Curevac: Visionen nur dank Kapital aus dem Ausland

CurevacCurevac-Gründer Hoerr wirbt vehement für mehr Investitionsbereitschaft für die Biotechnologie in Deutschland. Foto: Curevac

Schwerpunkt Gründerland Baden-Württemberg (3): Das Tübinger Biotechnologie-Unternehmen Curevac entwickelt eine revolutionäre Methode zur Medikamentenherstellung.  Ausländische Investoren wie der Microsoft-Gründer Bill Gates machen das möglich, deutsche Kapitalgeber scheuen aber eher das Risiko.

Was wir machen, das ist eine Revolution!“ Dass jemand wie Ingmar Hoerr, der Gründer und Chef des Tübinger Biotechnologieunternehmens  Curevac, solch einen Satz ausspricht, das ist in Deutschland, insbesondere in Baden-Württemberg  nicht selbstverständlich. Von einer breiteren Öffentlichkeit  wahrgenommen wurde der Prophet im eigenen Lande allerdings erst, als im vergangenen Jahr der Microsoft-Gründer Bill Gates einstieg. Der sah in der Technologie aus Tübingen einen innovativen Weg, für Entwicklungsländer günstige  Medikamente  zu entwickeln. Auch wenn es nur eine relativ kleine Minderheitsbeteiligung war: In der deutschen Öffentlichkeit wurde der Einstieg von Gates geradezu als Ritterschlag wahr­genommen. „Diese Adelung hat uns mehr geholfen als gedacht“, sagt Hoerr. „Ich fand den Hype der Medien in den ersten Stunden nach der Pressemitteilung jedoch etwas übertrieben.“
Curevac hat  eine  Methode entwickelt, mit der sozusagen der Körper dazu gebracht werden kann, seine eigene Arznei zu produzieren. Dafür benutzt Curevac den  Erbinformationsträger Ribonukleinsäure (RNA). Er kann die Produktion bestimmter Proteine anstoßen, die  etwa helfen können, den   Krebs zubesiegen.

Curevac braucht einen sehr langen Atem

Doch Biotechnologie braucht einen sehr langen Atem. Zwar verdient Curevac etwa durch Kooperationen mit Pharmakonzernen heute schon Geld. Doch obwohl die Firma bereits vor 16 Jahren gegründet wurde, dürfte es mindestens noch fünf Jahre dauern, bis ein anwendungsreifes Medikament auf der Basis der Entdeckung, die Hoerr einst als Biologie-Doktorand machte,  auf den Markt kommt. Auch heute noch kann er seinen Investoren den Erfolg keineswegs garantieren.
Dafür sind andererseits die Chancen enorm. „Wenn Sie etwa Krebs bekämpfen, können Sie mit Milliardenumsätzen rechnen“, sagt Hoerr.   Es braucht also Investoren mit Mut, Visionen,  hoher Risikobereitschaft – und sehr langem Atem. Dies sei in Deutschland Mangelware:    „Es gibt diese ,German Angst‘, wie es die Amerikaner nennen. Wir wollen nicht wirklich in  Dinge reingehen, die riskant sind.“ In Deutschland gelte immer noch der Spruch des verstorbenen Ex-Bundeskanzlers Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“
Zudem hätten Investoren in Deutschland ein langes Gedächtnis: Die Erfahrung des sogenannten Neuen Marktes, in den nicht nur bei IT-Firmen, sondern auch bei einigen Start-ups aus dem Bereich Biotechnologie viel Geld versenkt wurde, schwinge noch mit, sagt Hoerr. Sein Unternehmen stand auch schon mal am Rande der Pleite. Doch er hielt durch, weil er an seine Vision glaubte. Ohne ausländische, vor allem US-amerikanische Investoren hätte Curevac es aber nicht geschafft: „Ohne die visionäre Sicht der Amerikaner   könnten wir das, was wir tun, nicht machen.“   Eine Ausnahme gibt es allerdings: Der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp ist in Deutschland schon viele Jahre im Bereich der Biotechnologie aktiv. Hopp hat einige Rückschläge mit anderen Firmen weggesteckt und hält Curevac schon lange die Stange. „Aber solch ein Investor ist in Deutschland die Ausnahme“, sagt Hoerr.  Das Problem sei hierzulande nicht die fehlende technologisch-wissenschaftliche Substanz. Es ist auch kein Mangel an Förderung kleiner Projekte: „Wir brauchen keine Almosen.“

Die wirklich großen Geldbeträge sind schwer zu bekommen

Aber  in Deutschland und Baden-Württemberg fehlen Investoren, die bereit sind für eine Revolution wie die von Curevac, wirklich ganz tief in die Tasche zu greifen. „So etwas geht nicht ohne privates Kapital“, sagt Hoerr. Selbst der als vorbildlich gelobte, als eine Partnerschaft von Staat und Firmen angelegte deutsche High-Tech Gründerfonds (HTGF) ziehe bei einstelligen Millionenbeträgen die Grenze: „Damit können Sie einen Pizzadienst digitalisieren, wenn Sie Biotech betreiben, brauchen Sie schnell einmal 300 Millionen, um ein Medikament auf den Markt zu bringen.“ Nicht staatliche Unterstützung, sondern bessere Rahmenbedingungen für private Investitionen seien der Schlüssel – etwa die inzwischen geplante Möglichkeit, auch bei Minderheitsbetei­ligungen einen Verlustvortrag steuerlich abzusetzen.
„Vor allem aber geht es uns zu gut“, sagt Hoerr. „Wir müssen von unserem hohen Ross herunter.“ Über Jahrzehnte sei man es gewohnt gewesen, bewährte Technologien Schritt um Schritt zu verbessern. Doch auf einmal funktioniere das nicht mehr. Das gelte nicht nur für die in Baden-Württemberg dominierende Autoindustrie, sondern auch für die Pharmabranche. „Man schafft es in den bestehenden Strukturen nicht mehr, für Innovationen zu sorgen“, sagt er. Besonders in den USA hätten diese Konzerne deshalb einen radikalen Schwenk vollzogen: „Die sind auf Einkaufstour und kaufen sich diese Innovationen von Biotech-Start-ups.“  In den USA gebe es dafür aber eine kritische Masse, von der man in Deutschland nur träumen könne. Hierzulande sei Curevac eher die Ausnahme: Die hohen Investitionen, die 2015 in das Tübinger Unternehmen geflossen seien, hätten die Statistik des Biotechnologie-Standorts Deutschland quasi im Alleingang aufpoliert. Eine Trendwende könne man hieraus noch nicht ablesen.

Der Curevac-Gründer ist auf Joschka Fischer schlecht zu sprechen

Dabei rächen sich  nach Ansicht von  Hoerr immer noch  vor Jahrzehnten getroffene politische Entscheidungen. „Das liegt an Joschka Fischer“, sagt Hoerr unverblümt. In seiner Zeit als hessischer Umweltminister Mitte der achtziger Jahre  habe der spätere Außenamtschef den Einstieg des Chemiekonzerns Hoechst in biotechno­logische Verfahren gestoppt: „Das hat uns 15 Jahre zurückgeworfen und Hoechst ging am Ende zugrunde.“ Seither habe Deutschland in dieser Branche, die bei ihren Entwicklungen nicht nur in Jahren, sondern in Jahrzehnten denkt,  den Anschluss verloren. Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland müssten endlich wieder lernen, sich große Ziele zu stecken, sagt der Curevac-Gründer: „Warum sagen wir uns nicht in Deutschland: Wir besiegen in 20 Jahren den Krebs? Zurzeit wird uns lieber die schwarze Null im Haushalt als Vision verkauft.“ In der Schweiz, die gerade einen Zukunftsfonds aufgesetzt habe, sei das anders. Dort würden die Pensionsfonds des Landes systematisch ermuntert, einen kleinen Teil ihres Anlagegeldes als Wagniskapital zu investieren: „Der Staat kann das anstoßen – das zieht dann  auch ausländisches Geld an.“

Unternehmenssteckbrief Curevac
Die Curevac AG ist ein bio­pharmazeutisches Unternehmen, das mit der Entwicklung von Medikamenten auf Basis des Botenmoleküls mRNA medizinische Pionierarbeit leistet. Curevac wurde 2000 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Tübingen; weitere ­Niederlassungen sind in Frankfurt am Main und in  Cambridge (Massachusetts) in den USA.
Aktuell beschäftigt das Unternehmen etwa  290 Mitarbeiter –  Tendenz steigend. Insgesamt wurden bisher mehr als 300 Millionen Euro Kapital eingeworben. Hauptinvestoren sind der SAP-Gründer Dietmar Hopp mit seiner Dievini Hopp BioTech Holding und der Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Bill & Melinda Gates Stiftung.

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