Digitalisierung – welche Jobs sind bedroht?

DigitalisierungSpitzensportler haben wohl wenig von Robotern zu befürchten. Foto: Humanrobo, CC BY-SA 3.0

Welche Jobs vernichtet die Digitalisierung und wo entstehen neue? Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung versucht anhand von  Kriterien, wie sie  bei der Berufsberatung verwendet werden, eine Antwort für Deutschland.

In Deutschland haben Mechatroniker, Buchhalter sowie Lager- und Transportarbeiter ein hohes Risiko, dass ihre Jobs künftig von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden könnten. Das ergab eine Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Ebenfalls stark von der Digitalisierung bedroht sind die Tätigkeiten von Chemikanten und Karosserie- und Fahrzeugbauermeistern.
Demnach sind vor allem Berufe im Bereich der Industrieproduktion bedroht. Bei sozialen und kulturellen Dienstleistungen ist die Wahrscheinlichkeit dagegen gering, dass die beruflichen Tätigkeiten demnächst von Computern erledigt werden. Dazu zählen unter anderem Architekten, Grundschullehrer, Pfarrer und Zahnärzte.

Zwei Drittel der Verkaufs-Jobs sind durch Digitalisierung gefährdet

Die Auswertung des IAB basiert auf einer  Studie, die nach eigenen Angaben erstmals für Deutschland abschätzt, welche Berufe durch die Digitalisierung ersetzt werden könnten. Dabei nahm die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit das Tätigkeitsprofil aller Berufe als Grundlage, wie es auch Arbeitsvermittler nutzen. In einem zweiten Schritt untersuchten die Experten, welche Tätigkeiten von Computern schon heute vollständig ersetzbar sind. Demnach muss zum Beispiel eine Verkäuferin sechs Tätigkeiten verrichten – abrechnen, kassieren, verpacken, Kunden beraten, verkaufen und Waren auszeichnen. Hiervon könne man die Abrechnung, das Kassieren, das Verpacken und die Warenauszeichnung komplett automatisieren, während die Kundenberatung und der Verkauf wegen des flexiblen Kontakts zum Kunden weiterhin von Menschen verrichtet werden müssten. Deshalb vergaben die Forscher dem Beruf Verkäufer eine Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent, dass der Beruf von Computern oder computergesteuerten Maschinen ersetzt werden könnte.
Einen Wert zwischen 30 bis 70 Prozent setzen die Wissenschaftler mit einem „mittleren Substituierbarkeitspotenzial“ gleich, wie sie die Ersetzbarkeit bezeichnen. Bei einem Wert unter 30 Prozent sei die Gefahr niedrig, darüber hoch.

4,4 Millionen Beschäftigte könnten ersetzt werden

Insgesamt sind laut Studie in Deutschland 4,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte einem hohen Risiko ausgesetzt –  das entspricht einem Anteil von 15 Prozent. Allerdings arbeiten nur 100 000 oder 0,4 Prozent der Beschäftigten in einem Beruf, bei dem alle Tätigkeiten automatisiert bzw. von einem Computer übernommen werden könnten. Das treffe derzeit auf 20 Berufe zu, darunter alle Tätigkeiten eines Aufbereitungsmechanikers für Steinkohle oder eines Korrektors. Das heiße aber nicht, dass diese Berufe völlig verschwinden, so die Forscher. So könnte der Aufbereitungsmechaniker statt die Steinkohle zu sieben und zu sortieren, vermehrt Steuerungs- und Überwachungsaufgaben übernehmen sowie die Maschinen warten.
170 von rund 1200 Berufen seien überhaupt nicht durch Computer ersetzbar. Dazu zählen Busfahrer, da das autonome Fahren vor allem rechtlich noch nicht möglich sei und bisher lediglich Fahrerassistenzsysteme zum Einsatz kommen. Auch Expertenberufe wie Lehrer seien sicher – trotz E-Learning oder Computer, die als Hilfsmittel eingesetzt werden können. Sie vermitteln auch soziale Kompetenzen und grundlegende Techniken zur Wissensaneignung, Problemlösungen und Kreativität, heißt es. Auch in Berufen mit manuellen, schwer zu automatisierenden Tätigkeiten ständen die Chancen weiter gut, dazu zählen Schornsteinbauer, Friseure und Altenpfleger.

Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch umgesetzt

Insgesamt sei die Angst vor einem großen Beschäftigungsabbau im Zuge der Digitalisierung unbegründet, sagt Studienautorin Britta Matthes. „Nicht alles, was technisch möglich ist, wird auch umgesetzt.“ So seien derzeit Pflegeroboter gesellschaftlich nicht akzeptiert. Teilweise seien Menschen auch günstiger, als komplexe Maschinen einzusetzen wie zum Beispiel in der Logistik. „Die Investitionen in digitale Technologien müssen sich lohnen.“
Zudem würden auch neue Tätigkeiten entstehen – die Zahl der Stellen könnte im Schnitt sogar wachsen. „Es hat sich in den vergangenen Jahren nicht bewahrheitet, dass uns die Arbeit ausgehen könnte“, so Matthes. Ähnlich argumentiert Werner Eichhorst vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA). Das Automatisierungspotenzial dürfe nicht mit der tatsächlichen Automatisierungsrate gleichgesetzt werden.
Auch das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hatte in einer eigenen Studie internationale Forschungsergebnisse auf Deutschland übertragen, ohne wie die Wissenschaftler vom IAB direkt auf die Berufe einzugehen. „Selbst, wenn Automatisierung unmittelbar Arbeitsplätze kostet, entstehen durch den Wandel zugleich neue Arbeitsplätze, etwa bei der Herstellung der Technologie oder durch höhere Produktivität und größere Unternehmensgewinne“, heißt es. Gleichwohl liefere die „Automatisierungs-Wahrscheinlichkeit“ Hinweise darauf, in welchen Berufen der Anpassungsdruck hoch sei.

Weiterbildung ist der Schlüssel zum Job-Erhalt

Deshalb komme der Bildung und Weiterbildung eine Schlüsselrolle zu, betont Matthes – „und das nicht nur für gering Qualifizierte, sondern auch für Fachkräfte.“ Die Studie zeige, dass Helferberufe, für die typischerweise keine berufliche Ausbildung erforderlich ist, mit 45 Prozent ähnlich stark gefährdet sind wie Fachkraftberufe, für die eine mindestens zweijährige Ausbildung absolviert werden muss. Dagegen sei bei Berufen, für die man eine Meister- oder Technikerqualifikation braucht, das Risiko, von einem Computer ersetzt zu werden, mit rund 30 Prozent deutlich geringer.
„Das Thema wird unterschätzt. Jeder Berufstätige muss sich heute mit den neuen Technologien auseinandersetzen“, sagt Matthes. „Viele Fachkräfte sind nicht auf dem aktuellsten Stand der Technologie. Wir haben hier durchaus noch Nachholbedarf.“
Mit Politik und Wirtschaft geht die Forscherin hart ins Gericht: „Gerade auf Länderebene fehlt es oft an Ideen, dass der schnelle technologische Wandel auch in die Schulen kommt. Und nicht jede mittelständische Firma produziert auf dem neuesten technologischen Stand.“

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