Baden-Württemberg holt als Gründerland auf

Gründerland Baden-Württemberg

Schwerpunkt Gründerland  Baden-Württemberg (1): Der Südwesten  hat beim Thema Startups und Jungunternehmen einigen Nachholbedarf –  vor allem bei der Außenwirkung. Doch das Potenzial ist  groß und die Aufholjagd hat begonnen.

Gründerland Baden-Württemberg? Wer die nüchternen Zahlen des Statistischen Landesamtes liest, könnte da Zweifel bekommen.  Im Vergleich des ersten Halbjahres 2015 mit der ersten Jahreshälfte 2016 lagen die Neugründungen um vier Prozent im Minus. Die Gründungen mit xxxx_wize-neugruendungen-page-001wirtschaftlicher Substanz gingen sogar um 6,2 Prozent zurück.
Ähnliches gilt auch für den längerfristigen Vergleich. Vor knapp zehn Jahren noch gab es im Land 16 Gründungen je 10 000 Einwohner, im vergangenen Jahr waren es noch 14. Seit vielen Jahren liegt Baden-Württemberg hier unter dem Bundesdurchschnitt,  auch hinter den Nachbarn Hessen und Bayern. Der Vergleich mit diesen wirtschaftsstarken Ländern relativiert ein zur Rechtfertigung des Südwestens immer wieder vorgebrachtes Argument, wonach der solide Arbeitsmarkt gut dotierte Arbeitnehmer vom Gründen abschrecke. Aber das Bild hat auch positive Facetten: Angesichts des zitierten Halbjahresvergleichs wies beispielsweise die für die Gründerförderung des Landes zuständige L-Bank darauf hin, dass im selben Zeitraum die eigene Gründerförderung um 12,4 Prozent zugelegt habe.

Die Zahl der Gründungen sinkt – doch die Qualität steigt

Auch der vom Bundesverband Deutsche Start-ups alljährlich vorgelegte Deutsche Startup Monitor glänzte mit guten Zahlen für Baden-Württemberg. So stieg binnen eines Jahres der Anteil der aus Baden-Württemberg teilnehmenden Startups von 9,9 auf 12,4 Prozent. Ein wachsender Anteil an Finanzierungen durch externe Investoren, darunter der höchste Anteil an ausländischen Finanziers,  höher noch als in Berlin, ergänzten das insgesamt positive Bild. Die Region Karlsruhe/Stuttgart kam laut der – aber wegen des Stichprobencharakters mit Abstrichen zu interpretierenden – Momentaufnahme hinter Berlin und Rhein/Ruhr in Deutschland auf Platz drei.
Wie passt dies zusammen? Gründung ist nicht gleich Gründung. In der allgemeinen Statistik hat sowohl der Friseursalon und die Gaststätte als auch das Hightech-Unternehmen seinen Platz. Der Begriff Start-up ist enger gefasst: Hier geht es um Firmen mit innovativen Ideen und einem hohen Wachstumspotenzial – ihnen gilt deshalb  verstärkte Aufmerksamkeit.

Startups für kommerzielle Kunden haben weniger Außenwirkung

Ein Problem für die Außenwirkung von Baden-Württemberg ist die Tatsache, dass sich viele hiesige Gründer auf Geschäftskunden konzentrieren, den sogenannten B2B-Bereich. Das sind oft hochspezialisierte, etwa auf das vielfältige produzierende Gewerbe im Land zugeschnittene, Startups, die  unter dem Radarschirm bleiben.
Baden-Württemberg hat im Gegensatz zu den Stadtstaaten oder dem stärker zen­tralistischen Bayern mit München kein Zentrum, das die Gründerlandschaft dominiert. Karlsruhe, Mannheim/Heidelberg oder Stuttgart führen ein  Eigenleben. Auch was die Förderung von Gründern und Start-ups angeht, ist Baden-Württemberg von einer großen Vielfalt geprägt. Zahlreiche staatliche, private oder in staatlich-privater Partnerschaft organisierte Institutionen und Initiativen engagieren sich bei der Gründerförderung. Kaum jemand beklagt deshalb, dass es insgesamt an Mitteln fehlt. Das Problem ist eher, dass diese Förderlandschaft unübersichtlich ist.

Das Gründerland braucht mehr private Investoren

Was bisher ebenfalls fehlt, ist ein öffentlich sichtbarer Pool an potenten  privaten Investoren. Auch hier gibt es aber bereits regionale Initiativen wie den Zukunftsfonds Heilbronn, der bei Startups einsteigt. Gründer im Land kommen insbesondere in der Anfangsphase vergleichsweise gut an das nötige Geld. Doch wer ein wirklich großes Rad drehen will, stößt an Grenzen, weil die Investoren mit den ganz tiefen Taschen und den großen Visionen fehlen und es auch nicht wie in Bayern einen hochdotierten Landesfonds gibt.
Viele Gründer  haben  zudem eher den Ehrgeiz, ein solides mittelständisches Unternehmen zu etablieren als einen globalen Konzern. Seit der Gründung des heutigen IT-Riesen SAP in den siebziger Jahren hat es aus Baden-Württemberg keine wirklich globale Erfolgsstory mehr gegeben – auch wenn es  Start-ups gibt, die in jüngster Zeit mit mehr als einer Milliarde Euro beziehungsweise Dollar bewertet wurden. Dazu gehört beispielsweise die Göppinger Firma Teamviewer, die eine erfolgreiche Software zur Teamzusammenarbeit entwickelt hat, oder das Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac, das durch den Einstieg des Microsoft-Gründers Bill Gates Schlagzeilen machte.

Das Rezept fürs Land: Startups gekoppelt mit Etablierten

Das entscheidende Potenzial für das Gründerland Baden-Württemberg liegt aber in einer Symbiose von Start-ups mit den etablierten Firmen im Südwesten. Eine derartige Vielfalt an potenziellen Partnern und Kunden gibt es insbesondere für Technologiegründungen kaum anderswo in Europa. Diese Firmen lockten   mit verlässlichem Gehalt und Urlaubsanspruch – was manchen potenziellen Gründer lieber als Angestellten Unterschlupf finden ließ. Doch immer mehr  Firmen  haben begriffen, dass sie die rasanten Innovationen der kommenden Jahre – Stichworte Digitalisierung, Indus­trie 4.0, automatisiertes Fahren – nur durch einen engeren Kontakt mit Gründern meistern können.
Neben den großen Konzernen wie Bosch, Daimler oder EnBW entdecken  immer mehr Firmen das  Thema Start-ups für sich. Allein in diesem Jahr haben etwa drei Traditionsunternehmen – Mahle, Trumpf und ZF – angekündigt, dass sie hier investieren wollen.  Einerseits sucht man Anlagemöglichkeiten, andererseits geht es um den Kontakt mit innovativen Ideen.

Immer mehr Firmen lassen sich inspirieren

Immer mehr etablierte Firmen wollen mit Start-ups kooperieren oder sich von deren  Denkweise inspirieren lassen. Das Energieunternehmen EnBW hat einen eigenen Startup-Campus errichtet. Der Autokonzern Daimler hat beispielsweise in Kooperation mit der Universität Stuttgart seine sogenannte Startup-Autobahn ins Leben gerufen, bei der in Stuttgart ausgewählte internationale Startups für eine Expansion ihres Geschäfts fit gemacht werden. Firmen wie der Banken- und Versicherungskonzern W&W suchen mithilfe von Startup-Beratern wie der Münchner Firma Etventure nach neuen Wegen zur Innovation. Der  mittelständische IT-Dienst­leister GFT, der schon lange auf eine enge ­Ver­bindung zur Startup-Welt setzt, hat  durch ein Innovationsfestival in Karlsruhe eine Bühne für Gründer etabliert. Die Dinge sind also in Bewegung – die Früchte wird das Gründerland aber erst in einigen Jahren ernten.

3 Gedanken zu “Baden-Württemberg holt als Gründerland auf”

  1. Das CODE_n New.new Festival in Karlsruhe ist nun drei Monate her. Inhaltlich scheint mir dieser Artikel keine neuen Aspekte gegenüber den vielen zu bringen, die rund um das Festival veröffentlicht wurden.
    Ich finde es schade, dass neue Initiativen der jüngeren Zeit vom Autor nicht erwähnt werden. So hat die Stuttgarter Vector Informaatik in Karlsruhe die Gründung einer eigenen Firma bekanntgegeben, die gezielt Venture Capital und Partner-Know-how für Start-Ups bereitstellt, die sich mit digitalen Innovationen in Marktnischen positionieren wollen, in denen ein ROI nicht in Monatsfristen zu erwarten ist.
    So verändert sich die Start-Up Szene auch dahingehend, dass eine Ausdifferenzierung der Start-Ups und der Innovationsförderung stattfindet.

    1. Andreas Geldner sagt:

      Guten Tag Herr Lindner,
      also wenn man nach drei Monaten schon eine völlig andere Gesamtschau des Gründerstandortes schreiben müsste, dann hätten wir in Baden-Württemberg ja geradezu eine revolutionäre Aufbruchstimmung erreicht. Ganz so ist es dann vielleicht doch nicht – und nicht jeder war in Karlsruhe. Einzelbeispiele können da immer nur exemplarisch sein und nicht die ganze Aktualität widerspiegeln. Die Gelegenheit, ihre aktuelle Initiative ins rechte Licht zu rücken, haben sie denn ja auch genutzt.

      Gruß
      Andreas Geldner

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