Ulm: Kein Gründerort für Eigenbrötler

UlmJeder mit jedem - das gilt auch für das traditionelle "Nabada" auf der Donau am Schwörmontag im Juli; Foto: Stadt Ulm

Standortportät: In Ulm sind viele neue Projekte zum Thema Innovation und Gründen am Start, von einem „Stadtlabor“ für junge „IT-Wilde“ über eine Innovationspartnerschaft für Mittelständler bis zu neuen Hochschul-Lehrformaten.

Es gibt in Ulm gerade keinen besseren Ort, um  die Offenheit gegenüber neuen Ideen zu symbolisieren, als das graue, ehemalige Verwaltungsgebäude der örtlichen Sparkasse im Herzen der Stadt.  Noch klebt die Folie mit der knallroten Sparkassenwerbung („Gut für die Region“) neben dem Eingang. Im hinteren Teil des Erdgeschosses versprühen Ledersessel und Furnierschreibtische spießigen Charme. Doch  an die Werbewand haben die künftigen Nutzer schon andere Versprechen gepinselt („Roboter bauen“ ).  Die Schaufenster sind leergeräumt und dafür mit Plakatwänden voller Ideen bestückt – die ersten Lümmelkissen laden drinnen zur kreativen Kontemplation.
„Stadtlabor“  heißt das erst vor wenigen Tagen gestartete Projekt offiziell. Doch die Eingeweihten sagen „Verschwörhaus“, weil das Gebäude gleich um die Ecke des Platzes liegt, wo der Ulmer Oberbürgermeister am Schwörmontag seiner Bürgerschaft Treue gelobt.
Kreativität und Gründergeist fangen ganz unten an – das ist hier Programm. Kinder ab dem Grundschulalter, programmierende Jugendliche, abgebrühte Hacker und eine Vielzahl von Initiativen sollen hier ein offenes Zuhause finden und vor allem  an IT-Projekten basteln.
Im Stadtlabor geht es erst einmal nicht um Geschäftsmodelle, sondern um offene Innovation – auch wenn ein das Projekt unterstützender  Unternehmerverein es auch als Plattform zur Nachwuchsgewinnung sieht. „Ich hoffe, dass es nie allzu sehr ernst wird“, sagt hingegen die junge Medieninformatikerin Juliane Wessalowski, die das Projekt mit betreut.  „Da sind natürlich produktive Reibungsflächen angelegt“, sagt Ulrike Hudelmaier, die das Projekt als  Beispiel für den Gründerstandort vorführt. Sie leitet nicht nur das bei der Universität angesiedelte Gründer- und Technologiezentrums der Region Ulm/Neu-Ulm (TFU). Die beim lockeren Netzwerken auch von ihrer Zeit in den USA geprägte Gründer-Managerin hat Spaß daran, Menschen unterschiedlichster Coleur zusammenzubringen – und dann zu schauen, was passiert.

Ulm ist fürs Netzwerken gerade richtig – weder klein noch groß

 Der frisch amtierende, neue  Oberbürgermeister Gunter Czsisch (CDU), in seiner Freizeit Jazzmusiker,  hat beim Gemeinderat für die kreative Improvisation  im Stadtlabor nachdrücklich  geworben. „Das Schlimmste wäre doch für solch ein Projekt, wenn es in irgendwelche Schubladen gesteckt wird“, sagt Hudelmaier.
Ulm mit seinen 118000 Einwohnern, zu dessen städtischem Raum man auch das bayerische Neu-Ulm mit 53000 Menschen zählen muss, erhebt für sich nicht den Anspruch mit den großen Startup-Zentren im Land wie Stuttgart, Karlsruhe oder Rhein-Neckar zu konkurrieren. Hier muss jeder mit jedem zusammenarbeiten – für Eigenbrötlerei ist man zu klein. Anderseits ist die Stadt mit der Universität und den Universitätskliniken groß genug, um die nötige kritische Masse an kreativen Menschen zusammenzubringen.
So hat Florian Bischof  beispielsweise seine Dating-App Mingl von Ulm aus lanciert – obwohl er zuvor im viel größeren München studiert hat. Sicherlich gebe es dort eine große, gut dotierte Startup-Infrastruktur. „Da gehen sie unter den vielen Projekten aber ganz schnell unter“, sagt er. In Ulm sei man hingegen gleich wer. Trotz seines modernen, digitalen Geschäftsmodells empfand er beispielsweise die traditionelle Gründerberatung der IHK als sehr hilfreich.

Innovationspartnerschaft für Mittelständler geht neue Wege

Die Industrie- und Handelskammer sucht beim Thema Innovation neue Wege. So betreut man beispielsweise intensiv die Schülerfirmen an den Schulen  der Region. Und ganz aktuell wollen das  Transferzentrum TFU und die IHK  den  Mittelständlern der Region  mit einer „Innovationspartnerschaft“  systematisch  Ansätze aus der  Startup-Methodik beibringen. „Sie  müssen da nicht gleich jedes Unternehmen mit einem Startup verknüpfen. Es reicht auch schon, intern die Leute mal eine Weile raus aus dem Tagesgeschäft zu holen, um strukturiert neue Geschäftsmodelle zu finden“,  sagt Hudelmaier. Von zwei Tagen die Woche bis zu zwei Jahren sei da alles möglich.  Es gebe unter den Mitarbeitern der kleinen und mittleren Firmen viel Potenzial: „Eigentlich denken doch Mittelständler von Natur aus wie Startups. Ein Projekt anzuschieben und dann ganz offen zu schauen, ob es klappt, das ist ja eigentlich total mittelständisch.“ Kurze Wege, wenig Hierarchien, schnelle Entscheidungen, der permanente Drang zur Innovation seien schon heute fest verankert.     „Ein Mittelständler kann dafür aber nicht wie Bosch einen eigenen Startup Campus gründen“, sagt Hudelmaier.
Artur Nägele, der Leiter des Starter Centers der IHK, sieht das erst einmal als offenes Experiment: „Ich bin selber mal gespannt, wie dies angenommen wird“, sagt er.  In Baden-Württemberg ist dieser auf den Mittelstand fokussierte Ansatz Neuland. Doch aus Sicht von  Hudelmaier hat das vor allem aus Sicht der Unternehmen im eher ländlich geprägten Umfeld einen Charme. Bisher klinge für sie das Thema Startup-Methodik  nach Metropole. „Mit diesem Konzept merken sie: Die tun ja auch etwas für uns“, sagt Hudemaier.
Bei der Zahl der Gründungen im Verhältnis zur Einwohnerzahl liegt Ulm etwa im baden-württembergischen Durchschnitt. Doch das ist auch ein Indiz der wirtschaftlichen Stärke: Die leistungsfähigen Firmen der Region bieten etwa auch für viele Studenten nach dem Examen einen guten, festen Arbeitsplatz.  Doch das bietet andererseits auch für Startups etwa in den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie gute Chancen.  An der Hochschule baut beispielsweise das Startup Manus an einer Unterstützungsprothese, die Patienten mit eingeschränkter Funktion der Hände helfen soll. Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Gründungen zum ersten Mal nach einigen Jahren wieder nach oben.  „Wir haben hier eine gute Gründer-Infrastruktur. Sie finden hier alles, was sie an Beratung und Unterstützung brauchen. Da ist die Zusammenarbeit nahtlos,“ sagt Nägele.

Das Startup-Training an der Hochschule ist nicht nur Theorie

Auch an der Hochschule ist einiges in Bewegung. Der  Wirtschaftswissenschaftler Daniel Schallmo, der neu zur Fakultät gestoßen ist,  will  auch ohne einen speziellen Lehrstuhl für Unternehmertum  die Gründer-Thematik seinen Studenten der Wirtschaftswissenschaft ganz praktisch  vermitteln. „Es geht darum den Gründergeist zu fördern und zu zeigen, dass das auch Spaß macht“, sagt er.  Das müsse früh ins Studium eingebaut werden – bevor der Examensstress die Oberhand gewinne.
Nach dem Ende seines Seminars sollen die Studenten eine realistische Geschäftsidee präsentieren können – noch nicht mit dem gnadenlosen Zeitdruck eines so genannten Startup-Pitches, als Seminarreferat.
Testweise haben  die Studierenden ihre Ideen auch schon einmal auf dem Crowdfunding-Portal Kickstarter platziert. Die Idee eines ökologischen Supermarktes, bei dem man konsequent auf Verpackungen verzichtet, fand binnen weniger Tage willige Anleger, die dafür gleich 1800 Euro locker gemacht hätten.  50 Euro schmiss der Professor persönlich in den Topf: „Mich hat sogar ein Student ganz erschrocken gefragt: Was ist, wenn das Geld tatsächlich kommt?“
Entscheidend sei es, die Berührungsängste bei dem Thema zu nehmen: „Dafür müssen wir nicht gleich Silicon Valley werden.“  Dass die Studenten zum Abheben bereit sind, zeigte eines der Projekte: Essenslieferung per Drohne. Ein kleines Plastikmodell bastelten die Studenten gleich mit.

Raum für neue Geschäftsmodelle – und mehr Vernetzung

Aus Ulm heraus erfolgreich ist auch Anne Ammann die ursprünglich als Werbedesignerin gelehrt hat. Sie hat  vor einem Entwurf aber immer auch ganz gründlich nach dem Wesenskern der Firma gefragt. Und das hat ganz oft ganz neue Perspektiven darauf eröffnet, wofür ein Unternehmen eigentlich steht und was es besser kann als andere. Unternehmens-Profiling nennt sie inzwischen ihre Art und Weise, mit dem Blick von außen ganz grundsätzliche Fragen zu stellen:  „Ich war es gewohnt, Texte auf den Punkt zu bringen – und den Kunden die Frage zu stellen, wofür stehst du eigentlich? Jeder der Gründet, ja auch jeder Mittelständler hat einen Grund, warum es ihn gibt.“  Sie bietet das nun als innovative Unrernehmensberatung an:  Wofür steht die Firma, wofür steht das Produkt, was ist wirklich der Bezug zum Kunden, was ist in all dem innovativ?  „Jedes Unternehmen hat eine Persönlichkeit.“ Und erst ein solcher offener Blick, eröffne den Weg zu neuen Geschäftsmodellen, sagt Ammann.
Dass der Standort Ulm in Bewegung ist zeigt die Tatsache, dass er nach Meinung von Arne Sandberg reif ist für ein eigenes Startup-Portal im Internet, in dem die zahlreichen Events und Initiativen in der Region gebündelt werden sollen.  Als Juniorpartner in der Steuerberaterpraxis seines Vaters hat er gemerkt, dass es in Ulm einen wachsenden Orientierungsbedarf zu diesem Thema gibt.  Er selbst hat bereits mit einem Marktplatz für Daten experimentiert, bei dem man etwa das nötige Datenpaket abrufen kann, um einen bestimmten Gegenstand  im  3D-Drucker herzustellen.
„Es gibt bisher keinen Verein wie Startup-Stuttgart. Das ist alles dezentral organisiert“, sagt er:  „Es geht erst mal daraum herauszufinden, wer denn was macht.“  Zunächst gehe es um den reinen Informationsaustausch: „Einen eigenen Verein brauchen wir in Ulm wohl erst mal nicht.“ International sei man aber schon heute, sagt er ironisch: „Wir denken hier grenzübergreifend, denn das bayerische Neu-Ulm ist immer dabei.“

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