Guzz hilft mit Rat und Tat per Videochat

GuzzDie Homepage von Guzz ist wie die ganze App schlicht, aber möglichst ansprechend gestaltet. Screenshot: IdeenwerkBW

Das Karlsruher Startup Guzz will der „Sharing Economy“ neues Leben einhauchen. Mithilfe einer App sollen Amateurexperten  eine Live-Beratung per Video anbieten – sie reicht von der Waschmaschinenreparatur bis zum Musik-Tutorial.

Ökonomie des Teilens („Sharing Economy“) – der Modebegriff ist angesichts von aggressiv profitorientierten Unternehmen wie dem Fahrtendienstleister Uber oder dem Zimmeranbieter Airbnb etwas in Verruf geraten. Doch das Karlsruher Startup Guzz will den Kerngedanken neu zu beleben. Die Geschichte der App begann, als der Softwareentwickler Tom Brückner an einem Wochenende vor einer kaputten Waschmaschine stand und er sich im Internet nach Reparaturanleitungen umsah. Doch das Lehrvideo auf Youtube war wenig hilfreich: Brückner bestellte das falsche Ersatzteil. Nach einer Woche war die Maschine immer noch kaputt. „Warum gibt es keine App, wo ich jemand direkt übers Smartphone kontaktieren kann, der mir live die richtigen Tipps gibt?“, fragte er sich. Alltagsprobleme, wo man einen smarten und fachkundigen Helfer gebrauchen könne, gebe es doch genug.
Er selbst hatte als Hobbymusiker mithilfe von Youtube-Videos E-Gitarre gelernt. Doch diese Videos haben einen Nachteil: sie sind eine Einbahnstraße, eine Interaktion ist nicht möglich. „Komplexe Fragestellungen brauchen die Unterstützung durch echte Menschen“, sagt Brückner. Er wollte aber nicht  ein weiteres, der inzwischen vielfältigen Vermittlungsportale lancieren, über die man beispielsweise einen Handwerker ins Haus bestellen kann: „Das funktioniert vielleicht in einer Großstadt, aber auf dem flachen Land kommt so schnell niemand.“

Guzz bietet einen nutzerfreundlichen Live-Kanal

Und so kombiniert die zusammen mit seiner 17-jährigen Tochter Kiara entwickelte App nun Lehrvideo und Chat-Kontakt. Man kann auf Guzz sowohl eine Anfrage wegen eines aktuellen Problems stellen als auch die eigenen Dienste anbieten. Wenn sich Bieter und Kunde finden, werden beide live  miteinander verbunden.
Das von Guzz entwickelte Programm ist grafisch schlicht. Alle Funktionen sind integriert: Man kann per Video  etwas im Raum zeigen oder virtuelle Skizzen mit dem Gegenüber teilen. Brückner sucht eine Nische,  in der sich nicht kommerzielle Anbieter, sondern Semi-Profis tummeln –  etwa der Teenager, der sich mit Computern auskennt und für ein Taschengeld dabei hilft, den Computerabsturz zu beheben. Wie im ursprünglichen Konzept der Sharing Economy geht es um eine Balance zwischen Idealismus und Kommerz.  Auf seinem Portal sollen Experten nicht dilettieren, ein ideeller Aspekt soll aber erhalten bleiben.  Prinzipiell soll es viele Dienstleistungen gratis geben. „Ich wollte die Schwelle für die Nachfrage möglichst niedrig setzen“, sagt Brückner:  „Ich habe aber den Altruismus der Menschen sogar unterschätzt“. Im persönlichen Livedialog liege doch eine gewisse Anziehungskraft. Dennoch bleibt die  Problematik des „Teilens“: Wenn Semi-Profis auf dem Markt kommen, drücken sie womöglich für echte Profis die Preise. Oder die Sache kommerzialisiert sich und wird – wie bei Uber – zum reinen Geschäft. Brückner will deshalb den Gemeinschaftsgedanken so gut wie möglich fördern.

 Online-Spiele als Vorbild

Sein Motivationssystem hat sich der begeisterte Computerspieler aus der  Welt der Onlinespiele abgeschaut, wo es ausgetüftelte Systeme zur gegenseitigen Bewertung der Nutzer gibt, welche die im Internet übliche Noteninflation  vermeiden. Man kann sich gegenseitig „Karma-Punkte“, Abzeichen und Edelsteine  schenken  oder mithilfe einer Anzeige ablesen, wie engagiert jemand auf dem Portal ist. „Es geht hier um Glaubwürdigkeit innerhalb einer Gemeinschaft,“ sagt Brückner.
Über das Portal kann man  am Ende freiwillige Trinkgelder transferieren. Und  wer von anderen Besuchern positiv  bewertet wurde, der kann auch Vorkasse vereinbaren. Potenziell könnten so dann auch professionelle Handwerker angesprochen werden, die ohne lange Anfahrt per Video ein Problem erst einmal begutachten.
Hier liegt  auch das Geschäftsmodell: Das Portal kassiert hier eine Provision, tritt aber nur als Vermittler und nicht als Vertragspartner auf. Aus Haftungsgründen sind elektrische Reparaturen ausgeschlossen. Auch Steuerberatung, Rechtsberatung und ärztliche Ratschläge sind tabu. Innovationspreise wie  den ersten Platz beim  regionalen Gründerwettbewerb „Best Brains“ hat Guzz schon eingeheimst. Aber Brückner steht vor dem Grundsatzproblem aller sozialen Internetportale:  Er muss durch das anfängliche Tal bei der  Reichweite hindurch. Bisher bieten auf dem Portal 200 Experten ihre Dienste für 400 unterschiedliche Themen. Zum Thema Computer gibt es beispielsweise etwa 15 Experten – bisher noch alle kostenlos. Doch Brückner räumt ein, dass er bei den Nutzerzahlen den Durchbruch noch nicht geschafft habe.  Um die Reichweite zu steigern, und für Marketing, Werbung und PR braucht es Kapital: „Man braucht einen langen Atem und lange Zeit, bis so etwas hochgezogen ist.“

Hoffnung auf eine Startup-Messe in Texas

In den USA ist dies mit einigen „Sharing“-Portalen bereits gelungen. Guzz wird deshalb auch ein baden-württembergisches Aushängeschild auf dem vom 10. bis 19. März in Austin, Texas, laufenden Kreativ- und Internetkongress South by Southwest. Unterstützt von der Wirtschaftsinitiative Baden-Württemberg International (Bw-i) sollen hier Startups Kontakte auf dem amerikanischen Markt knüpfen können, wo der Glaube an das Potenzial von solchen Plattformen  generell größer ist. „Ich merke schon, dass die Amerikaner voll darauf anspringen,“ sagt Brückner, der aus den USA auch schon Nutzer hat. Er hat inzwischen Kontakt zu einem Startup-Experten aus  Austin, der ihn in der   dortigen Szene herumreichen will. „Ich hoffe, dass ich dort jemanden dafür begeistern kann, die Sache dort zu starten.“ Wo ein Experte auf der Welt sitzt, ist nämlich auf der Vermittlungsplattform prinzipiell egal, solange die Sprache kein Hindernis ist. Es gebe auf dem Portal jetzt schon Experten, welche die Zeitverschiebung nutzen.  „Amerikanische Musiklehrer haben morgens Zeit, weil ihre Schüler dort in der Schule sind“.

Noch mehr Innovationen...

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