Bosch und KI: Christoph Peylo, Mann für die Zukunft

Bosch und KIChristoph Peylo hält künstliche Intelligenz bei den Verbrauchern noch für erklärungsbedürftig. Foto: Bosch

Seit einem Jahr leitet Christoph Peylo das neue Bosch-Technologiezentrum für künstliche Intelligenz. Bosch und KI  – das könnte künftig heißen, dass Produkte selbst Entscheidungen treffen. Sie sind dann teils klüger als die Menschen selbst.

Fester Händedruck. Grau-weißes Haar. Wachsame Augen und ein verbindliches Lächeln. Christoph Peylo (50) vermittelt bei der Begrüßung eine ungezwungene Seriosität, die er in seinem neuen Job gut gebrauchen kann, denn es geht um künstliche Intelligenz (KI). Und damit um ein Thema, das etliche Verbraucher eher an die Übermacht von Computern und Maschinen aus Science-Fiction-Filmen erinnert und nicht an den Nutzen, den Peylo im Blick hat. Seitdem er vor einem Jahr den Chefposten in Boschs neuem Zentrum für künstliche Intelligenz übernommen hat, wirbt er neben der Technik auch um  Vertrauen. Von Boschs Forschungszentrale in Renningen aus versucht Peylo, die möglichen Vorbehalte der Verbraucher auszuräumen. „Uns ist es wichtig, den Menschen zu erklären, was wir tun und ihnen den Nutzen von künstlicher Intelligenz aufzuzeigen.“

Nach dem Personal Computer und dem Smartphone gilt KI als die nächste technische Revolution. Schon jetzt können Maschinen Muster aus gewaltigen Datenmengen erkennen, die dem Menschen vielleicht verborgen geblieben wären. Künftig sollen Computer selbstständig aus Daten lernen und zuverlässige Prognosen für die unmittelbare Zukunft treffen. Tech-Giganten wie Amazon, Google, Apple & Co. investieren deshalb Milliarden in die KI-Forschung. Auch Bosch macht mit: 300 Millionen Euro lässt sich der Konzern seine KI-Zentrale bis 2021 kosten. Bis dahin soll sich die Mitarbeiterzahl von derzeit rund 100 vervielfachen.

Bosch und KI – das ist bisher vor allem das Smart Home

Vor allem für das vernetzte Zuhause nutze Bosch bereits KI-Algorithmen und erleichtere damit den Alltag, erklärt Peylo. Waschmaschinen könnten beispielsweise mithilfe von Sensoren erkennen, mit welcher Wäsche man sie bestückt und das richtige Programm vorschlagen. Boschs Roboter-Rasenmäher Idego ermittelt schon jetzt aus den Daten über das bisherige Rasenmähen einen idealen Mähzyklus. Der Saugroboter Roxxter lernt, wo Hindernisse stehen, und navigiert selbstständig durch die Räume – der Putzplan lässt sich per App erstellen.

Welches Potenzial die intelligente Datenanalyse aber haben könnte, zeigt die smarte Heizung. Noch geben die Nutzer ihre Vorlieben via Smartphone-App selber ein: Temperatur, Zeit, Zimmer. Boschs Heizung der Zukunft könnte aber von einem intelligenten System gesteuert werden, das aus den Nutzergewohnheiten der Verbraucher eigene Schlüsse zieht und so selbstständig Heizkessel und Thermostate reguliert. Die Heizung wäre also schlauer als der Nutzer selbst – und sparsamer.

Die KI der Zukunft findet dabei im Stillen statt: „Es wird Systeme geben, die alleine durch Beobachtungen und Erfahrungen lernen“, sagt Peylo. Die intelligenten Sprachassistenten wie Alexa, die sich derzeit in den Häusern verbreiten, sei für ihn deshalb eine, aber nicht die einzige Lösung.

Von der reinen Vernetzung zur künstlichen Intelligenz

Ob Rasenmäher, Waschmaschinen, Autos oder Anwendungen für die Industrie – Peylos Team soll dabei helfen, Bosch vom Zeitalter der Vernetzung in die Ära der künstlichen Intelligenz führen. Peylo ist mit dem Terrain vertraut. Bevor er zu Bosch wechselte, arbeitete er jahrelang in den Forschungslabors der Deutschen Telekom in den Bereichen künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und dem Internet der Dinge. Auch seinen Doktortitel hat er in der Sparte KI erworben. Er wird sein Rüstzeug brauchen. Bis 2027 sollen praktisch alle Bosch-Produkte über KI verfügen oder mit ihrer Hilfe entwickelt oder produziert werden. Produkte mit  künstlicher Intelligenz sollen dann zehn Prozent des Bosch-Umsatzes ausmachen – das wären geschätzt rund acht Milliarden Euro.

An drei Standorten geht es derzeit um das Thema Bosch und KI:  in Renningen, im indischen Bengaluru sowie im Silicon Valley. Die Zentrale in Renningen hat sich auf die Paradedisziplinen des Südwestens fokussiert – den Maschinen- und Automobilbau. Schon jetzt bietet Bosch für die Industrie eine Bilderkennung zur automatisierten Fehlererkennung an, das mit selbstlernenden Algorithmen funktioniert. Die Autofahrt erleichtern Einparkhilfen, Stau- und Spurassistenten. Das Bordsystem warnt vor Fußgängern, die unvermittelt die Fahrbahn betreten, und kann Straßenschilder und Gegenstände identifizieren. Das Ziel ist aber die künstliche Intelligenz beim autonomen Fahren. Nicht nur auf den deutschen Autobahnen, wo das hochautomatisierte Fahren derzeit erprobt wird: Peylos Team arbeitet an der Königsdisziplin – der sicheren Fahrt durch den komplexen Stadtverkehr.

Maschinen müssen menschliches Verhalten lernen

Dafür  müsse man den Maschinen menschliche Verhaltensweisen beibringen, betont Peylo – denn in der nonverbalen Kommunikation seien Menschen den Computern noch überlegen. So wie es beim Blickkontakt auf einer engen Straße der Fall sei, wenn die Fahrer aus zwei verschiedenen Fahrtrichtungen kämen. Außerdem müssten die Bordcomputer lernen, in anderen Kulturen und Ländern zurechtkommen. „Ein Fußgänger in Tel Aviv verhält sich anders  als in Stuttgart. Die Autos der Zukunft müssen deshalb flexibler reagieren können.“

Wann das System einsatzfähig sein wird, lasse sich noch nicht sagen. Fest steht, dass ein Computer dafür Tausende von Parametern berücksichtigen muss. Und dafür wiederum müssen die Forscher verstehen, was das System aus all dem wissen kann. „Einer unserer Arbeitsschwerpunkte ist es, exakt zu definieren,  mit welchen Daten wir Maschinen füttern und zu verstehen, wie und was sie daraus lernen“,  sagt Peylo. „Das ist eine wesentliche Voraussetzung für das automatisierte Fahren.“

Bosch und KI – das bedeutet Grundlagenarbeit für den gesamten Konzern. Deshalb sucht  Peylo für sein weltweites Team Mathematiker, die präzise verstehen, was bei den komplexen Abläufen geschieht. Und Informatiker, die das Wissen auch für die Produkte und Dienstleistungen der Zukunft anwenden können. Doch kann Bosch dabei Google, Amazon & Co. die Stirn bieten? „Es ist immer ein Wettbewerb um die besten Leute“, räumt Peylo ein. Mit den Gehältern aus dem Silicon Valley könne man oft nicht konkurrieren. „Zu uns kommen Leute, die es motiviert, dass sie ihre Forschungserkenntnisse direkt in Anwendungen umsetzen können. “

Bosch und KI: Der Hintergrund
Unternehmen werden in diesem Jahr nach Schätzungen der Marktforschung Gartner gut 4,5 Prozent mehr für IT-Produkte ausgeben als im Vorjahr. Weltweit werden sich die Ausgaben demnach auf 3,7 Billionen Dollar (3 Billionen Euro) belaufen. Ganz vorne stünden dabei Maschinen-Lernen und künstliche Intelligenz, die Blockchain-Technologie und das Internet der Dinge. Allerdings haben bisher die wenigsten Firmen künstliche Intelligenz in ihre Arbeitsabläufe und Produkte integriert.
Vor allem Investitionen in künstliche Intelligenz werden nach Schätzung von Gartner bis 2021 neue Geschäftsmodelle im Wert von 2,9 Billionen Dollar (2,4 Billionen Euro) generieren. Mit neuen Lösungen könnten effizientere Strukturen geschaffen, individuellere Kundenerfahrungen ermöglicht und neue Geschäftsmodelle generiert werden.

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