Lese-Lockrufe von der Bücher-App

BW goes mobile; Bücher-AppErik Schöfer (v.l.) und Moritz Jähde, die Urheber der Bücher-App - hier mit den Mentorinnen Mira Kleine von der MFG Innovationsagentur und Doreen Klotz vom Buchhändler Wittwer; Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Im Förderwettbewerb BW goes mobile sollen kreative Köpfe die harten und vielfältigen Anforderungen des Gründerdaseins lernen. Hier aus der aktuellen Runde das Beispiel „Stuttgart erlesen“, das Projekt einer ortsbasierten Bücher-App.

Moritz Jähde und Erik Schöfer üben noch den Gründergeist. „Wir haben relativ kurzfristig bei dem Wettbewerb mitgemacht – und sind dann auf die Realität gestoßen“, sagt Jähde, der wie Schäfer in Karlsruhe Design studiert und gleichzeitig bei einer Agentur für Events und Designprojekte arbeitet.
Ihre Idee für eine Bücher-App, welche die Leser in die lokale Buchhandlung locken soll, hat sich nach der Juryauswahl im baden-württembergischen Start-up-Förderwettbewerbs BW goes mobile schon radikal verwandelt. Was sich beim ersten Treffen Anfang des Jahres noch sperrig „Onlinebasierte Buchempfehlung“ nannte, heißt wenige Wochen später „Stuttgart erlesen“. Ein App-Programmierer hat eine erste Testversion gebastelt. Aus der netten Idee wird Ernst. „Ursprünglich wollten wir eine App entwickeln, die dem Nutzer direkt beim Vorbeigehen am Buchladen auf ein Buch hinweist“, sagt Jähde. „Aber dann haben wir uns gefragt: Warum die Sache nicht auf eine ganze Stadt ausdehnen?“
Beim Warten an der Haltestelle könnte der Nutzer auf seinem Smartphone etwa auf eine Szene aus einem Kriminalroman hingewiesen werden, der genau an dieser Ecke spielt oder auf eine Anknüpfung zu einer Historiengeschichte. Oder wie wäre es, bei einem Gang durch den Zoo auf Tierbücher hingewiesen zu werden – verbunden mit einem Hinweis auf den nächsten Buchladen? „Wir wollen den Zugang zur Buchhandlung auf die ganze Stadt ausdehnen, weil diese Läden gerade aus den großen Einkaufsmeilen verschwinden“, sagt Jähde. Für den deutschen Buchhandel ist es überlebenswichtig, an eine jüngere Zielgruppe heranzukommen. Mira Kleine von der dem Wettbewerb betreuenden MFG Innovationsagentur des Landes rattert die Hausaufgaben herunter, die bis zum nächsten Treffen abgehakt werden müssen: „Was brauchen wir? Mit wie vielen Tests gehen wir an den Start? Es geht um Zahlen: Wir benötigen soundsoviele Leseproben, soundsoviele Sender. Ihr braucht kritische Masse. Und das ist nichts anderes als Arbeit, harte Arbeit.“

Die Bücher-App ist eine von vielen kreativen Ideen seit 2009

Das seit 2009 bestehende Programm soll genau mit solchen Fragen ausgewählte Start-ups mit kreativen Ideen im Mobilbereich aus den Startlöchern bringen. Sie erhalten nicht nur zehntausend Euro an Preisgeld, sondern bekommen auch sechs Monate lang Mentoren und technische Unterstützung. In diesem Jahr stand in der Ausschreibung unter anderem das Thema „Bücherwelt mobil“ zur Auswahl. Jähde und Schöfer lernen die Tücken des Gründeralltags kennen.  Das ist  der Lerneffekt, den der Wettbewerb bringen soll.
Eher nebenbei entdeckten Jähde und Schöfer, die selbst keine Technik- und Programmierfreaks sind, dass es tatsächlich an Flughäfen und Museen schon die passende Technologie gibt. Kleine Sender, nicht größer als eine Zigarettenschachtel, können in fünfzig bis hundert Meter Umkreis ein flexibel zu programmierendes Locksignal an Leseratten aussenden, das alle modernen Smartphones empfangen können.
Und so stecken sie in klassischer Start-up-Manier nach der Ideenfindung nun in Phase zwei, nämlich im Kontakt mit dem App-Programmierer, der neue, anstrengende Fragen stellt. „Auf viele Dinge kommt man selber gar nicht: Was passiert etwa, wenn ich die App an einem bestimmten Punkt schließe“, sagt Schöfer. Und die vermeintlich einfache Frage, wie der Kunde, dem der auf das Smartphone aufgespielte Kapitelauszug gefällt, dessen Verfügbarkeit im nächsten Laden prüfen oder gleich bestellen kann, wirft komplexe IT-Systemprobleme auf. Hier können sie im Rahmen des Wettbewerbs immerhin auf acht Stunden technischen Gratis-Support der Sindelfinger IT-Firma Logicline zurückgreifen.
Bei der Powerpoint-Präsentation sieht das schon ansehnlich aus: Auf einer Online-Landkarte der Stuttgarter Innenstadt ist markiert. an welchen Ecken der Stadt kreative Buchtipps und Kapitelauszüge auf diejenigen warten, der sich die App heruntergeladen hat. „Bisher ist es bei Buchempfehlungen so: Wenn ich ein Buch über Hundeerziehung kaufe, bekomme ich Empfehlungen für zehn weitere“, sagt Jähde. Die App soll hingegen vom Überraschungseffekt leben, wenn etwa an der Stadtbahnhaltestelle eine Nachricht neugierig auf ein Buch macht, das einen Bezug zum Umfeld hat – der nicht unbedingt lokal sein muss.

Wie viel Werbung soll auf der Bücher-App sein?

Doreen Klotz, die bei der Stuttgarter Buchhandlung Wittwer für die Kundenbeziehungen und  die sozialen Medien zuständig ist, zeigt sich als „Wettbewerbspatin“ ganz angetan. „Kapitelauszüge als Appetithappen funktionieren gut“, sagt sie. Das Spielerische und Überraschende, das in der App stecke, sei gerade für jüngere Nutzer reizvoll. Sie denkt gleich an gezielte thematische Kampagnen im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen, an Extratipps während der Kriminächte – oder an Regionalverlage, für deren Bücher sowieso die Stadt das Spielfeld ist. „Man kann sich durchaus auch vorstellen, dass Buchverlage Werbung darauf schalten“, sagt Klotz.
Doch das ist nun wieder etwas, mit dem sich das Ideen-Team noch auseinandersetzen muss. „Wir sind nicht die eingefleischten Betriebswirtschaftler wie manche andere, die wir hier beim Wettbewerb kennengelernt haben“, sagt Jähde. Eine Wachstumsstrategie würde heißen, sich ganz dem Projekt zu verschreiben. „Wir wollen aber nicht langfristig die ,Stuttgart erlesen GmbH‘ aufmachen, sondern das weitergeben“, sagt er. Er und sein Teampartner sehen sich als Lese- und Kulturförderer. Doch einer muss die Sender bezahlen, die in der ganzen Stadt verteilt werden müssen – Kostenpunkt rund 30 Euro je Stück. Geht es  noch darum, für Bücher zu werben? Oder geht es bei der Bücher-App vielleicht eher um Stadtmarketing? Der Hinweis auf mehr oder weniger berühmte, auf die Stadt bezogene Bücher, wäre eine Touristenattraktion. Und damit kommen andere Städte in den Blick: Berlin erlesen, Karlsruhe erlesen…
Idealismus oder Geschäftsmodell? Darin steckt der Schlüsselkonflikt, der für auf die Frühphase fokussierte Start-up Wettbewerbe durchaus nicht untypisch ist. Sind sie eine Revue der Ideen? Oder fungieren sie als Wirtschaftsförderung? Jähde und Schöfer würden lieber Idealisten bleiben. Ihnen geht es um die Bücher, weniger um das Geschäft. Sie stimmt die Aussicht hoffnungsfroh, mithilfe der Innovationsagentur des Landes ihr Konzept im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren zu können und dort vielleicht einen Partner zu finden, der vor allem den geschäftlichen Teil des Konzeptes vorantreibt. „In vier bis sechs Wochen bräuchten wir ein Testkonzept“, sagt die MFG-Betreuerin Kleine. „Tja, dann haben wir wieder. . .“, beginnt Jähde seinen Schlusssatz. „. . . etwas zu tun“, vervollständigt ihn sein Kompagnon Schöfer.

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