Lokale Inseln: Breitband in Baden-Württemberg

Breitband in Baden-WürttembergOhne schnelle Anschlüsse klappt die Digitalisierung nicht. Foto: Pixabay/MediaDS/CC0

Ohne eine vernünftige Infrastruktur mit Glasfaseranbindung droht Deutschland bei der Digitalisierung abgehängt zu werden.  Breitband in Baden-Württemberg  macht auf lokaler Ebene erstaunliche Fortschritte. Doch  regional und national tut sich zu wenig.

Es geht doch. Während anderswo geredet wird, hat Waldkirch gehandelt. Die dortigen Stadtwerke hatten im Januar 2017 angekündigt, ein Glasfasernetz für superschnelles Internet bauen zu wollen. Ein Jahr später konnten die ersten 150 W-Net-Kunden, insbesondere Industrie- und Gewerbekunden, endlich auch 3-D-Modelldateien schnell mit ihren Klienten austauschen.

Sechs Millionen Euro haben die Stadtwerke Waldkirch in der ersten Ausbaustufe investiert. Für den weiteren flächendeckenden Ausbau ist noch einmal eine Million Euro pro Jahr vorgesehen. „Jeder Haushalt soll einen Glasfaseranschluss bekommen können. Weit über 70 Prozent unserer möglichen Kunden nehmen ihn sofort“, sagt Thorsten Ruprecht, ­Geschäftsführer der Stadtwerke.

Die drei Gewerbegebiete sind bereits an den Hauptstrang angeschlossen. Nun folgt der Feinausbau. Am Ende soll in 5000 Gebäuden mit 14 000 Haushalten und Betrieben mit Bandbreiten von bis zu 1000 Mbit/s, auf Wunsch sogar bis 10 Gbit/s, gesurft, telefoniert und ferngesehen werden können.

Breitband in Baden-Württemberg: „Wir müssen anpacken“

Ruprecht ist kein Hasardeur. „Wir haben detailliert geplant. Ab dem dritten Jahr streben wir positive Ergebnisse an“, macht er deutlich. „Wir müssen anpacken. Allein mit der Strom- und Gasversorgung sind wir nicht zukunftsfähig. Der Einstieg in das Geschäftsfeld Breitbandversorgung ist die konsequente Fortführung unserer Unternehmensphilosophie“, fügt er hinzu. „Nicht nur große Betriebe brauchen große Bandbreiten. Auch unsere Mittelstands- und kleinere Gewerbekunden wie zum Beispiel Architektur- und Ingenieurbüros sind darauf angewiesen.“

Für ihn ist klar: „Gemeinden, die kein schnelles Internet haben, werden abgehängt.“ Das Breitbandprojekt in der sich über zwei Täler erstreckenden Gemeinde hat nach Ansicht Ruprechts „Modellcharakter für andere Stadtwerke“. In Waldkirch wurde sogar auf Subventionen verzichtet – einfach, um schnell zu sein.

Ein solches Hochgeschwindigkeitsnetz wie in Waldkirch haben in Deutschland höchstens vier bis fünf Prozent der Haushalte und Betriebe zur Verfügung. In vielen Fällen ist die Anbindung so schlecht, dass kaum eine E-Mail durch das Netz geht. Die schlechte Versorgung mit einem schnellen Internet droht zum Standorthemmnis zu werden. Auch das Breitband in Baden-Württemberg hat Defizite.

2,3 Millionen Anschlüsse im Land ohne schnelles Internet

Nach einer Ende Februar veröffentlichten Studie, die das Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration in Baden-Württemberg beim Tüv Rheinland in Auftrag gegeben hatte, gibt es im Land  2,3 Millionen Anschlüsse, die kein schnelles Internet haben. Sie verfügen noch nicht einmal über 50 Mbit pro Sekunde, oft nur 30 Mbit oder weniger. Während in Städten wie Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Konstanz oder Pforzheim – mit Einschränkungen – die Anbindung an das schnelle Internet relativ hoch ist, gibt es beim Breitband in Baden-Württemberg vor allem auf dem flachen Land viele weiße Flecken. In solchen Zonen ist immerhin die Hälfte der 290 „hidden champions“ in Baden-Württemberg, dem Land der Weltmarktführer, beheimatet.

„Wir brauchen eine belastbare Infrastruktur für die Digitalisierung der Produktion, für das autonome Fahren, die künstliche Intelligenz und vieles mehr. Wir müssen endlich in die Puschen kommen“, meint eine Sprecherin des Ministeriums. Baden-Württemberg lag im EU-Innovationsindex 2016 auf Platz eins. Doch das kann sich schnell ändern, wenn die Unternehmen für ihren Datenaustausch kein schnelles Internet zur Verfügung haben.

„Das schnelle Internet ist der Schlüssel zur digitalen Welt“, sagt der zuständige Minister und stellvertretende Ministerpräsident Thomas Strobl. Würde man das bisherige Tempo beibehalten, dauerte es bis 2039 bis zu einer flächendeckenden Breitbandversorgung. Das ist viel zu lang.

Das Land hat deshalb jüngest eine Innovationsoffensive gestartet. 500 Millionen Euro, das sind 100 Millionen Euro pro Jahr, sollen in dieser Legislaturperiode in den Ausbau der Infrastruktur fließen. Priorität hat die Anbindung der 2,3 Millionen Anschlüsse, die weder über Glasfaser noch über die dafür ertüchtigten Kupferkabelnetze mit schnellem Internet versorgt sind. Bis 2025 sollen 800 Millionen Euro vom Land kommen.

Der Bund plant, bis dahin deutschlandweit zehn bis zwölf Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Minister Strobl geht davon aus, dass von dieser Summe etwa 1,5 Milliarden Euro nach Baden-Württemberg fließen. Mit dann knapp 2,3 Milliarden Euro von der öffentlichen Hand sollten die benötigten sechs Milliarden Euro für das Breitband in Baden-Württemberg zur Verfügung stehen. Die fehlenden Mittel sollen von privaten Investoren kommen.

Investitionen am unteren Rand des Notwendigen

„Die Größenordnung liegt vermutlich am unteren Rand des Notwendigen“, meint Professor Dietmar Harhoff, Vorsitzender der Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI), die Kanzlerin Angela Merkel seit vielen Jahren berät, und Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Doch es geht nicht nur um Geld. „Es ist eher die Umsetzungsgeschwindigkeit, um die wir uns Sorgen machen sollten, als die Höhe des Budgets“, meint der bekannte Fachmann.

Ganze Landstriche und die dort beheimateten Unternehmen könnten abgehängt werden. Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen surfe mit weniger als 30 Mbit pro Sekunde, behauptet Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter. „Rund zwei von drei Industriearbeitsplätzen befinden sich auf dem Land. Die Breitbandversorgung hinkt gerade dort hinterher“, sagt auch Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). „Wenn Digitalisierung nicht gelingt, helfen uns auch die anderen Standortvorteile nicht mehr“, fürchtet Harhoff. „Und die Infrastruktur ist dabei eben ein zentraler Punkt.

Kupferleitungen stoßen an ihre Grenzen

Die technischen Möglichkeiten der vielfach bestehenden Kupferleitungen, noch mehr Bandbreite herauszuquetschen, kommen an Grenzen. „Deutschland ist bei der Verbreitung von Anschlüssen mit der derzeit höchsten Leistungsfähigkeit, nämlich Glasfaserverbindungen bis an das Firmengebäude oder die Wohnung, international nach wie vor weit abgeschlagen“, weiß Harhoff. Im Juni 2017 habe es hierzulande nur 2,1 Prozent solcher Breitbandanschlüsse gegeben. In Japan habe die vergleichbare Quote bei 76,2 Prozent gelegen, in Lettland bei 62,3 Prozent.

Trotz einer deutlichen Aufstockung von Fördermitteln für den Breitbandausbau sei bisher kaum Dynamik zu erkennen, konstatiert der EFI-Vorsitzende. Und er ergänzt: „Wir sollten jetzt vor allem schnelle Glasfaserverbindungen als nachhaltige und zukunftssichere Technologie vorantreiben. Mit Zwischenlösungen gehen wir das Pro­blem nicht nachhaltig an.“

Die deutsche Politik habe „die dem digitalen Wandel zugrunde liegende technische und ökonomische Dynamik zu wenig beachtet. Vor allem sind angekündigte Maßnahmen einfach nicht umgesetzt worden“, stellt Harhoff fest. „Die neuen Ziele sollten besser bis zum Ende der Legislaturperiode abgearbeitet sein, sonst droht wirtschaftlicher Rückstand.“

Zeit hat Deutschland keine mehr

Es gebe keine Zeitreserven mehr. „Wir benötigen eine stärkere Bündelung und eine einheitliche Vertretung des Themas auf europäischer Ebene“, fordert Harhoff. Er hofft, dass die neue Staatsministerin im Bundeskanzleramt neue Dynamik bringt. Harhoff lobt, dass im neuen Koalitionsvertrag „ambitionierte Ziele“ angekündigt worden sind.

„Aber Papier ist geduldig – auch die früheren Koalitionsverträge enthielten schon wohlklingende Absichtserklärungen“, weiß er. Vielleicht sollten sich die Akteure ein Beispiel an Waldkirch nehmen. Dort folgten den Ankündigungen auch Taten.

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