Cyber-Classroom: Virtuelle Weiterbildung

Cyber-Classroom: Virtuelle WeiterbildungEin Auszubildender lernt im Cyber-Classroom die Struktur von Kunststoffen kennen. Dabei hat er durch den Einsatz von virtueller Realität das Gefühl, sich mitten in der Struktur zu bewegen.Foto:Imsimity

Neben der Planung von Fabriken wird virtuelle Realität immer häufiger auch zu Lernzwecken eingesetzt: Im sogenannten Cyber-Classroom können sich Arbeiter so weiterbilden, als stünden sie selbst gerade an der Maschine.

Eine neue Lernplattform soll den Firmen im Land ­helfen, bei der Digitalisierung konkurrenzfähig zu bleiben. Mit Weiterbildungen im ­sogenannten Cyber-Classroom sollen die ­Mitarbeiter vor allem kleiner und mittelständischer Unternehmen fit für die Technologien der Zukunft gemacht werden. Aktuell gibt es rund 40 Online-Kurse mit Schwerpunkten wie Maschinenbau, Mikrosystemtechnik, Metallbearbeitung und vernetzte Industrie, auch Industrie 4.0 genannt.
Bis Ende 2018 soll die Kurszahl auf 500 steigen. Das Besondere der Kurse ist der Einsatz ­virtueller Technologie, mit Hilfe der die Arbeiter und Angestellten so in den Lehrstoff eintauchen können, als wären sie selbst dabei. So können sie zum Beispiel virtuell mit Hilfe einer Datenbrille vom Büro aus eine Maschine bedienen, ohne selbst vor Ort zu sein.„Die Angestellten müssen im Umgang mit digitalen Technologien schnell und flexibel Know-how aufbauen, das künftig am Arbeitsplatz gefordert ist. Das können die Firmen oft nicht selbst leisten – dabei hilft die Plattform“, sagt Martin Zimmermann, Gründer des Virtual Dimension Center (VDC) Fellbach.

Der Cyber-Classroom bedeutet Vernetzung – nicht nur virtuell

Im VDC haben sich Maschinen- und Autobauer wie Festo und Daimler, Technologieunternehmen wie Virtalis und Imsimity sowie Universitäten und Forschungseinrichtungen der Region zusammengeschlossen, um vor allem das virtuelle Engineering zu fördern. Das Netzwerk wird vor allem von den Firmen selbst sowie der Stadt Fellbach und der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart unterstützt und basiert vor allem auf einem fachlichen Austausch. Beim virtuellen Engineering werden mit virtueller Realität (VR) Produkte und Fertigungen visualisiert und erlebbar gemacht. Auf diese Weise lassen sich Gebäude und Fabriken virtuell planen, Maschinen leichter warten und Prototypen digital testen. Durch die Technologie ist die Fertigung nicht nur schneller und günstiger, sie lässt sich auch individueller und häufiger einsetzen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn es um die Simulation von Crashtests geht oder der Entwicklung neuer Ladenkonzepte.Der Südwesten ist von virtuellen Technologien stark abhängig.

Instrument zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit

„Die Weiterbildungsplattform hilft, dass die Qualifizierung der Mitarbeiter international mit der Digitalisierung Schritt hält“, sagt Günter Wenzel, Leiter der Abteilung Virtual Environment am Stuttgarter Fraunhofer IAO. Mit Hilfe der virtuellen Realität würden die Lehrinhalte so wahrgenommen und erlebt, als existierten sie real. Piloten würden schon länger virtuell geschult. „Mit den klassischen Qualifizierungstechnologien schafft man das nicht“, betont Wenzel.
Im Wirtschaftsministerium begrüßt man die Weiterbildungsplattform. „Damit können kleinere und mittlere Unternehmen in Baden-Württemberg zusätzliche Kompetenzen erwerben“, betont Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Die virtuelle Realität sei nur ein Beispiel dafür, wo es im Land Nachholbedarf in der Nutzung gegenüber führenden Standorten gebe. „Der Cyber-Classroom kann dazu beitragen, dieses Defizit zu verringern.“ Europaweit habe Stuttgart das größte Netzwerk in virtueller Realität, sagt Zimmermann. Und man werde „die Technologie in die Breite bringen“, kündigt er an.
Deshalb soll der Cyber-Classroom auch in technischen Fächern von Schulen und Universitäten Einsatz finden. In Lehreinheiten lässt sich schon jetzt virtuell das Innere eines Herzens begehen oder der Aufbau von Kunststoffen begreifen. „Den Umgang mit diesen neuen immersiven Technologien zu lernen ist so wichtig wie es das Erlernen von Computerkenntnissen war“, sagt Zimmermann.

Erste Pilotprojekte laufen

An den Gymnasien in Donaueschingen und St. Georgen und der Feintechnikschule in Schwenningen wird deshalb der Cyber-Classroom mit den virtuellen Technologien als Pilotprojekt bereits erprobt. So erklären an der Feintechnikschule Kursmodelle auch die Arbeit in einer vernetzten Fabrik 4.0. Die Schüler können mit Hilfe von interaktiven Tafeln und 3-D-Projektoren die Abläufe und Maschinen dreidimensional sehen. Künftig soll mit Hilfe einer Brille für erweiterte Realität angezeigt werden, welche Teile in einer aufgebauten realen Versuchsanlage zu greifen und wie zu bearbeiten sind. „Die Schüler haben die Möglichkeit, Technologien kennenzulernen, die sie später in der Ausbildung und im Berufsleben brauchen“, sagt Jürgen Kubas, der als Lehrer das Projekt betreut.
„Es gibt in Deutschland Tausende Schulen in diesem Bereich, die das gebrauchen könnten. Sehr viele Schulen haben bereits Interesse bekundet“, sagt VDC-Gründer Zimmermann. Die Nachfrage im Bereich der vernetzten Fabrik sei so groß, dass die beteiligten Firmen die reale und virtuelle Lernfabrik als Gesamtlösung am Markt anbieten werden. Bis jetzt ist der Cyber-Classroom bei fünf Firmen im Piloteinsatz.
Unter anderem nutzt Daimler Trucks North America in Portland den Cyber-Classroom, um an Schulen und Hochschulen rund um den Standort junge Menschen für Technik zu begeistern. Auch deshalb fordert Zimmermann für den Bildungsbereich in Deutschland mehr Risikokapital ein. „Wir sind mit unseren virtuellen Technologien mit dem Silicon Valley auf Augenhöhe. Wir müssen es aber schaffen, dass Risikokapital für diese Technologien schneller zur Verfügung gestellt wird – sonst werden in Baden-Württemberg Microsoft, Google und Apple das Geschäft mit der Weiterbildung machen.“

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