Monitoring-Report Wirtschaft Digital 2017“, die vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben und vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Kantar TNS erstellt und beim Digital-Gipfel vorgestellt wurde. Neben den Maschinenbauern haben auch Chemie- und Pharmafirmen solche Wünsche an die Politik.

Die Entwicklung bedeutet mehr Druck auf die Beschäftigten

Während die Firmen beim Digitalgipfel Ludwigshafen über den zunehmenden Fachkräftemangel klagen, weist die Gewerkschaft Verdi auf die wachsende psychische Belastung sowie die Arbeitsverdichtung hin, wie aus einer Untersuchung der Dienstleistungsgewerkschaft hervorgeht. Demnach sind 83 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungssektor von der Digitalisierung betroffen. Knapp die Hälfte von ihnen klagt, dass die Arbeitsmenge steige, was mit Hetze und Zeitdruck einhergehe, und dass Aufgaben gleichzeitig zu erledigen seien.
„Es ist offensichtlich, dass eine digitalisierte Arbeitswelt mit der Regulation von Arbeitszeitlänge und Arbeitszeitlage allein nicht wirksam human gestaltet werden kann“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Lothar Schröder. „Wir brauchen Mitbestimmungsrechte bei der Arbeitsmenge, und zwar bald.“

Forschung soll besser in die Praxis einfließen

Die Unternehmen fordern von der Politik nicht nur einen Ausbau des Breitbandnetzes und die Schaffung eines (europaweiten) digitalisierungsfreundlichen Rechtsrahmens. Viele Befragte sehen die Politik auch in der Pflicht, „einen kostenfreien Zugang zu neuem, innovationsrelevanten Wissen sicherzustellen, das mit öffentlichen Mitteln erarbeitet worden ist.“  Die Politik müsse mehr Mittel für Forschung und Entwicklung für Digitalisierungsprojekte bereitstellen, heißt es in der Befragung. „Das Vernetzen beginnt mit der Forschung“, sagt Rauen vom VDMA: „Die Ergebnisse öffentlicher Forschungsförderung müssen in die Breite der Anwender kommen.“ Er fordert im Zusammenhang mit Industrie 4.0, die industrielle Gemeinschaftsforschung zu stärken. Auch müsse die Forschungsförderung endlich stärker steuerlich gefördert werden.

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