Das Ende der Cebit: Spaß muss sein

Ende der CebitTrotz Riesenrad, das sich in einer Messehalle spiegelt: Die Cebit war nun noch ein Schatten ihrer selbst. Foto: Cebit

Das Ende der Cebit in Hannover ist exemplarisch: IT allein ist nicht mehr zu verkaufen. Sie ist entweder eingebettet in die Suche nach ganz neuen Ideen oder angedockt an Produkte und Anwendungen. Bei Punkt zwei kann Deutschland punkten, bei bunter Kreativität eher nicht.

An bunten Ideen hat es nicht gefehlt bei der im Rückblick nun letzten Computermesse Cebit in Hannover in diesem Jahr. Das vom IT-Konzern SAP gesponserte Riesenrad ist viel fotografiert worden, cooles Catering, lässige Sessel.

Sogar ein die Branche und ihren Daten- und Manipulationswahn massiv kritisierender Provokateur, der bekannte Facebook-Kritiker Jaron Lanier aus den USA  durfte bei seinem Begrüßungsauftritt der Branche kräftig die Leviten lesen. Alle Punkte abgehakt – trotzdem war dies das Ende der Cebit.

Messehallen bieten eher Depression als Inspiration

Das Ende der Cebit war absehbar, wenn man schon beim ersten Schritt aus den Hallen auf die überdimensionierte Messegelände-Einöde blickte. Auch wenn nach einer aus Verzweiflung geborenen Terminverschiebung in den Juni das Hannoveraner Wetter besser war als beim traditionellen Termin im März, befiel manchen Messegast bei langen Fußmärschen entlang leerer Hallen eher Depression als Inspiration.

Digitalisierung ist eben mehr als Technik. Sie lebt von neuen Impulsen und Ideen. Und die entstehen nicht bei durchgeplanten Messegesprächen, sondern bei offenen Begegnungen von Menschen – was der manchmal fast schon abgedroschenen Begriff „Netzwerken“ zu umschreiben versucht.

Kunden und Entwickler, Kreative und Technologen wollen sich heute in einem ganz anderem Kontext treffen als in einer Messehalle. Es geht bei der IT nicht mehr nur um Kaufen und Verkaufen, sondern um die gemeinsame Inspiration – zum Beispiel zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Entscheidend ist, dass Techniker und Einkäufer nicht unter sich bleiben.

Die IT ist heute mit allem verwoben

Die Informationstechnologie hat sich inzwischen nämlich so eng mit allen Aspekten unserer Gesellschaft verwoben, dass sie gar nicht mehr isoliert als „Produkt“ betrachtet werden kann. Sie ist in Maschinen zu finden und Videospielen, sie steuert Haushaltsgeräte und Autos, sie ist die Schlüsselfunktion in jeglicher Art von Unterhaltung. Für Events rund um die IT gibt also nur zwei Varianten: Kreativ sein oder sich an Produkte und Anwendungen andocken.

Die erste Variante setzt ganz auf den Aspekt Dynamik, Vernetzung und Kreativität. Dann helfen noch so gut ausgestattete Messehallen nicht weiter. Dann wollen Menschen sich begegnen, Impulse erhalten und schlicht und ergreifend Spaß haben. Auf einem Messegelände in Hannover – Spaß haben? Erfolgreiche Events wie die aus einem Musikfestival entstandene Kreativmesse South by Southwest (SXSW) im texanischen Austin, die  Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, der Mobile World Congress (MWC) in Barcelona haben begriffen, dass deshalb die darum herumliegende Stadt wichtiger ist als das, was auf dem eigentlichen Messegelände stattfindet. Abends locker an der Bar sind Gespräche genauso wichtig wie am Rande eines Messevortrags. Und darauf hat man in Austin, Barcelona oder Las Vegas mehr Lust, weil die Städte selbst Attraktionen sind.

Die umliegende Stadt ist wichtiger als die Infrastruktur

Riesige Infrastruktur, die wie ein Raumschiff weitab vom Zentrum schwebt wie in Hannover ist dafür nicht reizvoll. Insbesondere das jüngere Publikum aus der Start-up- und IT-Szene will in Städte, die coole Urbanität ausstrahlen. In Austin ist eine der wildesten Bar-Meilen in ganz Texas nur wenige Schritte vom Kongresszentrum entfernt, das seinerseits mitten in der Stadt liegt. Bei Blues und Bier tauscht man die Visitenkarten, lässt sich unterhalten – und ist immer auf Überraschungen gefasst. So war etwa 2018 die deutsche Messepräsenz in der Szenebar „Barracuda“.

Die Bluesbar ist wichtiger als der Messestand

Und dass auch finsterstes Winterwetter kein Hinderungsgrund ist, zeigt in der kommenden Woche das  Start-up- und Kreativfestival Slush in Helsinki. Da beginnt die wilde Party schon, bevor das Messezentrum überhaupt eröffnet ist. Motto: Bis in den Morgengrauen tanzen, dann drei Stunden Schlaf – und ab zum Event. Die Cebit hat sich für die zweite, weniger bunte, aber dafür realistischere Variante entschieden. Sie bedeutet, sich an die Themen und Produkte anzudocken, in denen die IT zusehends integriert ist: Roboter, intelligente Maschinen, Autos.

Und das ist nun, was man in Hannover versucht, indem man die Digitalmesse wieder an die Industriemesse koppelt – in der nüchternen Einsicht, dass alle Kreativität nicht hilft, die zweifellos in die völlig umgekrempelte, letzte Cebit 2018 geflossen ist, wenn Stadt und Umfeld nicht dazu passen.

Das Ende der Cebit bedeutet: zurück zu den Wurzeln

Und so bedeutet das Ende der Cebit nach 33 Jahren, dass das einst global beachtete deutsche IT-Event zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Vor Jahrzehnten war die Cebit ein Anhängsel der Industriemesse in Hannover – und das wird sie erneut. Deren kritische Masse ist ungefährdet. Denn die Deutschen mögen beim Thema bunte Kreativität ein Defizit haben.

Die Verknüpfung von Informationstechnologie mit Maschinen und Produktion hingegen macht uns so schnell keiner nach. Trotzdem: Dass es Deutschland im Gegensatz etwa zu Finnland bisher nicht geschafft hat, ein Kreativ-Event von Weltrang zu etablieren, offenbart eine Schwäche des Standorts. Auch beim Thema IT wirkt man meist solide und tüchtig – was anderswo auf der Welt mit Langeweile assoziiert wird. Wirklich radikale Ideen jenseits des Bestehenden tun sich hierzulande eben schwer.

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