Gründerporträt: Das Team von eMovements

eMovementsDas Team von eMovements: v.l. Benjamin Rudolph, Max Keßler, Matthias Geertsema Foto: Lichtgut/Zweygarth

Das Stuttgarter Startup eMovements hat einen Rollator entwickelt, mit dem seine Nutzer Hindernisse wie Bordsteinkanten oder Steigungen mühelos meistern. Die erste Serie wird gerade ausgeliefert. Und es gibt schon neue Projekte.

Sehr bunt ist es nicht im nüchternen Besprechungsraum. Nur die Tafeln an der Wand tragen Farbe, denn sie sind voller Notizen, Abkürzungen, Skizzen und Pfeile, die auf Namen zeigen – auch die der drei Unternehmensgründer Benjamin Rudolph, Max Keßler und Matthias Geertsema. Denn wenn Arbeit verteilt wird, haben die Chefs des mittlerweile 18-köpfigen Teams keine Sonderrolle.

„Nachdem unsere Mitarbeiter auf eine Arbeitszeiterfassung gedrängt haben, habe ich spaßeshalber mal mitgeschrieben. Bisher sind es bei mir 400 Überstunden seit Jahresbeginn“, sagt Rudolph. Unglücklich wirkt der 30-Jährige, der den Job des Geschäftsführers im Gründertrio innehat, dabei aber nicht. „Wir alle sind bewusst ins Risiko gegangen und verzichten für eine unabsehbare Zeit aufs Geldverdienen und viel Freizeit zugunsten der Gestaltungsfreiheit“, erzählt Rudolph.

Das Team von eMovements fand sich an der Uni Stuttgart

Der studierte Betriebswirt lernte den Maschinenbauingenieur Geertsema und den Mechatronikingenieur Keßler bei einem Gründer-Speeddating an der Universität Stuttgart kennen. Die beiden Techniker tüftelten bereits an der Idee des Elektrorollators und suchten einen dritten Mann fürs Management. 2015 starteten die drei in einem kleinen Büro an der Uni mit eMovements. Anders als vorgesehen, begann die Zusammenarbeit aber nicht damit, den Plan der beiden Ingenieure umzusetzen – einen elektrisch angetriebenen Rollator zu konstruieren und auf den Markt zu bringen, sondern mit Grundsatzdiskussionen über das Warum und für wen.

Denn die Antworten darauf sind die Grundlage für das Wie, erkannte der Betriebswirt. „Wir haben aus dem Technikprodukt den Menschenhelfer entwickelt“, sagt Rudolph. Und zwar gründlich. Mit Marktstudien und klinischen Tests, unzähligen Gesprächen mit Rollatornutzern, -herstellern und -verkäufern.

Die erste Serie wird ausgeliefert

Seither sind drei Jahre vergangen. Die Idee gewann Preise und Investoren, knapp eine Million Euro kamen aus einem Crowdfunding und der stillen Beteiligung eines Business Angels zusammen. Parallel wuchs das Startup eMovements und das Produkt gedieh. Gerade wird die erste Serie von 50 ellos, so heißen die mobilen Alltagshelfer, ausgeliefert.

An seiner Produktion, Programmierung, seinem Marketing und Vertrieb arbeiten neben dem Gründertrio 15 Männer und Frauen. Knapp die Hälfte davon sind Werkstudenten. Sie verteilen sich auf 450 Quadratmeter Bürofläche im Stuttgarter Westen. Gleich am Eingang hängen ein paar Urkunden, Auszeichnungen und Presseausschnitte und der erste mit ello selbstverdiente 50-Euro-Schein unter Glas, vom Grafiker liebevoll illustriert mit einem Donald Duck im Sauseschritt – mit Rollator.

Zehn Rollatoren zum Kaputtmachen

Als nächstes folgt der Testraum. Hier wurde im vergangenen Herbst die Vorserie auf Herz und Nieren geprüft. „25 Stück. 15 haben wir ausgeliefert, der Rest war zum Kaputtmachen“, schmunzelt Rudolph. Kaputt bekommen haben sie allerdings keinen, „nur der Prüfstand ging ein paarmal in die Knie“. Stundenlang wurde der ello geschubst, gezogen, gedreht, belastet, dazu kam der Falltest, den Speditionen verlangen.

„Wir haben einen Rollator im Versandkarton aus zwei Meter Höhe fallen lassen, um zu schauen, ob er das aushält und wie oft“, berichten die Ingenieure. Manche Prüfungen wurden auch an entsprechende Labors oder Dienstleister vergeben, wie die Risikoprüfung bei Anwendung oder die elektromagnetische Verträglichkeit.

 

Einer der folgenden Räume beherbergt Geschäftsführer Rudolph. Der hat dort aber auch nur eine Ecke mit Schreibtisch, so wie die anderen drei Mitarbeiter, die noch im schlichten Büro sitzen. Hier herrscht eine fröhliche aber arbeitsame Atmosphäre, es gibt einige Bilder, Topfpflanzen, ansonsten Schreibtische, Rechner, To-do-Listen und Terminkalender. Farbkonzept und Designermöbel sind Fehlanzeige, dafür bietet das Unternehmen ein bezuschusstes VVS-Ticket und Getränke und Obst umsonst.

„Natürlich hätten wir am liebsten lauter Mitarbeiter, die brennen fürs Produkt und für wenig Geld unendlich viel arbeiten, aber so viel Selbstaufopferung ist halt nicht“, weiß Rudolph. Deshalb soll der erste Gewinn den Mitarbeitern zu Gute kommen, denen „viel Herzblut abverlangt wird ,bei überschaubarer Bezahlung“.

2018 soll es echte schwarze Zahlen geben

Noch deckt der ello zwar die Produktions- aber nicht die Fixkosten, das ist das nächste Ziel von eMovements. Und  laut Finanzplan soll es noch dieses Jahr die ersten echten schwarzen Zahlen geben. Investorengelder fließen nicht in die Gehälter, sie werden nur fürs Produkt verwendet. Die Gründer arbeiten gleichberechtigt und mit gleicher Bezahlung. Um Fachkräfte werben sie mit lockerer Arbeitsatmosphäre, abwechslungsreichen Aufgaben, Aufstiegsmöglichkeiten und der Chance, eigene Ideen einzubringen.

Aus dem nächsten Raum tönt ein Tütütü, da stellt gerade einer die Warn- und Ruftöne des Elektrorollators ein. Ein anderer überprüft den ergonomischen Sensor, der bei Berührung mit dem Daumen den ello in Bewegung setzt – in der auf Wunsch fest eingestellten Geschwindigkeit oder frei wählbar. So kann sein Nutzer unbeschwert gehen, muss bergab nicht kräftezehrend bremsen oder bergauf mühsam schieben. Und bei Treppen, Bordsteinen oder beim Bus hilft die Kippfunktion, den ello zu heben.

Noch ist sehr viel Handarbeit

Die Endmontage passiert an einer Mini-Fertigungsstraße. „Noch ist es sehr viel Handarbeit, aber das nächste wird die Automatisierung einzelner Schritte sein“, sagt Rudolph. Jetzt werde es darum gehen, nachhaltig zu verkaufen und die Produktion zu optimieren. In den aktuellen Räumen können 150 ellos pro Monat hergestellt werden. Damit kommt der Betriebswirt seinem Gründerziel schon ziemlich nahe: „Ich wollte ein Unternehmen aufbauen, das funktioniert“. Er weiß aber auch, mit Blick auf die beiden Kollegen, „Ingenieure wollen entwickeln, nicht nur produzieren“.

Deshalb gibt es das Projekt Musterschmiede, das Prototypen aller Art entwickelt und baut. Und es gibt Ideen für künftige Produkte. „Wir sind offen für alles, wo Elektronik das Leben erleichtert – vom Post- bis zum Kinderwagen“, so Rudolph. Doch erst müsse nun ello Erfolg haben – auch, um Geld zu verdienen. Noch hat keiner der Gründer Familie – so fern ist das Thema bei 30-Jährigen mit festen Beziehungen aber nicht. Die Spannung, die das Trio in der Gründerzeit zu Höchstleistungen trieb, ist noch da, die Unbeschwertheit nicht mehr. „Den Druck und die Verantwortung merkt man schon“, sagen alle drei.

Nirgendwo im Startup eMovements finden sich bunte Sofas fürs Brainstorming oder ein Tischkicker fürs Get-together. „Wir haben mal 500 Euro mit unserer Idee gewonnen und die Mitarbeiter gefragt, was sie möchten. Es wurde eine Playstation – und die liegt unbenutzt im Schrank“, erzählt Benjamin Rudolph.

Dafür wird oft gemeinsam gekocht und gegessen in der Küche, die man selbst eingebaut hat. Auch dafür gibt’s eine Liste mit Diensten für „Küche aufräumen“, „Pflanzen gießen“ oder „Licht aus“. Sie wechselt wöchentlich und natürlich finden sich auch die Namen Ben, Max und Matthias darauf.

Fragebogen: Gründertipps von Benjamin Rudolph

An welchem Ort kommen Ihnen die besten Ideen?
Unter der Dusche fällt mir einiges ein, warum auch immer. Und natürlich im Austausch mit anderen. Man sollte Mitarbeiter unbedingt zu eigenen Ideen ermutigen.

Wie wappnet man sich gegen den Schock, wenn die tolle Idee mit der bitteren Realität konfrontiert wird?
Indem man zwar grenzenlosen Optimismus ausstrahlt, innerlich aber ein Scheitern einkalkuliert. Ich habe bisher nie erlebt, dass meine Erwartungen getroffen oder sogar übertroffen wurden. Mit der Zeit wird man dann realistischer.

Aus welchem Scheitern haben Sie das meiste gelernt?
Ich habe gelernt, dass Erfolg nur im Team geht – und wenn nicht alle zumindest ähnlich mitziehen, die Unternehmung automatisch zum Scheitern verurteilt ist.

Was ist der größte Irrtum, wenn es darum geht, kreativ sein zu wollen?
Dass Kreativität nur ohne Druck möglich sein soll. Wäre das so, dann wäre kein Start-up kreativ.

Wann haben Sie selbst mal zu jemandem „Das geht nicht!“ gesagt?
Ich habe es selbst oft von den Ingenieuren gehört, aber selbst kann ich mich nicht erinnern, das gesagt zu haben. Ich bremse aber generell Themen, um den Fokus und die Effizienz des Teams zu steuern.

Welcher Erfinder der Geschichte wären Sie gern gewesen?
Da ich nicht sonderlich weit zurückschauen kann, orientiere ich mich an den jüngsten Erfolgsgeschichten. Elon Musk mit PayPal z. B., der jetzt neue Ideen ausleben kann. Das würde mir auch gefallen!

 

Noch mehr Innovationen...

Ideenwerkbw.de Newsletter

Einmal pro Woche die neuesten Startup-News!

NEWSLETTER