CES 2016/2: Auto und Haus werden Partner

CES

Autos haben auf der CES inzwischen ihren festen Platz. Die Konzepte sprengen längst die in Deutschland häufige Verengung auf das autonome Fahren. Es geht heute um Mobilität und Vernetzung insgesamt.

Ein Supercomputer mit der Leistungsfähigkeit von 150 Laptops und in der Größe einer kleinen Vesperbox ist eine der grundlegenden Innovationen zum Thema autonomes Fahren, die auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas präsentiert wurden. Der Computer der im Silicon Valley basierten US-Technologiefirma Nvidia beschleunigt mit Hilfe enormer Rechenkapazität die komplexen Lernvorgänge um ein Vielfaches, die nötig sind, damit fahrerlose Autos ihre Umgebung präzise einschätzen können. Was ein Auto am Straßenrand ist und was nicht – diese scheinbar banale Unterscheidung müssen Computer erst mühsam lernen.
„Wofür man früher ein Jahr gebraucht hat, das schafft man jetzt in einer Woche“, sagte der Firmenchef Jen-Hsun Huang bei der Präsentation. Das in Las Vegas gezeigte Vorführvideo von Nvidia zeigte übrigens eine Straßenszene an der Stuttgarter Bolzstraße in der Nähe des Schlossplatzes. Damit wurde demonstriert, wie gut inzwischen ein Computer auch in komplexen Situationen zwischen Fußgängern, Autos und anderen Hindernissen unterscheiden kann. Der Autohersteller Daimler ist nämlich ebenso wie Audi in Deutschland ein enger Kooperationspartner von Nvidia.
 Wie wichtig der Bereich künstliche Intelligenz geworden ist, demonstrierte auch der japanische Autohersteller Toyota, der auf der CES ankündigte, eine Milliarde Dollar in ein entsprechendes Forschungsinstitut investieren zu wollen, das  an die Eliteunis Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Stanford angedockt ist. Dafür seien einige der renommiertesten Forscher aus dem Bereich künstliche Intelligenz gewonnen worden, so der japanische Autohersteller. Auch  Google hat seinen Roboterchef an Toyota verloren.

Deutsche Firmen zeigen auf der CES Cockpits,  Amerikaner Mobilitätskonzepte

Die deutschen Autohersteller Daimler und BMW präsentierten in Las Vegas hingegen Zukunftskonzepte für das Autocockpit der Zukunft, wo der von Routineaufgaben entlastete Fahrer zunehmend mehr Raum für Entertainment und die Nutzung des Internets bekommt. Daimler präsentierte unter dem Slogan „Es dreht sich alles um mich“ innovative Displays und die Möglichkeit zum reibungslosen Andocken des Smartphones. Die US-Autohersteller Ford und General Motors stellten hingegen das automatisierte Fahren nur als einen Baustein einer viel umfassenderen Mobilitätsrevolution dar. Auch Toyota kündigte an, dass die Entwicklung von mobilen Heimrobotern ein Tätigkeitsfeld werden könnte. Der Ford-Chef Mark Fields sparte sich bei seiner Präsentation moderner Mobilität das Thema autonomes Fahren lediglich für die Schlussminuten seines Vortrags auf – und überging alle Gerüchte über eine engere Kooperation mit Google auf diesem Feld. Er redete lieber über Dutzende von Versuchsprojekten, die das Thema Mobilität neu definieren sollen. Dazu gehört beispielsweise ein Vorhaben in London, das es Privatleuten erlauben soll, nach Wunsch ihre Autos an andere zu verleihen.
„Wir wollen nicht nur eine Auto-, sondern eine Mobilitätsfirma werden. Und das wird sich in diesem Jahr ziemlich dramatisch verändern“, sagte Fields. General Motors hatte schon vor Messebeginn angekündigt, dass man sich mit einer halben Milliarde Dollar an dem Taxidienstleister und Uber-Konkurrenten Lyft beteiligen will. Beide US-Autokonzerne begründen diese Schritte damit, dass in der jüngeren Generation unter anderem auch in den USA, der Kauf von Autos immer weiter hinausgeschoben wird oder Stadtbewohner vermehrt ganz auf ein eigenes Fahrzeug verzichten. Das autonome Fahren ist in diesen Konzepten ein Baustein, der innovative Mobilitätsangebote möglich macht – etwa Flotten von Roboterautos, die flexibel wie ein Taxi zu buchen sind.

Bosch sieht sich für die Vernetzung aller Lebensbereiche gerüstet

Der Bosch Chef Volkmar Denner betonte in Las Vegas die Zwischenschritte, die notwendig sind, bevor Autofahrer am Steuer wirklich arbeitslos werden. Er präsentierte etwa einen neuartigen Bildschirm, der Berührungssignale übermittelt: „Wenn sie darauf etwas einschalten, fühlt es sich so an, als ob sie einen Knopf drücken.“ Der Fahrer muss so bei der Bedienung nur fühlen und kann weiter auf die Straße schauen. Denner sagte für 2018 sich selbstständig einparkende Fahrzeuge voraus und für 2020 Systeme, die auf Autobahnen einen weitgehend autonomen Fahrbetrieb ermöglichen.
Wie sehr die Informationstechnologie unterschiedliche Lebensbereiche zusammenwachsen lässt, zeigte auch die von Bosch propagierte Kombination von smartem Haus und vernetztem Auto. Vom Fahrzeug aus lässt sich dann auf der Heimfahrt der Backofen einschalten oder die Heizung einstellen, während man von der Wohnzimmercouch aus die Tankfüllung des Autos in der Garage kontrollieren kann. Bosch sieht sich als Hersteller, der in beiden Bereichen mit Produkten präsent ist, für diesen Brückenschlag prädestiniert. Doch auch  Ford-Chef Fields hatte kurz zuvor in Las Vegas angekündigt, dass man mit Amazon kooperiere, um dessen sprachgesteuertes  Lautsprechersystem für das smarte Heim mit dem Auto zu vernetzen.

 

Kommentar – Mobilität braucht mehr als nur Technik

Die gute Nachricht von der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas: Es geht voran mit dem autonomen Fahren und deutsche Autohersteller oder Zulieferer brauchen sich hier nicht zu verstecken. Das Problem? Der Weg zum echten Roboterauto ist viel komplexer, gradueller und weniger technologiefixiert als es der seit mehreren Jahren geschürte Hype suggeriert. Große Sprünge sind in der Technologiegeschichte selten. Automatik und Mensch werden noch lange in Hand arbeiten müssen.
Bemerkenswert ist, welch unterschiedliche Akzente die verschiedenen Hersteller setzen. Deutsche Firmen wie Daimler oder Audi hatten ihre große Las-Vegas-Show in den vergangenen Jahren. Es ist verständlich, dass sie nicht in jedem Jahr so groß auftreten wollen. Doch es war auffällig, wie weit Firmen wie Ford, General Motors oder Toyota den technischen Aspekt des  autonomen Fahrens in den Hintergrund stellten. Sie präsentierten sich als Anbieter, denen es ganz grundsätzlich um das Thema Mobilität geht, und nicht nur darum, möglichst perfekte Autos zu verkaufen.
Der Ton macht die Musik. Und da bricht bei den Deutschen gerne der Ingenieursstolz durch, während etwa die Amerikaner sich als Optimierer des Kundennutzens präsentieren. Die Entscheidung von General Motors, massiv bei dem Fahrdienstanbieter Lyft einzusteigen, zeigt beispielsweise, wie man auch ohne neue Technologien Schlagzeilen macht. Ford glaubte sogar alle vorherigen Spekulationen über eine mögliche Produktion eines Autos in Zusammenarbeit mit Google ignorieren zu können.
Welche Rolle wird der Besitz eines eigenen Autos – sei es nun autonom oder vom Fahrer gesteuert – überhaupt noch spielen? Auch für selbstfahrende Autos kann der Parkraum in unseren Innenstädten nur besser verteilt, aber nicht vergrößert werden. Selbst ein smartes Straßennetz stößt irgendwann an seine Grenzen, wenn Pendler sich einzeln von ihren Roboter-Blechkisten chauffieren lassen. Von den Bedürfnissen der Kunden her zu denken, nicht von der Technik aus, dies ist eine Lektion, die manche Autohersteller noch intensiver beherzigen sollten.  Ein Blick auf die Grundfrage, welche der Mobilität der Mensch braucht, wann diese auf vier Rädern stattfinden muss und wann nicht, ist  so wichtig wie der technische Fortschritt. 

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Bild: Auch ein Mobilitätskonzern wie Ford kommt nicht ohne Superauto aus. Der GT darf sich mit dem Titel als offizielles Fahrzeug der CES 2016 schmücken.
Bildquelle: Ford

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