Die SXSW in Austin: Startup-Szene „on Steroids“

SXSWDas "German Haus" buhlt auf der SXSW unter einer Vielzahl von Angeboten um Aufmerksamkeit. Foto: Brückner

Zehn baden-württembergische Startups sind –  wie berichtet – auf dem Digitalfestival SXSW in Austin. Einer der Teilnehmer, Tom Brückner vom Karlsruher Sharing-Portal  Guzz, berichtet in einem Gastbeitrag über seine Eindrücke.

Seit Freitag sind wir nun Teil des weltgrößten Festivals für Musik, Film und interaktive Medien, der SXSW 2017 in Austin TX. Wir, das sind zehn Startups aus Baden-Württemberg, die auf Einladung von Baden-Württemberg International, Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg und Popbüro Region Stuttgart den deutschen Südwesten im German Haus vertreten.
Wenn es irgendwo auf der Welt einen Ort gibt, an dem einem die volle Wucht und Dynamik der globalen Kreativszene quasi an jeder Straßenecke entgegenspringt, dann diesen. Und das ist durchaus wörtlich gemeint: Um bei zehntausenden Festivalteilnehmern und unzähligen Startups überhaupt aus der Masse herausragen zu können, ist Guerilla-Marketing gefragt.

Auf der SXSW tummeln sich Marketing-Guerilleros

Die Stadt unterstützt dies, indem jede Straßenlaterne, jeder Sicherungskasten und jeder Parkautomat – kurz, alles, was es sich irgendwie zu bekleben lohnt – mit einer dicken Schicht Klarsichtfolie abgedeckt wird, damit sich Marketing-Guerilleros nach Belieben austoben dürfen. Nur wer regelmäßig mit neuen Postern, Stickern  und Ducktape im Gepäck den Kampf um die oberste Schicht aufnimmt, gewinnt das gewünschte Quäntchen Aufmerksamkeit.
Und wer noch etwas mehr Marketingbudget übrig hat, lässt Pinguine, Krokodile, halbnackte Tänzer oder Menschen mit Umzugskartons auf dem Kopf durch die Straßen ziehen. Und das lohnt sich: Hier bekamen Twitter und Foursquare den erforderlichen Auftrieb, und auch Gowalla und Meerkat erlebten ihren Durchbruch auf der SXSW.
Doch was ist diese SXSW eigentlich? Am besten lässt sie sich wohl als Happening der Kreativbranche beschreiben. Hier sind beileibe nicht nur Startups vertreten, mindestens ebenso prominent sind die Musik- und die Filmbranche, mit der das Festival ursprünglich begann.
Die komplette Innenstadt wird für die Dauer der Veranstaltung abgesperrt, und Nachts wird der Großraum um die 6th Street zur durchgehenden Partymeile, mit Livemusik in unzähligen Pubs und Straßendichtern, die für wenige Dollar auf einer altertümlichen Schreibmaschine Auftragsgedichte zu vorgegebenen Themen anfertigen. Nicht zu vergessen, die zahllosen kleinen und großen Lichtspielhäuser, in denen die Cineasten auf ihre Kosten kommen.

Schmelztiegel der kreativen Ideen

Dieser Schmelztiegel der kreativen Ideen gebiert die interessantesten Mashups. So wurde im Rahmen eines Panels zur Erfolgsserie „Game of Thrones“ bekannt gegeben, dass das musikalische Ausnahmetalent Ed Sheeran in der nächsten Staffel mit von der Partie sein wird. Sein trockener Kommentar auf Twitter dazu: „Nun ist die Katze wohl aus dem Sack.“
Gleichzeitig ist die SXSW ein Kongress der Superlative, auf dem Neuerungen und Trends aus allen drei Branchen vorgestellt und heftigst diskutiert werden. (Genauer gesagt sind es sogar vier: unmittelbar vor dem eigentlichen Festival findet noch die SXSW Edu statt, auf der es um Bildungsthemen geht).
Als Startup aus dem beschaulichen Baden-Württemberg wird man von der Fülle der Eindrucke förmlich erschlagen. Schon beim Scrollen durch das Programm der Festival-App bekommt man wunde Finger. Zum Glück ist man als Startup schnelle Entscheidungen gewohnt, denn die Qual der Wahl ist groß.  Und auch in den Sessions sind die Themen höchst interdisziplinär geprägt. So haben wir unter anderem ein Panel besucht, in dem es darum ging, eine Lese-Schreibe-Schnittstelle zum menschlichen Gehirn zu schaffen – einschließlich der gesellschaftlichen und ethischen Auswirkungen derartiger Cyborg-Entwicklungen.

Die Pornobranche gibt sich als Pionier

In einer anderen Session erläuterte ein Vertreter der Pornobranche anhand überzeugender Beispiele, wie sein Industriezweig die Pionierentwicklungen des Internet in den vergangenen Jahrzehnten ganz entscheidend mitgeprägt hat. Da an seinem Beitrag einige C-Levels aktiv mitgewirkt hatten, war er gespickt mit beindruckenden Zahlen und Fakten. Hätten Sie beispielsweise gewusst, dass bei vielen der Marktführer Frauen im Top-Management sitzen? In einem Fall ist sogar die komplette Führungsriege weiblich.
Mindestens ebenso beeindruckend wie die Sessions ist das Potenzial für Networking, denn vom Musikproduzenten bis zum Großinvestor ist eine bunte Mischung hochkarätiger Ansprechpartner auf den Straßen unterwegs. Dazu Natascha von Grammofy : „Wie sind total beeindruckt von der Vielfalt der Menschen, die aus Music-, Tech- und Filmszene zur SXSW kommen. Es wird an Ideen gefeilt, man spricht über Herausforderungen und Probleme und träumt von der Zukunft. Wenn man die Tage Revue passieren lässt, wird einem erst richtig bewusst, was man alles gesehen, gehört und erlebt hat.“
Natürlich gehört eine Menge Glück dazu, in der Masse der Teilnehmer zufällig auf die richtigen Leute zu treffen. „Dafür kann man sie sehr leicht ansprechen, denn jeder ist in Partylaune“, wie Christophe von Favotec  festgestellt hat.  Iris von Mapmind ergänzt: „Das Networking fühlt sich in der Tat an wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, dafür sind alle Teilnehmer so unglaublich offen und kommunikativ, möchten wissen, was man macht, und geben wertvolle Tipps, wie man weiterkommen kann. Ganz besonders spannend finde ich, dass sich hier nicht nur die amerikanische, sondern die weltweite Startupszene ein Stelldichein gibt. Man erhält einen guten Eindruck davon, wohin die Reise insgesamt geht.“

Die App als Netzwerk-Generator

Unterstützt wird das Networking unter anderem durch eine Kontaktfunktion in der Festival-App. Sucht man dort nach Investoren, sieht man anhand der von jedem Teilnehmer als Tags hinterlegten Interessensgebiete auch sehr schön, welche Themen in der Finanzbranche derzeit besonders gefragt sind. Ganz oben rangieren Artificial Intelligence, Bots und Virtual / Augmented Reality; kaum ein Investor, der diese Themen nicht in seinem Profil hinterlegt hat. Und auch Wearable Tech ist gut vertreten.
Am Mittwoch ist der Interactive-Teil der SXSW offiziell zu Ende gegangen. Wir von guzz.io haben noch einen weiteren Tag dran hängen, um am SXSW-Hackathon teilzunehmen.
Dieses Eintauchen in die globale Hackerszene der „Besten der Besten“ möchten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Pushing the boundaries of existing tech across entertainment media“. Die Jury setzt sich aus Vertretern von Techcrunch, Andreessen Horowitz, 500 Startups und anderen Hochkarätern zusammen, gewissermaßen die Bel Etage der Digitalbranche. Begleitet wird das Event von Mentoren wie dem Producer von will.i.am, dem Drummer von M.I.A und der Filmproduzentin der Tragedy Girls. Langweilig ist anders.

Wer noch mehr Eindrücke von der SXSW erleben oder sich selbst für die Delegationsreise im nächsten Jahr bewerben möchte, besucht den SXSW-Report am 25. April 2017 in den Code_n-Spaces in Stuttgart. Dort stellen alle beteiligten Startups ihre Erlebnisse noch einmal ganz persönlich vor.

 

Über den Autor

BrücknerTom Brückner hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) Computerwissenschaften studiert. 1998 gründete er seine erste Firma, die soziale Netzwerke auf den Markt für Firmenkunden Kunden bringen sollte – eine Idee, deren Zeit aber damals noch nicht gekommen war. Danach war Brückner einer der Treiber hinter tt-s.com, dem heutige Marktführer für auf Unternehmen zugeschnittene E-Learning-Software und Leistungsunterstützung. Nachdem er hier für einige Jahre der Technikchef war, gründete er Guzz,  eine Plattform, auf der sich Menschen live per Videochat in praktischen Fragen unterstützen – dann, wenn YouTube nicht mehr weiterhilft. Mehr zu Guzz  auf IdeenwerkBW.

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