„Rems Valley“: Tradition trifft auf Gründergeist

Rems Valley: Tradition trifft auf GründergeistJuergen Maurer und Uwe Kleinert sind die Geschäftsführer der KLUMA GmbH.

Wer macht sich schon selbstständig,  wenn Weltmarkt-Führer mit attraktiven Verträgen winken? Wer in diesen Zeiten trotzdem gründet, hat eine Passion. Im Rems-Murr-Kreis oder „Rems Valley“ treffen Tradition und Gründergeist aufeinander.

Der heilige Nikolaus schaut etwas fragend in den Raum. Die Ikone, die in Griechenland als Schutzpatron der Seefahrer gilt, wacht von dort oben über Niko Pitoulis und dessen neues Geschäft Pitoulis Food Gourmet in Fellbach. Von seiner spiegelblanken Fleischtheke aus, in der eingeschweißte Würste aus Griechenland akkurat einsortiert liegen, schaut der Jungunternehmer immer wieder ehrfürchtig zu dem Bildnis hinauf. „Es ist etwas in seinem Blick, das mich antreibt“, sagt der 38 Jahre alte Grieche. Pitoulis ist ein Existenzgründer aus Leidenschaft, einer, der in See gestochen ist, getrieben von einer Idee. Der Medienfachmann aus Welzheim hätte auch in der PR-Branche ein ruhiges Dasein im Angestelltenverhältnis fristen können.
Doch als er vor zwei Jahren in seiner griechischen Heimat im Urlaub seiner heutigen Freundin in einer Metzgerei begegnete, klickte es gleich mehrfach. Er verliebte sich nicht nur in sie, sondern auch in das Metier ihrer Familie: Der Vater stellt Würste aus regionalen Zutaten nach einer traditionellen Rezeptur her, er führte Pitoulis in die Kunst der Wurstherstellung ein.
Der Urlaub wurde um einige Monate verlängert. Zurück kam Pitoulis mit der Frau und der Geschäftsidee seines Lebens. „Diesen Geschmack findet man in Deutschland nicht“, sagt er und reicht eine hauchdünne Scheibe Pastourmas, luftgetrockneten Kalbsschinken, über die Theke.

Wohlstand dämpft im „Rems Valley“ den Gründergeist

Mit ambitionierten Unternehmern wie Pitoulis arbeitet Oliver Kettner am liebsten zusammen. Es gebe auch die anderen, sagt der Jurist, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Waiblingen täglich Existenzgründer berät. „Viele machen sich aus Not heraus selbstständig“, erzählt er. Diese Leute brächten allerdings häufig unausgegorene Geschäftsideen mit, denen das „Alleinstellungsmerkmal“ fehle, wie Kettner sagt. Oft reiche auch die finanzielle Basis nicht, um anfängliche Durststrecken zu überwinden. „Es kommt auch schon vor, dass ich von meinen Kunden nach einer guten Idee gefragt werde.“ Zurzeit hält sich der Anteil der Verzweifelten allerdings in Grenzen.
Der deutschen Wirtschaft geht es gut, was zur Folge hat, dass die Zahl der Existenzgründungen sinkt – sie ist im Großraum Stuttgart in fünf Jahren um 11,5 Prozent zurückgegangen, im Rems-Murr-Kreis sank sie im selben Zeitraum sogar um knapp 15 Prozent auf 3700 Gewerbe-Neuanmeldungen pro Jahr. „Vor allem an starken Wirtschaftsstandorten wie der Region Stuttgart halten große Firmen jungen Fachkräften direkt nach der Ausbildung einen attraktiven Vertrag unter die Nase“, beobachtet Oliver Kettner. „Der Gedanke, sich selbstständig zu machen, kommt da gar nicht auf.“
Dass der Rückgang im „Rems Valley“ besonders drastisch ausfällt, erklärt sich Kettner mit der vergleichsweise niedrigen Arbeitslosenquote im Kreis von derzeit 3,6 Prozent. In der Landeshauptstadt liegt die Quote momentan bei fünf Prozent. Franz Falk von der Handwerkskammer Region Stuttgart hält auch die Lebenseinstellung der so genannten „Generation Y“ für ein Hindernis – ihr wird nachgesagt, sie strebe eine Balance aus Beruf, Familie und Freizeit an. „Wer sich allerdings mit einer neuen Firma im Wettbewerb behaupten will, muss zunächst alles geben“, sagt der Gründerberater Falk. Das schrecke viele ab.

 Lokale Institutionen setzen Anreize

Umso mehr Energie verwenden Einrichtungen wie die IHK, die Handwerkskammer Region Stuttgart und die Waiblinger Kreissparkasse darauf, Anreize für Existenzgründer zu setzen, weiß man doch um ihren hohen volkswirtschaftlichen Nutzen. Die Kammern beraten nicht nur kostenlos, sie bieten auch Infoabende und Seminare an, wo sie wertvolle Tipps geben. Zwei Mal im Jahr lädt die IHK in Waiblingen zum so genannten Feuerstarter ein, wo sich angehende Gründer mit bereits aktiven bei Gegrilltem vernetzen können.
Zudem veranstaltet sie sechs Mal im Jahr einen Business-Brunch, der begleitet wird von Referaten von Finanz- und Steuerexperten. Außerdem lobt die Kreissparkasse gemeinsam mit der Fellbacher Zeitung jährlich einen Gründerpreis aus, der mit 10 000 Euro plus einem professionellen Coaching dotiert ist und den Gewinnern vor allem Renommee im Kreis verschafft. Tim Koschler, der jedes Jahr für die Bank die Bewerbungen prüft, sieht dem statistischen Zahlenwerk zum Trotz „eine quirlige und kreative Gründerszene“ im Kreis. Dabei handle es sich meist um heimatverbundene Remstäler, die sich beruflich verwirklichen wollten, „Frauen wie Männer, rüstige Rentner wie Schulabgänger“.
Besondere Branchenschwerpunkte gebe es nicht. „Wir haben im Landkreis auch keinen Hochschulstandort mit technischer Ausrichtung, um den sich Ausgründungen gruppieren könnten“, erklärt er. Dafür tauchten originelle Ideen querbeet durch die Branchen auf, von der Optikerin in Winnenden, die „faire“ Brillen aus nachhaltigen Rohstoffen anbietet, über einen Erfinder aus Althütte, der sich eine Brezelschmiermaschine hat patentieren lassen, bis hin zum Wengerter aus Schwaikheim, der Gin aus Weinbergkräutern herstellt.

„Rems Valley“: Gründen mit regionalem Know-How

Auffällig sei, dass selbst im Bereich Maschinenbau, in dem Branchenriesen wie Stihl und Bosch sowie ein starker Mittelstand das Sagen haben, einige Existenzgründer ihr Glück versuchten. „Wer sich da hineinwagt, ist allerdings kein Greenhorn mehr“, stellt Koschler fest. Zu diesen Waghalsigen gehören Jürgen Maurer und Uwe Kleinert, die beide aus Beutelspach stammen und einst schon im selben Fußballverein gekickt haben. Beide – schon etwas über 50 und in ihrem früheren Berufsleben in festen Arbeitsverhältnissen – hatten den Drang, vor dem Ruhestand noch mal etwas eigenes auf die Beine zu stellen. Auf einem Weinfest in Beutelspach vor acht Jahren war es dann soweit: „Jetzt oder nie“, lautete die gemeinsame Erkenntnis bei einem Gläschen Trollinger. Ein Jahr später schraubten sie dann ihr Firmenschild „Kluma“ direkt neben den Eingang des Postgebäudes in Winterbach. In einem Nebenraum der Filiale hauchten sie ihrer neuen Firma Leben ein, die auf Sondermaschinen im Bereich Prüftechnik spezialisiert ist.
Sie kamen natürlich nicht mit leeren Händen. Beide bringen jahrelange Berufserfahrung im Bereich Sondermaschinenbau mit, Kleinert als gestandener Programmierer, Maurer als Vertriebschef bei einem Prüftechnikhersteller. Sie wussten genau, wie der Markt funktioniert, worauf es ankommt – und wo sie ihre Nische finden würden. „Als kleines Startup können wir flexibel und schnell auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen und diesen günstige Angebote machen“, sagt Maurer. „Zumal uns der Wasserkopf fehlt, der woanders mächtige Kosten verursacht.“ Als Starthilfe diente die übergelaufene Murr, die bei der Firma Murrplastik die Produktionshallen unter Wasser gesetzt hatte.
Als die beiden frisch gebackenen Gründer mit keinerlei Referenz in der Tasche dem Unternehmen sagten, sie könnten sofort anfangen und sich auch bei Servicefragen zeitlich komplett nach ihr richten, hatten sie ihren ersten Großauftrag in der Tasche. Mittlerweile gesellen sich zu den Kundenreferenzen große Firmen wie Mahle, Eberspächer und Daimler. Kluma beschäftigt heute neun Mitarbeiter, vier Teilzeitkräfte und mehrere externe Dienstleister.
Das Büro ist zu einem langen Schlauch an Räumen angeschwollen, der sich bis ans hintere Ende des Postgebäudes zieht. Ein neuer Standort steht auch schon fest – im „Rems Valley“, versteht sich.

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