Die Startup-Kultur kommt in Aichwald aufs Land

Aichwald

Für die Stuttgarter Zeitung war ich auf einer  ehrgeizigen Veranstaltung in Aichwald, einem Ort auf dem Schurwald in der Region Stuttgart. Dort will man den Gründergeist der Digitalwirtschaft heraus aus den Zentren holen und im ländlichen Raum verankern.   

Silicon Valley, Berlin – und nun Aichwald? Wer an Start-ups denkt, der hat  Ballungsräume und quirlige Metropolen im Blick, wo  eine kritische Masse von Gründern und Investoren  im Vorbeigehen ihre Ideen austauschen. Aus diesem Blickwinkel ist sogar  Stuttgart nur Provinz.
Doch für Claus-Eckard  Kraemer, der lange Jahre als Pressechef der Formel  Eins sein Geld verdiente, und den es nach einer internationalen PR-Karriere  eher zufällig in den auf dem Schurwald liegenden 7700-Einwohner-Ort Aichwald verschlug, ist dies genau die Herausforderung, die er sucht. „Wenn in einer Ortschaft wie dem schleswig-holsteinischen Wacken das größte Heavy-Metal-Festival der Welt etabliert werden konnte, warum soll das Thema digitaler Umbruch denn nicht im ländlichen Raum Fuß fassen?“, sagt er.
Aichwald-Konferenz heißt das vor zwei Jahren lancierte Projekt, das in dieser Woche mit einer Tagung zum Thema  Start-up-Kultur in eine neue Runde ging.  Wenn man die Liste der Förderer und Unterstützer sieht, dann scheint Kraemer einen Nerv getroffen zu haben: Von der Gemeinde, die ihre Schurwaldhalle kostenlos zur Verfügung stellt, bis hin zu den Referenten aus ganz Deutschland, die auf ihr Honorar verzichten, hat  er –  wie auch die Logos hinter der Bühne zeigen –   zahlreiche Unterstützer mobilisiert. Aber auch er selbst und  weitere örtliche Initiatoren des nicht profitorientierten Projekts stehen  mit erheblichen Eigenbeiträgen   für die Tagung gerade.

Die Logistik ist in Aichwald wie für die Formel Eins

Logistik und technische Ausstattung sind vom Feinsten: Zwei Tage lang wird die Konferenz, die sich um Themen der Konzeption, der Finanzierung und  des Marketing von ambitionierten jungen Unternehmen dreht, live im Internet übertragen. „Das ist  von der Organisation her  wie Formel Eins“, sagt der Münchner Managementprofessor Dirk Fischer, der nun schon zum zweiten Mal als Referent dabei ist und am Mittwoch über die Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups referierte.
Bei rund 100 Anmeldungen waren die Stühle in der Veranstaltungshalle  am Mittwoch zwar eher spärlich besetzt, aber das ist für Kraemer  nicht der Punkt: „Gründen kann man dank Internet heute überall.“  Schon zu Beginn erreichte die Veranstaltung  über das Netz 1300 Zuschauer – eine Zahl, die sich nach Meinung des Initiators  auf einen fünfstelligen Wert steigern lässt.
Kraemer geht es mit dem Standort Aichwald  um  einen Bewusstseinswandel. „Gerade in Baden-Württemberg glauben viele noch, dass sie der digitale Wandel nichts angeht“, sagt er. Doch der radikale Wandel von Geschäftsmodellen könne nicht nur von  den Metropolen ausgehen.  Und dafür hat er  auch  einen öffentlichkeitswirksamen Beweis: Gleich zwei der acht Start-ups, die im vergangenen Jahr in Aichwald ihre Projekte vorgestellt hatten, nahmen danach an Deutschlands  publikumswirksamstem Gründer-Spektakel teil, der Reality-TV-Show „Die Höhle der Löwen“ des Senders Vox. Der Lahrer  Gründer Christian Atz schaffte es dort   mit seiner Firma Mobilegarden, die aus Japan inspirierte, tragbare Blumentöpfe aus Papier anbietet, sogar erfolgreich zu sein – auch wenn  der Eventanbieter Jochen Schweizer entgegen seiner Ankündigungen  aus der Fernsehsendung  als Investor wieder ausstieg.

Eine Lanze für Projekte aus der Provinz

Auch Atz  brach in Aichwald eine Lanze fürs Gründen in der Provinz.  Er war im oberösterreichischen Linz dabei, als der Fitness-App-Anbieter Runtastic an den Start ging  und davon profitierte, dass er  für die Heimatregion  eine  Größe war. Im August ging die Firma für 220 Millionen Euro an Adidas – und will weiter von Österreich aus die Welt erobern.
Nachdem er  in Gründerzentren und bei Start-up-Veranstaltungen in Indien und auf den Philippinen erlebt hatte, dass beim Gründen die  Welt zum Dorf geworden ist, startete Atz  2014 im heimatlichen Lahr einen Start-up-Beschleuniger namens Black Forest Accelerator, der  sechs von acht Gründerteams erfolgreich durchschleusen konnte. Er fand Investoren, die einen sechsstelligen Betrag mobilisierten. Zu vorsichtig war am Ende die Haltung  potenzieller öffentlicher Förderer aus der Region,  welche die   kleine Summe für die dauerhafte Finanzierung der nötigen Infrastruktur  nicht aufbrachten. Doch damit ist für Atz das Gründen auf dem Land nicht zu Ende.  Er hat   ein neues Projekt namens „Geeks on a Farm“ („Tüftler auf der Farm“) gestartet, bei dem er Start-ups aus Deutschland und Frankreich zusammenbringt. Erster Treffpunkt: Ein Bauernhof.

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Bildquelle: green bee design, Sinem Ertürk

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