Gründerland Bayern – klotzen statt kleckern

Bayern

In der vergangenen Woche hat sich IdeenwerkBW in einem Schwerpunkt mit dem Gründerland Baden-Württemberg beschäftigt. Zeit also, einmal auf unser Nachbarbundesland im Osten  zu blicken. Hat es Bayern einfach besser? 

Leicht kann so schwer sein. Wer sich in Bayern mit einer umwerfenden Geschäftsidee selbstständig machen will, wer als kaum gestarteter Jungunternehmer durch die Decke gehen will wie eine Rakete – à la Flixbus beispielsweise –, der sieht sich umringt von einer Masse an Förder-Einrichtungen und Euro-Millionen, fürsorglich belagert von Coachs und Business-„Schutzengeln“, gehätschelt von der Industrie, von Banken, von Unis, von Papa Staat und Mama Stadtverwaltung. Im „Gründerland Bayern“ wollen einem alle alles erleichtern – mit der Folge, dass das erste Abenteuer für Startups darin besteht, sich durch den Hilfsdschungel zu schlagen. Man könnte auch sagen: Bayern hat ein Luxusproblem.
Oder: Der Freistaat reagiert auf eine überstarke Nachfrage. Säckeweise, so sagt Carsten Rudolph, flögen ihm Geschäfts­modelle ins Haus. Kein Wunder, er sitzt im Münchner Technologiezentrum ja auch an der Spitze von BayStartUp, dem nach eigenen Angaben größten deutschen Finanzierungsnetzwerk. Gemeinsam geknüpft haben es  das bayerische Wirtschaftsministerium, die staatliche LfA-Förderbank (nach dem Zweiten Weltkrieg als Starthilfe für Flüchtlinge geschaffen), dazu private Banken, Sponsoren aus der Großindustrie, führende Kanzleien von Rechtsanwälten und Steuerberatern und alle möglichen Unternehmer, die sich mit 100 Euro pro Jahr an einem Förderverein beteiligen – oder genauer: an zweien, denn das Gleichgewicht im Freistaat zwischen altbayerischem Süden und fränkischem Norden verlangt immer wieder nach feinster Austarierung.

Bayern preist seine „bestens ausgebaute Struktur“

Die breite Basis verschafft BayStartUp viel Handlungsfreiheit: „Wir gehören niemandem und sind nur unseren Mitgliedern verpflichtet“, sagt Rudolph. Aushängeschild  ist der jährliche Businessplan-Wettbewerb, an dem sich zuletzt 353 Jungunternehmen beteiligten; dazu kommen für die jährlich zu verteilenden rund 50 Millionen Euro weitere 300 Einreichungen von Startups, die ihr frisch erdachtes Businessmodell  wegen potenzieller Konkurrenz lieber nicht öffentlich präsentieren wollen. Aus einem Businessplan-Wettbewerb  ging 2010  das Münchner eGym hervor, das heute mit 300 Mitarbeitern innovative, vernetzte Sportgeräte für Fitnessstudios produziert – und jüngst für die internationale Weiterentwicklung 45 Millionen Dollar an Investitionsmitteln eingesammelt hat; eingestiegen ist  nach der bayerischen Starthilfe auch ein US-amerikanischer Fonds.
BayStartUp hilft nicht nur  beim Coachen, es bringt Gründer und  Finanziers zusammen und dient als Kontaktanbahnung zwischen etablierten Mittelständlern, die spezielle Ideen suchen, und  jungen Kreativen, die solche ausbrüten. Mit der Hilfe von BayStartUp wurden laut deren Bilanz bereits mehr als 1600 Unternehmen gegründet, mit  11 400 Mitarbeitern und  etwa einer Milliarde Euro Umsatz pro Jahr.  Von einem Hilfsdschungel will Rudolph nicht reden; er findet es effizienter, dass Bayern  die „One-stop-shop-Politik“  nicht mitmacht. Und was für Anfänger verwirrend aussieht, ist für ihn eine „bestens ausgebaute Struktur“ von nachhaltiger Begleitung und Förderung. Nicht wie in der Bundeshauptstadt, deren Startup-Szene zwar  die bessere, lautere Presse habe, wo aber  „vieles selbst organisiert ist und der Eigenverantwortung der Gründer überlassen bleibt“, so  der gebürtige Berliner Rudolph.

Die Milliardärin Susanne Klatten spielt eine wichtige Rolle

Zentren der Hightech- und Digitalisierungsgründungen sind die Industriezen­tren München und Nürnberg, wo Ideen und Kunden in nächster Nachbarschaft  sitzen. Dazu kommt als weiterer Kreativpol die Umgebung der Universität Regensburg; danach dünnt es selbst in Bayern stark aus. Dann gibt es die  Verzahnung mit den Hochschulen und deren eigenen oder privat kofinanzierten Gründerzentren: An der Technischen Universität München (TUM) engagiert sich nicht ohne Grund die BMW-Erbin und Großunternehmerin Susanne Klatten für Gründungen und Entwick­lungen in der Spitzentechnologie, weit über den Autobau hinaus. Die vier Gesellschaften des von Klatten gegründeten „UnternehmerTUM“ sollen  „Talente, Technologien, Kapital und Kunden sys­tematisch vernetzen“. Damit Studenten ihre   Ideen  erproben können, stellt ihnen das Projekt  die angeblich größte ­öffentlich zugängliche Hightech-Werkstatt Europas bereit.
Zu den Schlüsseltechnologien, die Bayern breit fördern will, gehören  auch die LifeSciences, also alles, was mit Bio- und Gentechnologie zu tun hat. Sie finden ihr Gründerzentrum  beispielsweise im Münchner Biocampus Martinsried oder im „Medical Valley“, das sich  im mittelfränkischen Erlangen angesiedelt hat.
Investment-Kapital, Spitzenforschung (Max-Planck-Institut in München) und Hightech-Großindustrie in Erlangen (die Medizin-Technik von Siemens, Healthineers genannt), kommen hier ganz eng mit der Gründer-Szene zusammen. Oder wie es beim fröhlichen Networking in München neulich ein Unternehmer zusammenfasste: „Das Tolle ist, du kannst hier auch mal mit dem Chef einer Tech-Dax-Firma oder mit einem Nobelpreisträger essen gehen.“ Auch das ist Teil bayerischer Start-up-Förderung. Und kostet am Ende nicht so viel.

Überblick: Startup-Hilfe auf Bayerisch
Laut dem Deutschen Hightech-Gründerfonds bekam  Bayern von 2012 bis 2016 bundesweit 24,5 Prozent aller Förderzusagen vor  Berlin (19,8 %), Nordrhein-Westfalen (14,3 %) und Baden-Württemberg (8,9 %). Auf die  übrigen zwölf Bundesländer entfiel  damit nur rund ein Drittel der Mittel. Dieses Jahr  (Stand 30. 9.), führt Berlin mit 26,7 % der Zusagen, gefolgt von  Baden-Württemberg  und Bayern  mit jeweils 20 %.
Für  beginnende Unternehmer  gibt es  ein Vor-Coaching mit  1500 Teilnehmern und   2,9 Millionen Euro Förderung (2015). Auch das Projekt „Flügge“ unterstützt Gründer. Es gibt spezielle  Programme für technologieorientierte Gründungen, einen Preis für kreative Biotechnologen, einen  für Digitalisierer,  dazu Wettbewerbe, Beteiligungskapital und einen  100 Millionen Euro schweren Wachstumsfonds Bayern.
Das Werk 1  der ehemaligen Münchner Pfanni-Zentrale oder das IZB im Biocampus Martinsried stellen  Büros, Internet, betriebswirtschaftliche ­Beratung sowie Präsentations-  und Austausch­möglichkeiten mit etablierten Firmen bereit.

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